Es ist nicht so geschehen, aber es hätte so geschehen können: Sarah Palin als Präsidentin, und die USA auf dem Weg in einen evangelikalen Gottesstaat – nur unterhaltsame Fiktion? Eine Rezension des Romans „Christian Nation“ von Frederic C. Rich.

Der etwas andere amerikanische Traum. (Bild: metropolico.org)
Der etwas andere amerikanische Traum.
(Bild: metropolico.org)

Was wäre wenn? Diese Frage hatte sich, sehr zu unserem gruseligen Vergnügen, der französische Autor Michel Houellebecq gestellt. In seinem Roman von der „Unterwerfung“ taten sich verschiedene politische Kräfte zusammen, um in einem Frankreich der nahen Zukunft die Präsidentschaft von Marine Le Pen zu verhindern, auch um den Preis, dass stattdessen ein Muslim Staatspräsident wurde. Der tat dann das, was geschrieben steht, und niemand sollte sich ernsthaft darüber wundern.

Bereits 18 Monate vorher, im Juli 2013, war ein anderer Autor derselben Frage nachgegangen. Frederic C. Rich, erfolgreicher Partner einer New Yorker Rechtsanwaltskanzlei, fand in seinem Land aber eine andere Situation vor, verbunden mit einer anderen Vision: was wäre geschehen, wenn 2008 nicht Barak Obama die Präsidentschaftswahl gewonnen hätte sondern der Republikaner John McCain? Was, wenn McCain, damals bereits 72 jährig und nach überstandener Krebserkrankung, kurz darauf verstorben wäre?

Schwache Präsidentin unter starkem Einfluss

Sarah Palin wäre in dieser nicht so ganz abwegigen Vorstellung die Präsidentin des mächtigsten Landes der Welt geworden. Genau diesen Pfad betritt Rich und beschreibt, wie sich sein Land Stück für Stück verändert. Dabei ist Palin selbst nur eine Randfigur. Eine ausgiebige Geschichte über Präsidentin Palin hätte der Geschichte stattdessen eine Wendung in Richtung von „King Ralph“ geben können, und ganz lässt es sich Rich auch nicht nehmen, den dokumentieren peinlichen Auftritten Palins fiktive hinzuzufügen.

Doch komisch ist der Roman „Christian Nation“ über diese Episoden hinaus ganz und gar nicht. Das Gruselige an der fiktiven Präsidentschaft Palins sind ihre Verbindungen mit dem Dominionismus, einer religiösen Bewegung in den USA, zu der Evangelikale und Angehörige der Erweckungsbewegung (Born Again Christians) gehören. Und so ist es kein Wunder, dass der Dominionismus mit Hilfe einer starken Persönlichkeit die Schwäche der Präsidentin und ihre Beliebtheit bei der, besonders in den Weiten der amerikanischen Provinz, ausgeprägt religiösen amerikanischen Bevölkerung, ausnutzt.

Nicht Koran und Scharia sondern Bibel und mit Gewalt durchgesetztes gottgefälliges Leben bestimmen das Bild in der heraufziehenden Dystopie. Die Erzählung geschieht aus der Sicht eines Ich-Erzählers, der wie der Autor selbst Anwalt in New York ist, begleitet von einem charismatischen, indischstämmigen, homosexuellen Freund aus Studententagen und einer Freundin, die mit dem Protagonisten den großen Ehrgeiz gemein hat, es in New York zu etwas zu bringen.

Amerika hat keinen König außer Jesus

Der Erzähler schreibt rückblickend die Änderungen im Lande minutiös auf, so wie man es von einem Rechtsanwalt erwarten würde. Dabei geht er nahtlos von den realen Ereignissen zum Zeitpunkt der Wahl im Jahr 2008 und den realen Gegebenheiten in den USA zu dieser Zeit über in eine Welt, die immer mehr einem Totalitarismus anheim fällt, den man so gar nicht mit einer „Christlichen Nation“ in Verbindung bringen möchte.

Zitate von Persönlichkeiten der Zeitgeschichte und aktuelle Umfragen machen klar, was den Autor zum Schreiben des Romans motiviert hat. Einige Beispiele:
„Die Wiederkehr Christi ist alles, wofür ich lebe. Und Ich hoffe, die Entrückung findet morgen statt.“ – Tom DeLay, der frühere Mehrheitsführer des Repräsentantenhauses im Jahr 2007.
„Amerika hat keinen König außer Jesus.“ – Attorney General (Justizminister) John Ashcroft im Jahr 2004.

