Björn Höckes berühmt-berüchtigte Rede zu den seiner Auffassung nach unterschiedlichen Reproduktionsstrategien war nach Meinung Prof. Werner Patzelts in Teilen rassistisch aber nicht extremistisch. metropolico liegt das Gutachten vor, das wir in Auszügen veröffentlichen.

Hat er der AfD "schweren Schaden" zugefügt? (Bild: metropolico.org)
Hat er der AfD „schweren Schaden“ zugefügt? Björn Höcke ist häufig Ursache für Kontroversen. (Bild: metropolico.org)

Über 12 Seiten setzt sich Patzelt mit Höckes Rede auseinander, die dieser am 21. November am „Institut für Staatspolitik“ gehalten hatte (metropolico berichtete). Der Professor für vergleichende Politikwissenschaften kommt zu einem Zwischenergebnis, das im ersten Augenblick ob seiner scheinbaren Widersprüchlichkeit überrascht: „rassistisch aber nicht extremistisch“ sei der entscheidende Teil der Rede Höckes.

Menschen zeigen durchgängig ein einziges Reprodukionsverhalten

Rassistisch sei Höckes Darstellung angeblich unterschiedlicher Reproduktionsstrategien nach der „r-„ bzw. „k-Strategie“, unter anderem deshalb, da diese tatsächlich vorhandenen „Strategien“ von Art zu Art, nicht jedoch innerhalb einer Spezies variierten. Menschen würden als Primaten durchgängig ein Reproduktionsverhalten zeigen, das mit einer umfassenden Fürsorge für die Nachkommen einhergehe (siehe Auszug aus dem Gutachten unten).

Jedoch seien Höckes rassistische Äußerungen nicht extremistisch. Dabei dürfe man den Begriff des Extremismus nicht mit einem beliebigen Bedeutungsinhalt befüllen. „Der präzise Begriff des Extremismus ist jener, den das Bundesverfassungsgericht, die deutschen Sicherheitsbehörden sowie die politikwissenschaftlichen Extremismusforscher verwenden“, erklärt Patzelt in seinem Gutachten. Eine Information, die der Spiegel bei seiner Veröffentlichung vom Freitag unterschlagen hat, obwohl dem Hamburger Nachrichtenmagazin das Gutachten nach eigenen Angaben (in Gänze) vorliegt.

Höcke zielt nicht auf Beseitigung der freiheitlich demokratischen Grundordnung

„Extremist im Sinn dieses präzisen Begriffs ist nämlich jeder, der in Gedanken, Worten oder Werken auf die Beseitigung einer freiheitlichen demokratischen Grundordnung ausgeht“ macht der Politikwissenschaftler klar. Das Bundesverfassungsgericht definiert diese sogenannte FDGO wie folgt:

„…eine Ordnung, die unter Ausschluss jeglicher Gewalt- und Willkürherrschaft eine rechtsstaatliche Herrschaftsordnung auf der Grundlage der Selbstbestimmung des Volkes nach dem Willen der jeweiligen Mehrheit und der Freiheit und Gleichheit darstellt. Zu den grundlegenden Prinzipien dieser Ordnung sind mindestens zu rechnen: die Achtung vor den im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechten, vor allem vor dem Recht der Persönlichkeit auf Leben und freie Entfaltung, die Volkssouveränität, die Gewaltenteilung, die Verantwortlichkeit der Regierung, die Gesetzmäßigkeit der Verwaltung, die Unabhängigkeit der Gerichte, das Mehrparteienprinzip und die Chancengleichheit für alle politischen Parteien mit dem Recht auf verfassungsmäßige Bildung und Ausübung einer Opposition.“ (BVerfGE 2, 1, Ls. 2, 12 f.)

Patzelt kommt zu dem Schluss: „Die untersuchte Textpassage berührt keines jener Themenfelder, auf denen sich Extremismus im präzisen Begriffssinn erweisen könnte. Also gibt es auch keine extremistischen Aussagen.“

Verletzung der Sorgfaltspflichten und schwerer Schaden für die AfD

Der von Höcke begangene Irrtum bezüglich der Reproduktionsstrategien bei verschiedenen Spezies möge bei einem einfachen Bürger noch verzeihlich sein, meint Patzelt. Doch bei einem Parteiführer sei die Sorgfaltspflicht deutlich umfassender, zumal „wenn man sich ohne Not zu den – fraglos gegebenen – biologischen Grundlagen menschlicher Gesellschaften und Kulturen äußert und auf diese Weise nicht nur in die Untiefen der Diskussion um Rassismus und Sozialdarwinismus gelangt, sondern obendrein damit rechnen muss, dass vom politischen Gegner gewiss mit Fleiß missverstanden werden wird, was immer auch nur im Ansatz misszuverstehen ist.“

