Frank-Furter Schnauze: Und ausgerechnet sie preisen die Zivilcourage der Tugçe A.?

Bewegendes Video: Tugçe A. im Alter von 18 Jahren (Bild: Screenshot aus dem Video am Ende des Artikels)
Bewegendes Video: Tugçe A. im Alter von 18 Jahren (Bild: Screenshot aus dem Video am Ende des Artikels)

Wieder wurde in Deutschland ein Menschenleben durch rohe Jugendgewalt ausgelöscht. Nicht das erste, sicher nicht das letzte. Heute trauern wir um Tugçe A., deren Leben eine Bereicherung für dieses Land war. Möge ihr Tod uns wenigstens eine Lehre sein.

Im Oktober 2012 starb der 20-Jährige Johnny K., nachdem er zuvor von einer Gruppe türkischstämmiger Männer am Berliner Alexanderplatz brutal verprügelt wurde. Im März dieses Jahres bestätigte der Bundesgerichtshof die Urteile gegen die so genannten „Schläger vom Alexanderplatz“. Der Haupttäter, ein vorbestrafter Ex-Boxer, war wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die anderen fünf Tatbeteiligten kamen mit Haftstrafen zwischen zwei Jahren und drei Monaten sowie zwei Jahren und acht Monaten nach Jugendstrafrecht davon.

In der Nacht zum 10. März 2013 wollte der 25-jährige Lackierer Daniel S. einen Streit zwischen zwei Gruppen Jugendlicher schlichten, der auf einer Busfahrt zu einer Diskothek entstanden war. Nach Ankunft am Zielort, dem Bahnhof Kirchweyhe, wurde Daniel S. in „Kung-Fu-Manier“ in den Rücken getreten, fiel zu Boden, mehrere junge Männer schlugen und traten anschließend auf ihn ein. Vier Tage später verstarb Daniel S. im Krankenhaus. Der türkischstämmige Haupttäter Cihan A. wurde zu fünf Jahren und neun Monaten Jugendhaft verurteilt. Der Vorsitzende Richter nannte die Tat „völlig sinnlos und unbegreiflich“. Mehrere Mittäter blieben unbekannt.

Es ist ihr Geburtstag, und ihr Todestag zugleich

„Völlig sinnlos und unbegreiflich“ ist auch das, was in den frühen Morgenstunden des 15. Novembers 2014 vor einer Offenbacher Mc-Donalds-Filiale geschah. Die 22-jährige türkischstämmige Tugçe A. kam zwei Frauen zur Hilfe, die von einer Gruppe junger Männer belästigt wurden. Kurze Zeit später schlug auf dem Parkplatz vor dem Restaurant einer der Männer, der 18-jährige polizeibekannte Serbe Sanel M., brutal zu. Zeugen berichteten von einem „fürchterlichen Geräusch“, die junge Frau sackte zusammen und stürzte auf den Asphalt. Sie fiel ins Koma. Die Ärzte konnten ihr nicht mehr helfen, stellten am gestrigen Donnerstag den Hirntod fest.

„Wir wussten von Beginn an, dass sie ihre Verletzungen nicht überleben wird“, sagte der Integrationsbeauftragte der hessischen CDU, Ismail Tipi, gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Dennoch habe man „bis zuletzt gehofft, dass ein Wunder geschieht“, und „nach jedem Strohhalm gegriffen“. Nun weicht jede Hoffnung der traurigen Gewissheit. Die lebensverlängernden Maßnahmen werden heute, am Freitag, den 28. November 2014, eingestellt. Heute wird Tugçe 23 Jahre alt. Es ist ihr Geburtstag. Und ihr Todestag zugleich.

Als wäre ein ausgelöschtes Leben nicht Hinweis genug

Johnny K., Daniel S., Tugçe A. – drei Fälle von vielen, die sich ähneln, die für die Opfer schlimmstenfalls das ultimative Ende bedeuten: den Tod. Die Täter leben weiter, erfreuen sich in diesem Land in aller Regel beschämend niedriger Strafmaße. So wird es wohl auch Sanel M. ergehen, der bislang zu seiner Tat geschwiegen hat. Wegen Mord oder Totschlag wird sich der Serbe wohl nicht vor Gericht verantworten müssen. Staatsanwalt Axel Kreutz sagte gegenüber der Tageszeitung Die Welt, dass er keine Hinweise auf einen Tötungsvorsatz sieht. Als wäre ein ausgelöschtes Leben nicht Hinweis genug.

Regelmäßig sterben in Deutschland Menschen infolge roher, sinnloser Gewalt. Meistens sind die Täter Jugendliche, meistens haben sie einen „Migrationshintergrund“. Dasselbe gilt oft für die Opfer. Und nur jene Fälle mit Todesfolge führen zu landesweiter Aufmerksamkeit, viele weitere, die glimpflich ausgingen, verschwinden in den Regionalteilen unserer Zeitungen, werden von Medien und Politik fast stoisch hingenommen.

Nicht immer enden die Dinge so tragisch wie im Fall von Tugçe A. Aber fast immer folgt auf die menschliche Tragödie noch eine juristische, die an den Grundfesten unseres Rechtsstaats zweifeln lässt, weil sie die Basis für die Trauerfälle von morgen schafft.

Und ausgerechnet sie preisen nun die Zivilcourage der Tugçe A.?

Heute trauern wir um Tugçe A., die nicht erst mit ihrer Zivilcourage am 15. November 2014 gezeigt hat, dass sie eine Bereicherung für dieses Land war. Armes Mädchen, ruhe in Frieden! Dein Leben war ein Vorbild für jeden, der sich in Deutschland niederlässt. Dein Tod sollte uns alle mahnen, dass Zivilcourage nicht erst dann nötig ist, wenn ein Menschenleben konkret bedroht wird, sondern schon dann, wenn Medien und Politik mit ihrem Handeln den Weg zu solchem Leid ebnen, durch ständiges Wegschauen und Verharmlosen den Nährboden dafür schaffen. Um sich dann, wenn es wieder einmal für einen unschuldigen Menschen zu spät ist, so automatenhaft betroffen zu geben. Als hätte man auf einen Knopf gedrückt.

Aber wehe, jemand wagt, die Frage nach den Gründen für dieses wachsende Übel zu stellen, seine systemischen Ursprünge beim Namen zu nennen, gar Lösungen und Veränderungen einzufordern. Dann herrscht dort, wo nun Betroffenheit simuliert wird, ebenso automatenhafte Empörung. Und ausgerechnet sie preisen nun die Zivilcourage der Tugçe A.? Diese Heuchler.

Im Namen von metropolicodrücke ich den Angehörigen und Freunden von Tugçe hiermit unser Beileid aus. Und im Namen eines Landes, das viel zu lange tatenlos zugeschaut hat, wie diese Form der Gewalt immer schlimmer wurde, im Namen eines Landes, das sich bislang genauso unwillens wie unfähig zeigte, dieser Entwicklung nachhaltig entgegenzuwirken, sage ich aufrichtig zum Abschied, liebe Tugçe: Entschuldigung.

Ein bewegendes Youtube-Video zeigt Tugçe, die im Alter von 18 Jahren das Lied „River floes in you“ des südkoreanischen Pianisten Yiruma spielt: