„Ein Umsturz von oben ist im Gang, so radikal, wie man es sich in Deutschland nicht einmal vorstellen kann. Privatleute, Milliardäre, Konzerne, Non-Profit-Organisationen, Universitäten und Forschungseinrichtungen übernehmen öffentliche Schulen in Problemvierteln. Der Staat zahlt zwar weiter, aber er hat nichts mehr zu sagen.“

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Das englische Wort Charter bedeutet „Vertrag” – Charter Schools in den USA auf dem Vormarsch (Bild: Pressebereich Wisconsin Department of Public Instruction; Rechte siehe Link)

So bezeichnet Robin Alexander in einem Artikel für Welt Online (WO) die „neueste Version des amerikanischen Traums“ im Bereich des Schulwesens. Und kritisiert sie im selben Atemzug als „radikalliberal“ und deshalb seiner Ansicht nach als „unsozial“.

Das englische Wort Charter bedeutet „Vertrag“. Charter Schools, eine spezielle Schulform in den Vereinigten Staaten gelten als ein pragmatischer Versuch, den veränderten Ansprüchen an Erziehung und Bildung gerecht zu werden. Charter Schools beruhen auf einem Vertrag zwischen dem Schulmanagement und der Schulbehörde, deswegen kann man auf Deutsch auch von Vertragsschulen sprechen. Charter Schools verändern in großem Maße die bisher eher uniforme, amerikanische Schulstruktur von Elementary-, Middle- und  High-School hin zu einer neuen Vielfalt von Schulformen.

Charter-Schools werden mit Steuergeldern finanziert, aber von privaten Betreibern geleitet. Sie legen ihre Fächer selbst fest, die Größe der Klassen, die Unterrichtszeiten und die Länge der Ferien. Die Schulen sind, wie alle Charter-Schulen, für die Eltern kostenlos.

Abschied vom bisherigen Schulsystem

Die Charter-Schulen siedeln sich gehäuft dort an, wo die Bevölkerung besonders arm und „gefährlich“ ist. So in den extremen gewaltbereiten Vierteln von Chicago. Die massiven Problem in den besagten Problemvierteln unterscheiden sich von jenen in deutschen stark migrierten Stadtteilen zwar durch ihre Massivität, sind jedoch im Thema die selben. Hohe Arbeitslosigkeit und Kriminalität unter den schlecht bis gar nicht ausgebildeten Jugendlichen. Niedriges Bildungsniveau. Wenig Leistungswille.

In Chicago besuchen inzwischen 80.000 Schüler solch eine Vertrags-Schule, jedes Jahr werden es mehr. Die Stadt hat in den vergangenen zehn Jahren 100 klassische Schulen in ihren Problemvierteln geschlossen. Dafür wurden 100 Charter-Schulen eröffnet. Die Hoffnung das hinter dem Konzept der Charter-Schulen steht: die Kinder nachhaltig an eine Arbeitsmoral heranführen zu können, sodass sie in weiterführenden Schulen keine extremen Regeln mehr brauchen.

In seinem sehr ausführlichen, jedoch tendenziösen Artikel beschreibt der Autor, dass sich die Charter-Schulen vom laissez-fairen Erziehungsstil gänzlich abgewandt und einem klar strukturierten „Null-Toleranz“-Alltag in den Schulen verschrieben haben. Pünktlichkeit, Disziplin und einen gesitteten Umgangston werden erwartet, Regelverstöße werden sofort durch „Strafpunkte“ geahndet. Das „Strafpunktekonto“ des Kindes können die Eltern einsehen.

„Das liberale Establishment steht hinter dem Drill“

Es sei kein Zufall, so die Kritik des WO-Artikels, dass die Charter-Schulen seit dem Amtsantritt von Barack Obama wichtiger geworden seien. Der Präsident glaube, sie seien die beste Möglichkeit, die immer dramatischer werdende Ungleichheit zwischen Schwarz und Weiß in den USA zu mildern. Die Idee hinter den Charter Schools seien aber nicht sozial, sondern radikalliberal. Das erklärte auch, warum die konservative Tea-Party-Bewegung und Teile der politischen Linken sie in seltener Einigkeit bejubeln. Charter-Schulen seien die neueste Version des amerikanischen Traums.

Sie seien eine Idee von sehr reichen Weißen für sehr arme Schwarze und Latinos. „Die Reichen sind angetreten, auch die Kinder der Armen konkurrenzfähig zu machen“, so der Autor des WO-Artikels. Welche Verwerflichkeit er jedoch hinter dieser Motivation sieht, bleibt sein Geheimnis. (BS)