Damit der Bezug zur Realität auch jedem klar wird, lässt Rich seine Figuren Statistiken erwähnen, nach denen 55 Prozent der Amerikaner fest daran glauben, dass der Mensch in seiner heutigen Form von Gott geschaffen wurde und 40 Prozent an die wortgetreue Wahrheit der Bibel glauben. Ebenfalls 40 Prozent bezeichneten sich als „Wiedererweckte“ (Born Again Christians), darunter George W. Bush. Home Schooling ist die gängige Methode, mit der vorwiegend tiefgläubige Amerikaner ihre Kinder vor den, nach ihrer Ansicht, unangemessenen Dingen des Lebens schützen wollen, mit denen sie in der Schule konfrontiert werden, so etwa der Lehre von der Entstehung der Arten (Evolution).

Juristische Untermauerung der evangelikalen Revolution

Dieses sehr reale, sehr religiöse Amerika ist in Richs Geschichte der Nährboden für den Dominianismus und christlichen Rekonstuktionismus, seit den Sechzigerjahren vertreten durch Rousas John Rushdoony und später durch seinen Schwiegersohn Gary North, die Amerika durch ohne Rücksicht durchzusetzende Bibeltreue auf die Wiederkehr Christi vorbereiten wollen. Nach ihrer Überzeugung können die Menschen sich keine Gesetze geben sondern nur Gottes Gesetz annehmen oder ablehnen. Individuelle Rechte sind konträr zu diesem Weltbild, körperliche Bestrafungen zum Beispiel für Ehebruch und Homosexualität von Gott geforderte Konsequenzen. Dass Rich ein durchaus differenziertes Verhältnis zur Religion propagiert, sieht man daran, dass Katholiken, Juden und einzelne Muslime als Verbündete gegen die Christian Nation in Erscheinung treten.

Action und Suspense sucht man im Buch zumeist vergeblich. Fast hat man den Endruck, der Autor vermeidet allzu unterhaltsame Handlungsfäden ganz bewusst. Stattdessen verbringt er viel Zeit damit, die streng den Gesetzen und der US-amerikanischen Verfassung folgende Entwicklung zu beschreiben. Die Revolution, so wie Rich sie in seinem Roman sieht, kann größtenteils auf bestehende Gesetze zurückgreifen. Man liest viel über die Stellung der Staaten, ihrer Verfassungen, und ihrer Organe gegenüber denen der Bundesregierung und den Bundesgerichten. Es werden fiktive Gesetzentwürfe wörtlich abgedruckt, politisch-religiöse Reden zu deren Untermauerung wiedergegeben und ebenso die Erwägungen der zögerlich entstehenden säkularen Gegenbewegung über mögliche Erwiderungen.

Fanatischer Anti-Fanatismus

Für Leser, die der Grundidee des Buches etwas abgewinnen können, wird die Geschichte dennoch nicht langweilig. Dass die Frage, wie denn die befreundeten Nationen reagieren, wenn die USA eine solch bedrohliche Entwicklung nehmen, nicht richtig behandelt wird, kann man verschmerzen. Amerika ist sich selbst genug, das kennt man. Ärgerlich ist hingegen, dass über das Feindbild der extremistischen Christian Nation hinaus, gleich jede Idee mit am Pranger landet, die nicht einem linken oder US-liberalen Leitbild folgt. Gesellschaftlich auch abseits religiöser Zerrbilder relevante Fragen nach Abtreibung, Adoption und gleichgeschlechtlicher Ehe, nach massiver Einflussnahme des Staates auf die Wirtschaft, werden als final richtig beantwortet dargestellt und dienen immer wieder als Beispiele, um die ganze republikanische Politik und nicht nur den religiös verblendeten Teil als abwegig darzustellen.

Zu zeigen, wie Fanatismus einer Bevölkerungsgruppe zu Diktatur und Unfreiheit führen kann, ist das eine. Diese Möglichkeit zum Anlass zu nehmen, Fanatismus der anderen Seite kritiklos Vorschub zu leisten, ist etwas anderes. In gewisser Weise folgt Rich hier als Säkularist selber einem blinden Glauben, indem er alles, was die Verfechter der Christian Nation für richtig halten, ohne weitere Begründung für falsch erklärt, nur weil es diese aus der Bibel ableiten.

An all dem kann man sich stören. Da das Faible für Keynsianische Wirtschaftspolitik und für heiteres Abtreiben nur gelegentlich seinen Weg in die Handlung findet, kann es aber gelingen, darüber hinwegzusehen. Christian Nation ist momentan in den gängigen Online-Buchhandlungen nur im englischen Original und in gebundener Form oder als E-Book verfügbar. Es gibt einen kurzen, leider nicht ganz den Kern treffenden Film-Trailer zum Buch, der auf Youtube und auf der Marketing-Website zum Buch anzusehen ist. (TF)

Frederic C. Rich: „Christian Nation“, Roman, W. W. Norton & Company (2013), 352 S., gebunden