Leitartikel: Gerade einmal 74,3 Prozent sind es geworden für den alten und neuen SPD-Parteivorsitzenden. Sigmar Gabriel wurde auf dem SPD-Parteitag nach allen Regeln der Genossen „abgewascht“. Mehr Applaus erhielt er für sein wiederholtes AfD-Bashing.

Eine Watschen von den Genossen (Bild: metropolico.org)
Eine Watschen von den Genossen (Bild: metropolico.org)

Nach Tagesspiegel-Informationen soll Sigmar Gabriel kurz vor der Verkündung des offiziellen Wahlergebnisses über seinen Rücktritt nachgedacht haben. Und es kam so derbe wie von Gabriel befürchtet. Auf gerade einmal 74,3 Prozent der Stimmen hangelte er hoch.

Ein glänzendes Wahlergebnis zum Vorsitz einer Partei sieht anders aus.

Warum nur?

Medien wie der Spiegel versuchen nun Erklärungen für das miese Ergebnis zu finden. Da wird Gabriels angebliches Überschreiten einer roten Linie beim Thema „Asylchaos“ benannt, die ihm die Delegierten übelnahmen. Gabriel habe dafür plädiert, die Probleme klar zu benennen und sich Gedanken zu einer gesteuerten Zuwanderung zu machen. Das sieht ein Teil der Genossen ganz offensichtlich anders.

Oder war es Gabriels wagemutiges Gefecht mit der sozialistischen Juso-Vorsitzenden Johanna Uekermann, das ihm Stimmen gekostet haben mag? Oder einfach doch ganz banal seine stinklangweilige Bewerbungsrede um den Vorsitz.

Sicherlich nicht verantwortlich für sein blamables Ergebnis ist Gabriels unter der Gürtellinie angesiedelter Umgang mit dem politischen Gegner. Von den Genossen bestimmt nicht übelgenommen wurden die immerwährenden Angriffe, die Konkurrenten aus der AfD-Ecke als „offen rechtsextrem“ zu bezeichnen. Richtig sauer mache ihn aber der SWR, der angekündigt hatte, die AfD zukünftig eben nicht mehr rechtspopulistisch zu nennen. „Fürs Wegducken“ zahle man keine Fernsehgebühren, erklärte Gabriel unter aufbrausendem Applaus seiner Genossen, die wie er offensichtlich an die staatlich festgelegte Finanzierung des öffentlich rechtlichen Rundfunks schmähende Aussagen zu Lasten des politischen Konkurrenten erwarten. Das feste Bekenntnis des Vizekanzlers, auch weiterhin die Alternative für Deutschland als rechtspopulistisch zu brandmarken, wurde von den Genossen mit Applaus quittiert.

Schuld an allem sind die Konservativen

Und solange die „Feinde“ so klar zu benennen sind, wie für Sigmar Gabriel, dann ist auch der Kurs klar. Klar ist auch in Gabriels Welt, dass die CDU für den Aufstieg des Front National in Frankreich verantwortlich ist. Hätten die Konservativen in Europa besser zugehört, dann wäre der FN nicht so weit gekommen. Dauernd habe er Angela Merkel davor gewarnt, Frankreich diesen Sparkurs in dem unter dem Asylchaos komplett verschwundenen Problem der Euro-Krise zu zwingen. Die Vorstellung, dass die Bürger des von seinem sozialistischen Kollegen Hollande endgültig an die Wand gefahrenen Landes einfach die Nase von Leuten seines Schlages voll haben und durch ihr Abstimmungsverhalten Schlimmeres wie die letzten dschihadistischen Anschläge in Paris vermeiden wollen – diese Vorstellung existiert im Kopf des Deutschlehrers Sigmar Gabriel nicht.

Wie auch immer, Gabriel ist sich auch jetzt noch sicher, nichts falsch gemacht zu haben. Vielmehr habe er für einen „klaren Kurs in der SPD“ gesorgt. (BS)