Gerade Höcke hätte diese Sorgfaltspflicht verletzt. „Und erst recht handelt ein Parteiführer leichtfertig, falls er solchen Sorgfaltspflichten auch dann nicht gerecht wird, wenn ihn der politische Gegner bereits zur Hauptzielscheibe beim Kampf gegen seine Partei gemacht hat.“

Wer hat das Gutachten in Auftrag gegeben?

Der AfD sei daher durch Björn Höcke schwerer Schaden zugefügt worden.

Das Gutachten ist schon einige Tage alt. Unklar ist, wer es in Auftrag gegeben hat. Der Spiegel schreibt von „AfD-Mitgliedern“, doch Gerüchte innerhalb der Partei besagen, dies sei durch den Bundesvorstand angefordert worden. Dies bestreitet Dirk Driesang, Beisitzer im Bundesvorstand, gegenüber metropolico. „Ich kenne das Gutachten, doch dies ist definitiv nicht durch den Bundesvorstand in Auftrag gegeben worden“, erklärt Driesang.

Björn Höcke war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. (CJ)

Hier der entscheidende Auszug aus dem Gutachten:

„Sehr missverstanden wurde von Höcke die wissenschaftliche Reichweite des populationsökologischen Doppelkonzepts der r- und K-Strategie. Aus genau diesem Missverständnis ergeben sich die zentralen Denk- und Argumentationsfehler des untersuchten Redeauszugs.

Das zentrale Anliegen der Populationsökologie ist es, die – im Zeitverlauf bzw. Generationenaustausch sich vollziehenden – Wechselwirkungen zwischen Populationen und ihrer Umwelt (zu der auch andere Populationen gehören können) zu erkennen, zu verstehen und zu erklären. Insofern war es richtig, dass Höcke bei der Behandlung des Migrationsthemas überhaupt auf die Populationsökologie zu sprechen kam.

In der Populationsökologie werden nun zwei verschiedene „Fortpflanzungsstrategien“ unterschieden. Gemeint sind damit allerdings keine Strategien, die man bewusst benutzen würde. „Strategie“ dient vielmehr nur als Kürzel für komplexe Prozesse. Und im Grunde geht es um das Folgende:

  • Als „r-Strategie“ der Fortpflanzung wird bezeichnet, dass Individuen einer Art sehr viele Nachkommen erzeugen (etwa sehr viele Eier legen), diese dann aber sich selbst überlassen. Anschließend reift – je nach Umweltbedingungen und zufälligen Ereignissen – meist nur eine geringe Anzahl von ihnen zu fortpflanzungsfähigen Lebewesen heran, was dann die Art mit ihren Umweltressourcen im Gleichgewicht halten kann. Reifen aber viele Nachkommen heran und pflanzen sich fort, so werden die für ihre Art verfügbaren Umweltressourcen alsbald übernutzt. Entweder erschließen sich die Individuen dann neue Lebensräume, oder es kommt zu einer „regulativen Katastrophe“, bei der die Population auf jene Anzahl einbricht, die für ihre Nische „ökologisch tragbar“ ist.
  • Als „K-Strategie“ der Fortpflanzung wird bezeichnet, dass Individuen einer Art sehr wenige Nachkommen erzeugen (etwa kleine Würfe von Neugeborenen), sich anschließend aber – mitunter jahrelang – um deren Ernährung, Aufzucht und nötigenfalls auch Sozialisation kümmern. Auf diese Weise gibt es eine gewisse Chance, dass die ökologische Kapazitätsgrenze nicht überschritten wird und „regulative Katastrophen“ ausbleiben.

Die „r-Strategie“ findet sich oft bei vergleichsweise einfachen Lebewesen wie Mikroorganismen, bei kleineren Formen komplexerer Lebewesen (von Kleinkrebsen über manche Vögel bis zu den Mäusen) sowie bei sozialen Insekten. Mit ihr kommt eine Art vergleichsweise gut über schwankende Umweltbedingungen hinweg.

