Frank-Furter Schnauze: Und wieder grüßt das Studientier!

Weisen nach wie vor deutliche Integrationsdefizite auf: türkische Einwanderer (Bild: metropolico)
Weisen nach wie vor deutliche Integrationsdefizite auf: türkische Einwanderer (Bild: metropolico.org)

Neue Studie, selbe Botschaft: Integration funktioniert super, Armutseinwanderung ist eine Erfindung von Rechtspopulisten, Deutschland profitiert von der Migration mindestens so gut wie vom Euro. Aber Vorsicht, mit diesen Studien ist das so eine Sache. Auch dieses Mal gilt: Eigentlich sagt die Studie das genaue Gegenteil von dem aus, was nun meinungsmachend durch die Medien wabert. Aber keine Sorge: Was nicht passt, wird passend gemacht. Und wieder grüßt das Studientier!

Achtung, Achtung! Heute ist wieder Studientag! Anbieter: Das Berlin-Institut; Gegenstand: Integration. Die Botschaft in politisch korrektem und medienaffinem Headline-Deutsch: „Migranten werden den Deutschen immer ähnlicher“ (Spiegel). Oder: „Zuwanderer passen sich immer mehr den Deutschen an“ (Welt). Da will man schmunzelnd fragen: Was fällt nur den Migranten ein, immer mehr zu „verdeutschen“? Schlechte Nachrichten für Multikulti, oder?

Aber Vorsicht. Mit diesen Studien ist das so eine Sache. Erstens, weil nicht selten schon die Studien selbst auf fragwürdigen Daten basieren und mit unseriösen Methoden arbeiten. Und zweitens, weil die Darstellung in den Medien nach dem immer selben Muster erfolgt: Es wird herausgepickt, was dem gegenwärtigen Zeitgeist dienlich ist. Es flattern Botschaften durchs Land, die in der Regel lauten: Integration funktioniert super, Armutseinwanderung ist eine Erfindung von Rechtspopulisten, Deutschland profitiert von der Migration mindestens so sehr wie vom Euro. Mittlerweile gesellt sich gerne noch dazu: Migranten sind klüger und besser gebildet als Einheimische. Sie kennen die Leier.

„Türkei: Geringe Qualifikation, wenig Teilhabe“

Auch im aktuellen Fall empfiehlt sich zu erst ein Blick in die Studie selbst, es offenbaren sich einmal mehr beide Methoden der Verfälschung und Meinungsmache. Erstens beruht die Studie auf den Daten des Zensus 2010, also dem Stand von vor vier Jahren. Auf Basis dieser veralteten Daten liefert die Studie ganz hervorragende „Integrationswerte“ bei Rumänen und Bulgaren. In politisch-korrektes Mediendeutsch transferiert klingt das wie folgt, nachzulesen im Teaser des Artikels auf Welt-Online: „Besonders gut schneiden Rumänen und Bulgaren ab. ‚Armutszuwanderung als Massenphänomen‘ gibt es nach der Studie nicht.“ Der Denkfehler (oder die Methode?) ist altbekannt: Bewertet wird der Integrationserfolg von Rumänen und Bulgaren aus jener Zeit (2010), als für Zuwanderung aus diesen Ländern noch klare Regeln galten.

Der Wegfall dieser klaren Regeln, gemeinhin auch „Freizügigkeit“ genannt, führte jüngst zu jener tatsächlichen „Armutszuwanderung als Massenphänomen“, die sich in deutschen Metropolen höchst eindrucksvoll beobachten lässt, im Zensus 2010 aber noch gar nicht dokumentiert gewesen sein kann. Einmal mehr ein gutes Beispiel dafür, wie Studien- und Meinungsmacher das Volk für dumm verkaufen wollen.

Erfrischend ehrlich ist die Studie hingegen bei der Auswertung der Integrationserfolge von Einwanderern aus der Türkei. So ehrlich, dass hier „Zweitens“ gilt, sprich: Die Kern-Aussage der Studie findet sich weder auf Spiegel-Online, noch auf Welt-Online, in der nötigen Deutlichkeit. Sie lautet, komprimiert in die Kapitelüberschrift auf Seite 30 der Studie: „Türkei: Geringe Qualifikation, wenig Teilhabe.“ Was sich problemlos auf Einwanderer aus dem gesamten Nahen Osten erweitern ließe. Wie gesagt: so steht es in der Studie, nicht aber in den Medienberichten dazu.

