Frankfurt: Nach israelfeindlichen Aussagen muslimischer Ratsmitglieder hat die Jüdische Gemeinde am Freitag mitgeteilt, dass sie ihre Mitgliedschaft im Rat der Religionen der Main-Metropole vorerst ruhen lässt. Die Islamische Religionsgemeinschaft Hessen wiederum wirft dem Zentralrat der Juden und den Medien vor, mit der Antisemitismus-Debatte von den „Kriegsverbrechen“ der israelischen Armee abzulenken.

Jüdische Gemeinde, hier: Mönchengladbach (Bild: metropolico.org)
Jüdische Gemeinde, hier: Mönchengladbach (Bild: metropolico.org)

Anstoß zu dem Schritt der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt waren Aussagen wie „Wir haben nicht vergessen, dass Israel bei seinem Angriff auf Gaza im Jahre 2009 hunderte Kinder grausam ermordet hat“ oder „Israel verübt Verbrechen gegen die Menschlichkeit und einen Staatsterrorismus“, die von Ünal Kaymakci, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen (IRH), kommentarlos auf dessen Facebook-Seite verlinkt wurden. Selcuk Dogruer, Vorstandsmitglied im Rat der Religionen und Landesbeauftragter für interkulturelle Zusammenarbeit bei der DITIB Hessen, war der Meinung, dass die Entschuldigung des Frankfurter Polizeipräsidenten bei dem Präsidenten des Zentralrats der Juden und Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main, Dieter Graumann, für die antiisraelischen Parolen auf einer Demo in Frankfurt als „erschwerendes Ereignis bei einer möglichen Differenzierung zwischen dem Judentum in Deutschland und Israel zu unterscheiden“ zu sehen sind. Damit war die Entschuldigung des Frankfurter Polizeipräsidenten Achim Thiel nach einem Zwischenfall auf einer Demonstration gegen Israel gemeint. Auf der aus dem Ruder gelaufenen Veranstaltung am 12. Juli in Frankfurt hatte eine Beamtin einem Islamisten, der die Lage zu beruhigen versprochen hatte, das Mikrofon eines Polizei-Lautsprechers überlassen. Der Mann nutzte die Gelegenheit, um antiisraelische Parolen wie „Kindermörder Israel“ zu skandieren.

Selcuk Dogruer ist kein unbeschriebenes Blatt: Wie metropolico berichtete, beklagte er sich kurz vor dem „Tag der offenen Moschee“ am 3. Oktober 2012 in einem dapd-Interview darüber, dass nicht-muslimische Besucher oft mit „Vorurteilen“ in die regelmäßigen Führungen der Moscheen kämen. Damit meinte er konkret, dass viele Fragen der Besucher auf Zwangsehen und Ehrenmorde, das Verhältnis der Muslime zum Terrorismus und die Gewährung von Menschenrechten zielten. Dogruers damaliges Lamento endete mit der Forderung nach mehr Sensibilität für Andersgläubige. Auch müssten Menschen aus allen Berufsgruppen ihren Umgang mit Muslimen schulen.

Mitglieder der Jüdischen Gemeinde werden bedroht

Muslimische Frauen mit Kindern auf einer Anti-Israel-Demo. Der kleine Junge trägt ein Stirnband sowie eine Flagge der Terror-Organisation Hamas (Bild: metropolico.org)
Muslimische Frauen mit Kindern auf einer Anti-Israel-Demo. Der kleine Junge trägt ein Stirnband sowie eine Flagge der Terror-Organisation Hamas (Bild: metropolico.org)

Die Jüdische Gemeinde in Frankfurt bewertete die aktuellen Aussagen der muslimischen Ratsmitglieder als inakzeptabel und verkündete am Freitag in einer Presse-Mitteileilung, ihre Mitgliedschaft im Rat der Religionen vorerst ruhen zu lassen: „Wir erwarten eine klare Positionierung vom Rat der Religionen. Dies sind nicht die Personen mit denen wir weiter arbeiten können, dafür ist die Arbeit im Rat der Religionen zu wichtig“, so Leo Latasch, Sozialdezernent der Gemeinde, zu Kaymakci und Dogruer. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung am Samstag berichtete, wies Latasch auch darauf hin, dass es nicht die einheimischen Deutschen sind, die auf der Straße marschierten und antisemitische Parolen brüllten. Khushwant Singh, Vertreter der Sikh und Vorsitzender des Rates der Religionen sagte, der Rat werde sich äußern, wenn er „in bewährter Tradition“ mit den Mitgliedern geredet und die Fakten gesichtet habe. Joachim Valentin, einer von zwei Vertretern der katholischen Kirche im Rat, sagte, er empfehle den beteiligten jüdischen und muslimischen Ratsmitgliedern „ein Gespräch“.

Viele Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt haben Angst vor Übergriffen. Am Donnerstag hatte ein Unbekannter in das Badezimmerfenster einer jüdischen Aktivistin eine Flasche geschleudert. In der vorletzten Woche hatte ein Unbekannter, der sich als Palästinenser mit Angehörigen im Gaza-Streifen ausgegeben hatte, einem Frankfurter Rabbiner damit gedroht habe, 30 jüdische Bürger der Stadt zu ermorden, falls seine Familie durch die israelischen Militärmaßnahmen in Gaza zu Schaden kommen sollte.

„Pauschalisierende Diffamierungen“ von Muslimen?

Die IRH antwortete am Sonntag in einer Presse-Mitteilung mit dem Vorwurf an den Zentralrat der Juden und die Medien, diese versuchten zunehmend die „Kriegsverbrechen der israelischen Armee“ in Gaza zu Gunsten der Antisemitismus-Debatte in Deutschland zu verdrängen. Dieses lehne die IRH entschieden ab. Der Vorsitzende der IRH, Ramazan Kuruyüz, forderte den Zentralrat der Juden auf, sich von den „Kriegsverbrechen“ und der „unverhältnismäßigen Gewaltpolitik“ der israelischen Regierung in Gaza zu distanzieren, statt ständig als „Sprachrohr der israelischen Regierung“ zu agieren.

Auch beschwerte sich Kuruyüz über „pauschalisierende Diffamierungen“ von Muslimen in Presse-Kommentaren, wie etwa, dass „zu viele von ihnen den Antisemitismus mit der Muttermilch eingesaugt haben“. Solche Kommentare seien „verantwortungslos“, so Kuruyüz weiter. Der Kölner Völkerrechtsexperte Claus Kreß indes hatte erst am Mittwoch in einem Interview mit dem Deutschlandfunk darauf hingewiesen, dass es Verstöße gegen das Völkerrecht bei den bewaffneten Auseinandersetzungen in und um den Gaza-Streifen bislang nur von der islamistischen Terror-Organisation Hamas gegeben habe, aber nicht von Seiten der Israelis. (PH)