Düsseldorf: Richterin Barbara Havliza ließ beim Prozess gegen die mutmaßliche IS-Unterstützerin Karolina R. den Gerichtssaal räumen, weil sich Teilnehmer einer Solidaritäts-Demonstration für den ehemaligen „Kalifen von Köln“ beim Eintreten des Gerichts nicht erhoben hatten. Später überraschte der Anwalt von Karolina R. mit einer Erklärung seiner Mandantin.

Die Vorsitzende Richterin Barbara Havliza (Bild) griff am Mittwoch konsequent durch (Bild: metropolico.org)
Die Vorsitzende Richterin Barbara Havliza (Bild) griff am Mittwoch konsequent durch (Bild: metropolico.org)

Während am Mittwoch im Hochsicherheits-Gerichtssaal des Düsseldorfer Oberlandesgerichts (OLG) der Prozess gegen die mutmaßliche IS-Unterstützerin Karolina R. und ihre beiden Mitangeklagten fortgesetzt wurde, fand vor dem Gerichtsgebäude eine Solidaritätskundgebung für den ehemaligen „Kalifen von Köln“ statt. Muhammed Metin Kaplan, selbsternannter „Kalif von Köln“, ist ein islamischer Fundamentalist, der in Köln gelebt hat und 2004 in die Türkei abgeschoben wurde. Neben hauptsächlich türkischen und türkischstämmigen Teilnehmern hatte sich auch der im Gefängnis zum Islam konvertierte ehemalige Linksterrorist Bernhard Falk der Kundgebung angeschlossen.

Unbeeindruckt von diesem Protest wurde im Inneren des Gerichtssaals jedoch das Verfahren gegen die drei mutmaßlichen IS-Unterstützer fortgesetzt. Gegen Karolina R. und zwei Mitangeklagte wird seit dem 21. Januar vor dem sechsten Strafsenat des OLG verhandelt. Laut Anklage soll die 26-jährige Islam-Konvertitin, die seit etwa zehn Monaten mit ihrem zweijährigen Sohn in Untersuchungshaft sitzt, im Oktober 2013 nach Syrien gereist sein, um ihrem Ehemann Fared Saal Kameras zur Produktion von Propaganda-Videos und mehr als 5.000 Euro Bargeld zu übergeben. Später soll sie ihm weitere rund 6.000 Euro zukommen haben lassen. Der algerisch-deutsche Fared Saal hatte Bonn verlassen, um als Jihadist nach Syrien zu gehen. Später hatte er sich dort der Terror-Organisation Islamischer Staat (IS) angeschlossen. Gegenwärtig ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen Saal wegen möglicher Kriegverbrechen. Auf einem im Internet veröffentlichten IS-Propagandavideo posierte Saal vor Leichen, die er als „Schweine“, „Tiere“ und „dreckige Kuffar“ bezeichnete. Dabei trat er auch mit seinem Stiefel gegen die Köpfe von Leichen. Karolina R.s Bruder Maximilian konvertierte ebenfalls zum Islam und schloss sich dem IS an.

Zum Eklat kam es, als die Kundgebung beendet wurde und die rund 30 Teilnehmer in den Gerichtssaal kamen, um dort den Prozess zu verfolgen. Zuerst forderte die Vorsitzende Richterin Barbara Havliza die Frauen auf, ihre Gesichter zu entschleiern, was auch befolgt wurde. Als sich die meisten Kundgebungs-Teilnehmer beim Eintreten des Gerichts nach der Mittagspause jedoch aufzustehen weigerten, griff Havliza konsequent durch und ließ den Saal räumen. Nur einige wenige, die den Regeln des Gerichts gefolgt waren oder beim Eintreten des Senats bereits standen, durften bleiben, darunter auch Bernhard Falk.

Karolina R. bricht überraschend ihr Schweigen

Nach der Vernehmung von Seda Ö., einer der Frauen des in Syrien aktiven Salafisten Denis Cuspert alias „Deso Dogg“, gab es am Mittwoch noch eine weitere Überraschung: Carsten Rubarth, einer der beiden Anwälte von Karolina R., zog ein Schriftstück hervor und erklärte, seine Mandantin wolle eine Einlassung machen. Was Rubarth dann vorlas, war jedoch kein Geständnis im Sinne der Anklage, sondern eine Darstellung der Ereignisse aus Karolinas Sicht. So war die Sprache davon, dass sie nach der Heirat mit Fared Saal und der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes Luqmaan „ein Leben nach islamischen Regeln“ führen wollte. Aber sie habe wohl zu romantische Vorstellungen gehabt, dass dies in einem islamischen Land leichter fallen würde. Sie habe in Syrien „ausprobieren wollen“, ob es möglich sei, in diesem Land zu leben. Auch ihr Mann sei nach Syrien gegangen, um das Assad-Regime zu bekämpfen, das „sogar Kinder abschlachte“.

Das Geld, das sie bei ihrer zweiten Reise nach Syrien bei sich hatte, sei für familiäre Zwecke gedacht gewesen, wofür ihr Mann Helmkameras wollte, wusste sie nicht: „Ich hatte keine Ahnung, dass mein Mann für eine Organisation wie IS in einem solchen Ausmaß im Internet auftreten könnte. Was er macht, finde ich nicht gut. Ich will nicht unterstützen, was er da macht. Heute weiß ich, dass dort Muslime andere Muslime niedermetzeln.“ Und: „Er schert sich nicht mehr um mich, hat andere Frauen. Ich kann nicht damit rechnen, dass er zu mir zurückkommt. Ich muss mich um meinen Sohn kümmern, der seit einem Jahr mit mir im Gefängnis lebt, damit er in Frieden und Sicherheit aufwachsen kann. Als man mir sagte, dass mein Bruder tot sei, was aber nicht stimmte, wurde mir klar, dass es durchaus eines Tages so sein kann, dass mein Bruder tot ist. Ich möchte dann bei meinen Eltern sein, um sie zu trösten und zu unterstützen.“

Glaubwürdigkeit der Einlassung wird sich noch zeigen müssen

Wie glaubwürdig Karolina R.s Einlassung ist, wird sich erst durch weitere Befragungen ihrer Person zeigen müssen. Noch stehen Skype-Protokolle vom 23. März 2014 im Raum, die bereits kurz nach Beginn dieses Verfahrens verlesen wurden und in denen sie die Taten des IS gutgeheißen hat: „Sie richten nach Allahs Gesetzen, sie töten diejenigen, die getötet werden müssen.“ Und: „Sie ziehen es wenigstens durch und richten nach der Scharia.“

Auch eine Zeugenaussage einer am Kölner Flughafen tätigen Zollobersekretärin am Donnerstag zeichnete ein anderes Bild: Die Zollbeamtin erzählte, dass Karolina R. bei ihrer Kontrolle kurz vor ihrer zweiten Reise nach Syrien im Oktober 2013 nervös und unsicher gewesen sei. Nur auf die Frage, warum sie Helmkameras mit sich führe, habe sie sofort geantwortet und gesagt, die Kameras seien für „einen Freund und Paintball-Spiele“. Das habe die in diese Kontrolle involvierten Mitarbeiter des Zolls glauben lassen, dass sich R. die Antwort auf diese Frage bereits vorher zurechtgelegt hatte. Was bedeuten würde, dass Karolina R. sehr wohl wusste, dass die Helmkameras eine besondere Bedeutung hatten. (PH)

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