Viele konservative Anleger beklagen heute die fehlenden Anlagemöglichkeiten, weil die Aktien angeblich zu riskant sind und es bei den Anleihen „keine anständigen Zinsen“ mehr gibt. Folglich flüchten sie panikartig in das „Betongold“ und kaufen völlig überteuerte Immobilien. Ein Kommentar von Dr. Viktor Heese, Finanzanalyst und Fachbuchautor.

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Alternativen? (Bild: Travel Aficionado, Stock Exchange, Lizenz: CC BY NC 2.0, Bildlink)

Obige Behauptungen sind allerdings sehr fraglich. Denn es gibt sehr wohl risikoarme Anleihen von deutschen DAX-Unternehmen und europäischen Staaten, die in Euro notieren (also kein Währungsrisiko), eine gute – oder zumindest vertretbare – Bonität aufweisen und eine Rendite von 5% jährlich (p.a). und mehr abwerfen.

Der frustrierte Anleger muss also gar nicht in Aktien oder gebührenträchtige „Modeinvestments“, wie den ETF & Co., sein Geld investieren. Er sollte sich dagegen ein wenig mit dem Anleihenthema beschäftigen und bereit sein, hier  eigene Recherche zu betreiben. Dieser Beitrag zeigt ihm, wie er hierin den Einstieg findet und wo er nach interessanten Titeln zu suchen hat.

Kupon, Kurs und Laufzeit – wie wird die Rendite berechnet?

Wie jedes Wertpapier hat jede Anleihe einen Kurs. Bei Fälligkeit wird sie immer zum Kurs von 100 zurückgezahlt. Der jährliche Zins – genannt Kupon – von z.B. 4% wird dabei stets auf den Kurs von 100 bezogen gezahlt. Die Rendite ist dagegen etwas anderes als der Kupon und berücksichtigt daneben noch die Differenz zwischen dem Kurs und der Rückzahlung von 100. Kauft Otto-Normal-Anleger seine 45ige Anleihe zu 87 und hat diese eine Laufzeit von 10 Jahren, so erzielt er eine Rendite von etwa 5,9% (Kupon 4%/Kurs 87+ 13/10 Jahre Laufzeit). Das ist in diesem Fall wesentlich mehr als der Kupon. Bei einem Kurs von 110 wäre es dagegen umgekehrt, die Rendite betrüge nur 2,64%. Kupon und Rendite dürfen daher nicht verwechselt werden. Dieses einfache Beispiel hilft weitere Aussagen besser zu verstehen.

Zum 1x 1 der Anleihenanalyse gehört weiter, dass die Kurse von der Entwicklung den gerade aktuellen Marktzinses abhängen. Im obigen Beispiel beträgt dieser bei den 10jährigen Papieren die errechneten 5,9%. p.a. Fällt der Marktzins, dann steigt der Kurs und umgekehrt. Diese Kursbewegungen haben aber einen Anleger, der die Anleihe bis zur Endfälligkeit hält, nicht zu interessieren. In unserem Beispiel bekommt er nach 10 Jahren immer den Kurs von 100 zurückgezahlt.

Die Zinsstrukturkurven – ein blick in die Renditelandschaft

Welche Renditen im realen Anleihenuniversum zu erzielen sind, zeigt die Zinsstrukturkurve, die auf den Webseiten der Börsenplätze eingesehen werden kann.

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Zinsstruktur (Bild: Börse Stuttgart)

Per 12.12.2016 warfen in der Graphik die 10jährigen Bundesanleihen etwas mehr als 0,5% Rendite pro Jahr ab, während die Staatsanleihen der Emerging Markets schon 2,5% boten. Bis 7 Jahre Anlagezeit war die Rendite der Bundesanleihen negativ. Der Leser merkt, dass das etwas mit der Bonität zu tun haben muss. Je höher die Bonität des Emittenten desto niedriger die Rendite der von ihm platzierten Anleihe und umgekehrt.

Heute ist der Renditeunterschied zwischen erst- und nachrangigen Anleihen eindeutig zu hoch.

Wo bleiben aber die am Anfang des Beitrages versprochenen 5% Jahresrendite? Je nach Anleihenart, sind das laut Graphik bei einer 1ojährigen Laufzeit immerhin Renditeunterschiede (Spreads) von 4,5% und 2,5%%!

Des Rätsels Lösung liegt im Unterschied zwischen den erst- und den nachrangigen Anleihen. Die obigen Zinsstrukturkurven zeigen nur die erstrangigen Anleihen. Hiernach werden die Inhaber erstrangiger Anleihen im Insolvenzfall – genau wie bei den erstrangigen und den nachrangigen Grundschulden im Hypothekenbereich – vorrangig bedient. Wie wir wissen, sind die Kreditzinsen für die mit der zweiten (weiteren) Hypothek besicherten Darlehen immer höher. Genau solchen Renditeunterschied gibt es auch im Anleihenbereich.

Wer heute diesen Unterschied vergleicht, kommt schnell zum Schluss er sei entschieden zu hoch.

To big to fail oder warum die Anlage in nachrangige DAX-Anleihen lohnt?

