„Nein, danke Herr Präsident, verehrte Politiker. Eure ausgestreckten Hände, eure Gedenkfeier: Wir wollen sie nicht! Und wir denken, Sie sind mitverantwortlich für das was uns passiert ist. Sie hätten viel früher reagieren müssen“. Die Schwester eines Opfers des islamischen Terrors von Paris macht Frankreichs Politiker mitverantwortlich und rief zum Boykott der ganzen Nation auf.

"Nein danke, Herr Präsident!" (Bild: Leif Hinrichsen, Marsch der Entschlossenen - In tiefer Trauer und Wut, Rechte: CC BY NC 2.0-Lizenz, Original: siehe Link)
„Nein danke, Herr Präsident!“ (Bild: Leif Hinrichsen, Marsch der Entschlossenen – In tiefer Trauer und Wut, Rechte: CC BY NC 2.0-Lizenz, Original: siehe Link)

Emmanuelle Prévost verlor ihren Bruder bei den letzten dschihadistischen Anschlägen in Paris vor zwei Wochen, als strenggläubige Muslime 130 Menschen ermordeten. In einem Facebook-Post macht sie deutlich, dass sie Frankreich und ihre politischen Vertreter für mitschuldig am Tod ihres Bruders hält, der im Konzertsaal Bataclan durch dschihadistische Mörder sein Leben verloren hat, weil Frankreich beim Schutz seiner Bürger versagt hat.

Sie rief zum Boykott der nationalen Trauerfeier am Freitag auf, bei der Frankreichs Präsident François Hollande zusammen mit über 1.000 geladenen Gästen medienwirksam den Opfern des islamischen Anschlags gedachte.

Frankreichs politische Repräsentanten haben sich schuldig gemacht

Ihre Ablehnung und Verweigerung der Trauerbezeugung durch französische Staatsmänner begründet die Trauernde einleitend damit, dass am 7. und 9. Januar diesen Jahres 17 Menschen bei dschihadistischen Anschlägen auf die Redaktionsräume des Magazins Charlie Hebdo und einem koscheren Supermarkt starben, und sich seither in Frankreich nichts verändert habe. Zehn Monate später sei es Menschen mit gleicher Überzeugung möglich gemacht worden, das selbe nochmals zu tun – dieses Mal mit zehn Mal mehr Opfern.

Die Betroffene lehnt das Beileid der politisch Verantwortlichen ab, weil Frankreich es ermöglichte, dass Angehörige die einem terroristischen Netzwerk angehören, nach Syrien ausreisen können und ungehindert danach wieder zurückkehren können. Frankreich erlaube es Menschen, die für die „Gefährdung der Staatssicherheit“ oder „mit terroristischen Zielen“ mit einem  „S“ gekennzeichnet seien, sich frei bewegen und jedes öffentliche Transportmittel benutzen können. Diese Menschen könnten sich Autos ausleihen, die sie dann, wie am 13. November geschehen, für Anschläge benutzen.

Weiter kritisiert die „verwitwete“ Schwester, dass „diese Menschen mit uns arbeiten dürfen“ und bezieht sich hier auf einen Attentäter der Angestellten bei der RATP, dem staatliche Betreiber des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in Paris, war. Weiter erinnert Emmanuelle Prévost daran, dass die Einstufung von Personen in die Kategorie „S“ keinerlei automatische Folgen trage, nicht einmal die einer Überwachung oder anderweitigen Kontrolle durch die Behörden. Außerdem seien diese Klassifizierungen zeitlich begrenzt. Wenn eine derartige Person keinerlei Straftat begeht oder gänzlich unauffällig lebe, werde die Akte der Person nach einem Jahr gelöscht.

Was sie in ihrem Facebook-Post nicht erwähnt: Einer der Attentäter von Paris hatte wegen eines Strafverfahrens die Auflage, sich einmal wöchentlich bei der Polizei zu melden. Den letzten sechs Wochen war er dieser Auflage nicht nachkommen. Doch auch dies hatte keinerlei Konsequenzen.

„Frankreich ist schuldig, für das was uns passiert ist“

Frankreich habe es zugelassen, dass in 89 als radikal eingestuften Moscheen Hass gepredigt werden durfte. Vor den traurigen Ereignissen des 13. Novembers hatte niemand daran gedacht diese aufzulösen. Erst danach wurde man aktiv.

Schuldig sei Frankreich auch deshalb, weil es möglich ist, dass ein Mann, der 2006 einen Mord beging und 2008 dafür verurteilt wurde, 2013 bereits wieder auf freiem Fuß gewesen sei. Dieser Mann kann ganz Frankreich ganz offen erklären, dass er mehrere Tage lang Terroristen bei sich untergebracht habe: „Man hat mich um einen Gefallen gebeten, und ich habe ihnen den Gefallen getan.“

Ebenso hätten sich die Repräsentanten des französischen Staates entschlossen, Luftangriffe gegen den Islamischen Staat im Irak und in Syrien zu fliegen, ohne sich zuvor zu versichern, dass ihre Mitbürger in Sicherheit sind.

Eure ausgestreckten Hände, eure Gedenkfeier: Wir wollen sie nicht!

Aus diesem Grund lehnte Prévost jegliche Kondolenz ab und erteilte den politisch Verantwortlichen im Namen ihrer Familie die Absage: „Nein, danke Herr Präsident, verehrte Politiker. Eure ausgestreckten Hände, eure Gedenkfeier: Wir wollen sie nicht! Und wir denken, Sie sind mitverantwortlich für das was uns passiert ist. Sie hätten viel früher reagieren müssen. Die Attentate vom Januar hätten bereits dafür ausreichen müssen! Ich rufe zum Boykott der nationalen Gedenkfeier für die Opfer auf und lade Sie ein, meine Erklärung zu teilen.“ Der Boykottaufruf wurde auf Facebook über 32.000 Mal geteilt. (BS)