Integration als Staatsaufgabe

Bemerkenswert ist auch, dass die Studie deutliche Unterschiede bei den Integrationserfolgen jener Einwanderergruppen aufzeigt, die ursprünglich als Gastarbeiter ins Land kamen. Unter den hier geborenen Nachfahren der Gastarbeiter schneiden spanischstämmige Migranten bei allen Indikatoren am besten ab (Yippie, wir sind deutscher Mihigru-Meister!), Kinder von Portugiesen und Italienern liegen dagegen unter dem Durchschnitt der südeuropäischen Einwanderer, noch deutlich schlechter allerdings schneiden Nachfahren türkischstämmiger Gastarbeiter ab. Tatsächlich ließe sich die Studie auch so deuten, dass es klare Anzeichen dafür gibt, dass die spezifischen kulturellen Besonderheiten einer Einwanderergruppe bei Integrationserfolgen (oder –misserfolgen) offenbar eine herausragende Rolle spielen; schließlich galten für spanische, italienische und türkische Gastarbeiter dieselben sozialen Rahmenbedingungen.

So gesehen widerspricht die Studie überdeutlich der gängigen rot-grünen Integrationsdoktrin, die besagt, dass Menschen aller Kulturen reibungslos und im Sinne gegenseitiger „Bereicherung“ in einem Land koexistieren können („Multikulti“) und etwaige Integrationsprobleme ausschließlich soziale Ursachen haben („soziale Probleme“), also Schuld der Mehrheitsgesellschaft sind („wir müssen mehr tun“). Dennoch wird gerade dieser Irrtum auch im Spiegel-Online-Artikel unterschwellig transportiert, wenn es heißt, dass es auch weiterhin notwendig sei, „die hier lebenden Migranten besser zu integrieren“. Eine Formulierung, die einmal mehr impliziert, es sei Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft (beziehungsweise des Staates), Integration herbeizuführen.

Dabei zeigt nicht nur der Vergleich von Gastarbeiterkindern untereinander, sondern auch und vor allem der Bildungs- und Integrationserfolg von Kindern fernöstlicher Einwanderer, dass offenbar nichts der Integration dienlicher ist, als der Wille zur Integration seitens der Einwanderer selbst. Diesen zu fördern würde aber heißen, wieder vermehrt auf das Prinzip der Eigenverantwortung zu setzen und Integrationsbereitschaft sowie Engagement zu Bildung und Berufserfolg einzufordern. Ein überaus bürgerliches Prinzip, das allerdings der aktuellen Marschrichtung des Parteienblocks hin zur Integration als Staatsaufgabe, als Vorwand für allerlei Fördermittel und als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Heerscharen so genannter Sozial-„Wissenschaftler“ diametral entgegensteht.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Geradezu töricht ist einmal mehr die Aussage, Zuwanderer würden Deutsche in Bildungs- und Berufserfolgen mitunter sogar abhängen. Begründet wird diese Aussage unter anderem mit der überdurchschnittlichen Qualifikation von Einwanderern aus West- und Nordeuropa. Dass aus diesen Ländern überwiegend Hochqualifizierte nach Deutschland kommen, während es keinerlei Wirtschaftsflüchtlinge aus Holland, Dänemark oder Schweden gibt, liegt zwar auf der Hand, passt aber offenbar nicht ins Konzept. Hinzu kommt, dass in den Medien selektiv jene Zuwanderergruppen in den Vordergrund gestellt werden, deren Integrations-Ergebnisse zwar positiv, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung aber eher gering ist. Ungesagt bleibt hingegen, dass diejenigen Gruppen, die den größten Teil der Migranten stellen, nach wie vor deutliche Integrationsdefizite aufweisen.

Noch törichter ist nur noch die allseits beliebte (und auch in diesem Zusammenhang gerne wiederholte) Aussage, die jüngste Welle der Zuwanderung von Fachkräften aus südeuropäischen Krisenländern sei allen Ernstes als Erfolg und als positive Entwicklung zu werten. Tatsächlich ist diese Zuwanderung einzig Folge der desaströsen wirtschaftlichen Lage in Südeuropa, ausgelöst durch Währungsunion und Euro-Krise. Dass die betroffenen Länder nun auch noch erhebliche Teile ihres hochqualifizierten Nachwuchses (und damit die letzte Hoffnung auf baldige Besserung aus eigener Kraft!) verlieren, kann nur jene vermeintlichen „Mustereuropäer“ erfreuen, denen am Wohl dieser Länder offenbar weit weniger gelegen ist, als an der möglichst schnellen Umsetzung eines europäischen Superstaates auf Kosten des europäischen Gemeinwohls. Gerade als Sohn eines spanischen Einwanderers, dessen Vaterland unter dieser abscheulichen Politik seit Jahren erheblich leidet, erlaube ich mir an dieser Stelle eine persänliche Note an die Adresse dieser „Mustereuropäer“: Bäh, ihr widert mich an!

Unterm Strich gilt also auch bei dieser Studie, dass ihre Ergebnisse, zumindest so weit nachvollziehbar und aussagekräftig, eher das genaue Gegenteil von dem bedeuten, was nun in Überschriften und Teasern durch die Medienwelt wabert. Aber das kennt man ja schon. Was nicht passt, wird passend gemacht. Und wieder grüßt das Studientier.