Nehmen wir als Begründung das Beispiel des Energieriesen RWE und vergleichen dabei eine erstrangige 3,0%ige Anleihe mit 7 Jahren Laufzeit und einen Kurs von 113,44 € per 12.12.2016, mit einer 3,5%igen und 8jährigen nachrangigen Anleihe die nur 86,02 € kostet. Zwischen den mit 0,73% und 5,87% errechneten Renditen liegen schon „Welten“.

RWE fällt als größter deutscher Energiekonzern jedoch eindeutig in die Kategorie „to big to fail“, was auf Deutsch heißt „zu groß um zu fallen“. Eher gehen in ganz Deutschland die Lichter aus, als VW Pleite geht – höre ich immer wieder von befreundeten Börsenhändlern. Der Konzern würde im Falle einer existenzbedrohenden Wirtschaftslage, genau so wie die Banken, mit Sicherheit mit Steuergeldern gerettet werden. Seine Insolvenz ist nur ein extrem hypothetischer Fall. Die internationalen Anleihenbedingungen sehen zudem eine Gleichbehandlung aller Gläubiger vor. Damit ist eine Bevorzugung erstrangiger Anleiheschuldner bei Zinszahlungen und Tilgungen auf Kosten der nachrangigen Schuldner nicht zulässig. Eine logische Begründung für über 5% Renditeunterschied kann nicht erkannt werden.

Auch VW, EnBW, Merck oder Lufthansa haben Anleihen mit vergleichbaren Renditen. Es fällt auf, dass bei Unternehmen, die in temporären Schwierigkeiten stecken nicht nur die Aktienkurse sondern auch die Anleihenkurse darunter „leiden“ müssen. Im Unterschied zu den Dividenden muß ungeachtet aller Probleme der Kupon aber immer gezahlt werden. Gefallene Anleihenkurse in Kombination mit dem unveränderten Kupon ergeben erst die hohen Renditen. Bei einer solchen Kursschwäche sollte der aufgeklärte Anleger zupacken.

Euro-Rettung immer noch aktuell oder warum die Anlage in europäische Staatanleihen immer noch lohnt?

Bei den Staatsanleihen gibt keine nachrangigen Anleihen, dafür aber bessere oder schlechtere Ratings. Hier eine Bemerkung: Die Ratings sind ein Politikum, da sie von US-Adressen (Moody, S&P) nach wenig transparenten Regeln vergeben werden. Schlechte Schuldner sollten eigentlich schlechte Ratings bekommen. Oft ist es aber umgekehrt: die im Geld schwimmenden Russen und Chinesen liegen nur im Mittelfeld, die mit 18 Bill. USD verschuldeten USA an der Spitze.

Für den Kauf der Staatsanleihen der schwächenden EU-Staaten wie Portugal, Spanien, Italien – oder auch für die EU-Newcomer, wie Rumänien – spricht eine anderes Argument: So lange am „Projekt Europa und Eurozone“ festgehalten wird, kann sich Brüssel einen Konkurs dieser Kapitalmarktadressen nicht leisten. Sonst wird nach dem Domino-Effekt die ganze Region in Mitleidenschaft gezogen werden. Diese Begründung ist natürlich etwas schwächer Natur als das „to big to fail“, nicht desto trotz aber noch robust. Auf den Seiten der Onlinebanken findet der Leser eine große Auswahl von renditeattraktiven Staatsanleihen der EU-Zone.

Der Fall Griechenlands untermauert die These, dass der mutige Anleihenkäufer auch in der Krise große Kursgewinne mit Anleihen erzielen kann. Diese betrugen in den letzten drei Jahren bei einigen Griechenland-Anleihen bis 50%. Im kleineren Format ist das auch bei den vorgenannten EU-Adressen denkbar. Eine 29jährige portugiesische Staatsanleihe mit einem Kupon von 4,1% kostet heute 90,80 €. Das ergibt eine Jahresrendite von 4,82% oder über 4,3% mehr als eine Bundesanleihe. Da sind schnell 10% Kursgewinn drin. Wenn das nicht klappt, sind die 4,82% auch eine Top-Rendite.

Wer kauft überhaupt heut noch erstrangige Anleihen?

Zu Schluss gilt zu fragen, warum werden diese „tollen Anleihen“ nicht von den Profis, wie Versicherungen, Fonds oder Pensionseinrichtung gekauft. Diese klagen doch andauernd, wie sie in der Niedrigzinsphase zu leiden haben! Auch hierfür gibt es eine plausible Antwort: Oft verhindert der Gesetzgeber oder die Anlageprinzipien der Fonds den Erwerb mit antiquierten Vorschriften, die z.B. nur den Kauf erstklassiger und hochgerateter Anleihen zulassen. Wäre es anders, würde niemand Finanzminister Wolfgang Schäuble seine zinsuninteressanten Anleihen kaufen. Der Oberste Kassenwart müsste dann viel mehr Zinsen zahlen und könnte nicht ständig mit seiner „schwarzen“ Null angeben.

Autor:
Dr. Viktor Heese, Finanzanalyst und Fachbuchautor, www.börsenwissen-für-anfänger.de