Die „K-Strategie“ findet sich bei nicht wenigen Vögeln und bei vielen Säugetieren, also bei vergleichsweise komplexen Lebewesen. Weil mit ihr eine längere Zeit elterlicher Nachwuchspflege einhergeht, entstand mit der K-Strategie auch eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung von Kultur: nämlich Zeit für die Vermittlung erlernter, nicht nur angeborener Fertigkeiten von der Elterngeneration an die nachwachsende Generation. Solche Kulturentstehung ermöglicht es einer Art, sich auch unter Knappheitsbedingungen solange in ihrem Habitat zu halten, wie die Umweltbedingungen sich nicht allzu rasch verändern.

Missverstanden hat Höcke an beiden Strategien vor allem, dass Primaten – zu denen wir Menschen gehören – sich ohnehin nur nach dem Muster der K-Strategie fortpflanzen. Wir befinden uns ganz einfach oberhalb jener „Primitivitätsgrenze“, welche durch das Fehlen jeglicher Nachwuchssozialisation bei der r-Strategie nicht überschritten werden kann. Höcke schreibt hingegen einer besonderen Menschengruppe eine Fortpflanzungsstrategie zu, die bei Menschen – und somit auch bei jener Menschengruppe – aber gar nicht vorkommt. Er formuliert also schlicht eine mit den Tatsachen nicht übereinstimmende Aussage. An dieser hält er freilich wie an einer richtigen Aussage fest. Er leitet aus ihr sogar praktische Handlungsempfehlungen ab, die dann freilich gar keine Grundlage in der – auf der menschlichen Evolutionsstufe bestehenden – Wirklichkeit haben. Alles in allem nutzt Höcke falsch angewendetes biologisches Wissen dafür, konkrete Menschen sowie ihre Kulturen einem – für Menschen – rein fiktiven „biologischen Fortpflanzungstyp“ zuzuordnen und sie dann auch noch als „im Rahmen dieses Typs unveränderlich“ anzusehen. Eben das erfüllt den Tatbestand des Rassismus.

Somit erweist sich, dass auch die folgenden Aussagen rassistisch sind. Überdies sind sie empirisch falsch:

  • Es hat „die Evolution Afrika und Europa … zwei unterschiedliche Reproduktionsstrategien beschert“.

Keineswegs hat „die Evolution“ Afrika und Europa zwei unterschiedliche Reproduktionsstrategien „beschert“. Vielmehr gibt es beide Strategien auf sämtlichen Kontinenten, wobei die r-Strategie die ältere zu sein scheint. Bei Menschen – ihrerseits eine vergleichsweise neue Hervorbringung der Evolution – kommt aber nur die K-Strategie vor, weshalb es hinsichtlich der den Menschen angeborenen „Fortpflanzungsstrategie“ völlig unwichtig ist, auf welchem Kontinent sie leben oder von welchem Kontinent sie kommen.

  • Es herrscht Afrika die r-Strategie vor, während man in Europa überwiegend die K-Strategie verfolgt.

Erstens wird keine dieser Strategien „verfolgt“, sondern gehört jeweils zu jenem genetischen Programm, das allem Verhalten einer Art vorgeordnet ist. Zweitens gibt es hinsichtlich der angeborenen Fortpflanzungsstrategie ohnehin keine Unterschiede zwischen Afrikanern und Europäern. Drittens gehen jene Unterschiede im tatsächlichen Reproduktionsverhalten, die man beim Vergleich zwischen afrikanischen und europäischen Staaten leicht erkennen kann, auf kulturelle und soziale Faktoren zurück, ja sogar auf politisch beeinflussbare Rahmenbedingungen. Zu alledem gehört unter anderem, ob Frauen soziokulturell nach der Zahl ihrer Kinder beurteilt werden; ob Kinder zu haben als Ersatz für ein fehlendes Kranken- oder Rentenversicherungssystem dient; ob Kinder zu haben ein Armuts- oder soziales Deklassierungsrisiko darstellt; ob sich durch wirksame Verhütungsmaßnahmen der Zusammenhang zwischen Sex und Fortpflanzung unterbrechen lässt; und was die gesellschaftlichen Leitbilder für ein gelingendes Leben sind. Doch alle diese rein kulturellen Faktoren, in denen sich Europa und Afrika vielfach bis heute unterscheiden, bleiben bei Höcke unter einen – obendrein falsch verstandenen – biologischen Faktor verborgen. So zu verfahren, erfüllt den Tatbestand des Rassismus.“