Die Dresdner Sinfoniker äußern sich musikalisch zum Genozid an den Armeniern. Die türkische Regierung tritt auch hier das hohe Gut der Meinungs- und Kunstfreiheit mit Füßen und fordert die EU-Kommission auf, die finanzielle Förderung für das Konzertprogramm einzustellen.

Dank Angela Merkel gibt Erdogan nun auch den Takt im europäischen Kunstbetrieb an (Bild: metropolico.org)
Dank Angela Merkel gibt Erdogan nun auch den Takt im europäischen Kunstbetrieb an (Bild: metropolico.org)

Immer bizarrer, immer aggressiver und immer offenkundiger wird die Einflussnahme der islamischen Türkei auf die Kunst- und Meinungsfreiheit in Deutschland.

Der zur staatstragenden Affäre mutierte »Böhmermann-Fall« ist nur ein beschämendes Beispiel dafür, wie weit der lange Arm des türkischen Despoten – durch die Merkelsche Politik begünstigt – bereits tief in die bundesdeutsche Politik hinein reicht.

Türkische Zensur kommt bei Dresdner Sinfoniker an

Seit zwei Wochen nun übt die Türkei massiven Druck auf die EU-Kommission aus. Grund hierfür: Die Dresdner Sinfoniker bringt zum 101 Jahrestages des Genozids an den Armeniern durch die Jungtürken des Osmanischen Reichs das Stück »aghet -­ ağıt« zum wiederholten Mal auf die Bühne. 2015, zum 100. Jahrestags des Völkermords spielte ein Orchester aus deutschen, türkischen und armenischen Musikern erstmals in Berlin das Stück, das an den Genozid an den aramäischsprachigen, christlichen Volksgruppen der Aramäer, Assyrer und Chaldo-Assyrer sowie den türkischen Griechen durch die Jungtürken des Osmanischen Reichs im Jahr 1915 erinnern soll. Durch Massaker und Todesmärsche verloren rund 1,5 Millionen Menschen ihr Leben. Bis heute wird dieser Völkermord von der türkischen Regierung nicht anerkannt, das Wort darf offiziell nicht einmal erwähnt werden.

Die Dresdner Sinfoniker wurden 1997 von Markus Rindt und Sven Helbig gegründet. Das Orchester ist auf zeitgenössische Musik spezialisiert, ihre Konzertprojekte sind laut Eigendarstellung häufig im Grenzgebiet zwischen Kunst- und Populärmusik angesiedelt.

Bei Ungehorsam: Aussetzung der Beitrittsverhandlungen

Die türkische Regierung versucht zum wiederholten Male (metropolico berichtete), nun durch Einflussnahme auf EU-Ebene dem Kunstprojekt der Dresdner Sinfoniker finanziell das Wasser abzugraben. Wie der Intendant der Dresdner Sinfoniker, Markus Rindt, gegenüber WeltOnline berichtet, wird das Programm von der Brüsseler Exekutivagentur für Bildung, Audiovisuelles und Kultur (EACEA) subventioniert. Die türkische EU-Botschaft habe nun die Einstellung der EU-Förderung verlangt und die Agentur aufgefordert, alle Angaben zu dem Kunstprojekt «Ağıt» von deren Internetseite zu nehmen. Der türkische Diplomat habe laut einer aktuellen Pressemitteilung der Dresdner Sinfoniker andernfalls mit der Aussetzung der Beitrittsverhandlungen der Türkei zur Europäischen Union gedroht.

»Dass die türkische Regierung nun selbst vor Einflussnahme auf die freie Meinungsäußerung in Kunst und Kultur auf europäischem Boden nicht zurückschreckt, ist ein Warnsignal. Sie verlangt einen Maulkorb für Botschaften, die ihr nicht passen und überschreitet damit eine weitere Grenze. Völlig klar ist, dass wir einer Vermeidung des Begriffes Völkermord nicht zustimmen werden. Es ist mehr als überfällig, zu einer gemeinsamen europäischen Haltung gegenüber dieser tragischen Episode der türkischen Geschichte zu kommen. Der Genozid an den Armeniern und dessen Leugnung durch die türkische Regierung strahlt in die Gegenwart aus und ebnet den Boden für die maßlose Gewalt gegenüber der kurdischen Bevölkerung. Das Appeasement durch die EU-­Kommission macht Europa zum Mittäter« so  Marc Sinan, Komponist und Gitarrist und einer der Initiatoren von »aghet -­ ağıt« laut dem Magazin Klassik. Sinan, der nach eigener Aussage deutsche, türkische und armenische Wurzeln hat, widmete das Programm seiner armenischen Großmutter, die den Völkermord als Kind überlebte.

Devote EU-Kommission?

Offenbar jedoch sei auf Verlangen der türkischen Botschaft die Projektbeschreibung von der Website der EU-Kommission entfernt worden. Hintergrund soll die Überarbeitung und »Entschärfung« der Formulierung sein. Die EU-Kommission bestätigte laut WO, sie werde die 200.000 Euro Unterstützung nicht infrage stellen – und auch, dass sie den ursprünglichen Text von der Website entfernt habe; es gebe aber Bedenken wegen des Wortlauts, denen Rechnung getragen werden solle.

Die nächste Aufführung von „aghet – ağıt“ im Dresdner Festspielhaus Hellerau wird am 30. April 2016 stattfinden. Im November 2016 soll das Projekt in Istanbul, Belgrad und Jerewan aufgeführt werden. (BS)