Düsseldorf: Im Prozess gegen die drei mutmaßlichen IS-Unterstützer hat der bayerische Jihadist Harun P. am Mittwoch als Zeuge ausgesagt. Der von lebenslanger Haft bedrohte P. plauderte munter über das Jihadisten-Leben in Syrien, wollte aber selber nur dort gewesen sein, „um zu helfen“.

Im Hochsicherheitstrakt des OLG Düsseldorf kam es am Dienstag zu tumultartigen Szenen (Bild: metropolico.org)
Im Hochsicherheitstrakt des OLG Düsseldorf kam es am Mittwoch zu einem denkwürdigen Auftritt (Bild: metropolico.org)

Der 27-jährige Harun P. steht derzeit in München vor Gericht, weil er als Mitglied der Terror-Organisation Junud al-Sham in Syrien schwere staatsgefährdende Straftaten vorbereitet, an Morden und einer Gefangenenbefreiung beteiligt gewesen sein soll. Dafür droht ihm eine lebenslange Haftstrafe. Vor seinen Aktivitäten in Syrien hatte P. in München Plakate des Islam-Kritikers Michael Stürzenberger abgerissen und diesem gedroht, ihm „den Kopf abzuschneiden“. Am Mittwoch war er vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht (OLG) im Verfahren gegen die mutmaßliche IS-Unterstützerin Karolina R. als Zeuge geladen.

Gegen Karolina R. und zwei Mitangeklagte wird seit dem 21. Januar vor dem sechsten Strafsenat des OLG verhandelt. Laut Anklage soll die 26-jährige Islam-Konvertitin, die seit mehr als einem Jahr mit ihrem zweijährigen Sohn in Untersuchungshaft sitzt, im Oktober 2013 nach Syrien gereist sein, um ihrem Ehemann Fared Saal Kameras zur Produktion von Propaganda-Videos und mehr als 5.000 Euro Bargeld zu übergeben. Später soll sie ihm weitere rund 6.000 Euro zukommen haben lassen. Der algerisch-deutsche Fared Saal hatte Bonn verlassen, um als Jihadist nach Syrien zu gehen. Später hatte er sich dort der Terror-Organisation Islamischer Staat (IS) angeschlossen. Gegenwärtig ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen Saal wegen möglicher Kriegsverbrechen.

Saal soll mit „regelmäßigen Kampfhandlungen“ für den IS geworben haben

In Düsseldorf gab Harun P. den frommen Muslim, der nur nach Syrien gereist sei, „um zu helfen“. Gleichzeitig sagte er Sätze wie: „Die angeblich humanitäre Unterstützung für die Bevölkerung ging an die Kämpfer.“ Er schilderte seine Reise nach Syrien im Herbst 2013, seine Begegnungen dort mit Fared Saal, den er vorher nur telefonisch kannte, weil er ihm eine kurzzeitige Zweitfrau vermittelt hatte. Saal soll, so berichtete Harun P., einen Streit über ein Propaganda-Video ausgenutzt haben, Mitglieder anderer Terror-Gruppen für den IS abzuwerben. Dabei soll er damit geworben haben, dass der IS seinen Mitgliedern Wohnungen, Verpflegung, Taschengeld sowie „regelmäßige Kampfhandlungen“ verschaffe. Auch Karolina R. und ihr Bruder Maximilian seien zu dieser Zeit mit Saal dort gewesen, Maximilian habe er kurz getroffen. Und viele andere Deutsche seien ebenfalls dort gewesen: „Dort kommen und gehen Leute am laufenden Band.“ Saal soll bei den Bonner Jihadisten sehr bekannt gewesen sein.

Harun P. zog es nach seinen Angaben jedoch vor, wieder in die Türkei und „in sich“ zu gehen. Aber nach Deutschland wollte er auch nicht zurück, weil ihn dort noch eine Haftstrafe erwartete, die nur zur Bewährung ausgesetzt war. Also ging er später nach Aleppo, wo er die Taten begangen haben soll, die ihm jetzt in München zur Last gelegt werden. Fared Saal habe er nie mehr gesehen. Als ihn der Bonner Strafverteidiger Mutlu Günal, der einen von Karolina R.s Mitangeklagten vertritt, zu einem Foto befragte, auf dem er eine Mörsergranate lädt, sagte er stolz: „Die habe ich sogar abgefeuert.“ Günals Nachfrage zu einem weiteren Foto, das ihn mit einem Schnellfeuergewehr vom Typ AK-47 zeigt, war Harun P. jedoch weniger angenehm: „Das war nur zum Posen gedacht.“ Und er beteuerte, die Morde, die man ihm jetzt in München vorwirft, nicht begangen zu haben. Fragen zu den Medikamenten, die er nehmen muss, beantworte P. abwechselnd damit, wegen „Aggressionen“ und „Depressionen“ in Behandlung zu sein.

„Nein, keinen Deal gemacht“

Harun P.s Befragung dauerte bis zum frühen Abend, mit einem deutlich hörbaren bayerischen Akzent präsentierte er sich bis zur letzten Minute eloquent und auskunftsfreudig. Nach seinem Auftritt in Düsseldorf ist er auch noch in anderen Islamisten-Prozessen in Deutschland als Zeuge geladen, was Peter Krieger, einer der beider Anwälte Karolina R.s, spöttisch als „Deutschland-Tournee“ bezeichnete. Als ihn Mutlu Günal fragte, warum er so bereitwillig Auskunft gebe, sprach Harun P. plötzlich davon, die „Szene zerquetschen“ zu wollen. Günals Nachfrage, ob ihm für seine Aussagebereitschaft in seinem eigenen Verfahren Vergünstigungen versprochen worden sind, wehrte P. jedoch sofort ab: „Nein, keinen Deal gemacht.“ Aber Geld hätte er für seine Aussagen schon gerne gehabt.

Erst gegen 18 Uhr 30 beendete die Vorsitzende Richterin Barbara Havliza die Sitzung. Zurück blieben verstörte Prozessbeobachter, die es nur mit Mühe fassen konnten, dass einem mutmaßlichen Mörder und Terroristen die Gelegenheit zu einem solchen Auftritt gegeben wurde, nur um zu ergründen, was ein „kleiner Fisch“ wie Karolina R. tatsächlich von den Terror-Aktivitäten ihres Mannes gewusst hatte. Denn dass sich die Hauptangeklagte für die Taten des IS begeisterte, war bereits vor dieser Zeugenaussage bekannt. (PH)

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