Frage an den Blauen Doc: Warum dürfen Soziologen Arbeitslose und Ausländer diskriminieren?

Handwerkszeug (Bild: metropolico.org)
Handwerkszeug
(Bild: metropolico.org)

Haben Sie heute schon jemanden diskriminiert? Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir alle zusammen die Alleinerziehenden als per se unfähig in Bildungsdingen hinstellen? Geschieden? Arbeitslos? Zu blöd, den Kindern etwas fürs Leben beizubringen! Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir alle zusammen Ausländer und Einwanderer in Deutschland als dumm hinstellen. Nix deutsch? Zu blöd, ohne fremde Hilfe Plutimikation und den Konjunktiv zu kapieren?

Solche undifferenzierten und unreflektierten Positionen erlauben wir dann doch lieber Leuten, die etwas vom Diskriminieren verstehen: den Soziologen. In dieser Zeit wird wieder, wie eigentlich zu jeder anderen Zeit auch, über die Chancen und die Chancenlosigkeit von Kindern in Deutschland geschrieben. Und auch über die einzige, alternativlose Abhilfe: die Ausweitung der obligatorischen Kinderbetreuung auf den ganzen Tag. Es liest sich geradezu so, als ginge es überhaupt nur um die Durchsetzung dieser Maßnahme. Dass damit ein Bildungsproblem gelöst wird, ist nur ein angenehmer Nebeneffekt, quasi das Vehikel zur Durchsetzung des Hauptziels.

Zuallererst bedürfen die Kinder der Einwanderer angeblich dieser Art Hilfe, da es gerade in deren Haushalten an Bildung fehle. Dieselbe Behauptung in einem beliebigen anderen Kontext vorgebracht, führte in Soziologenzirkeln, wie etwa bei den Grünen, sofort zur reflexhaften Feststellung, dass nicht sein kann was nicht sein darf, da die meisten Einwanderer hochgebildet seien. Hier ist der Schluss stattdessen höchst willkommen, also erlaubt.

Auch in der Türkei und in Russland gibt es – für manche erstaunlich – Grundschulen. In den ersten Schuljahren können die Eltern jedweder Herkunft ihren Kindern also problemlos beim Erlernen des Stoffes helfen. Es sei denn, sie hätten bei ihrer Planung des Umzugs nach Deutschland versäumt, die neue Sprache zu erlernen. Das wäre dann allerdings kein Bildungsproblem sondern eine grobe Fahrlässigkeit sich selbst und den Kindern gegenüber.

Dass es bei Arbeitslosen nicht dazu reichen soll, mit den Kindern Grundrechenarten und Steigerungsformen zu lernen, ist ebenfalls eine starke Behauptung und in dieser Verallgemeinerung ziemlich diskriminierend. Um Aufgaben nachzusehen, mit dem Kind zu üben und notfalls mal schnell selbst etwas nachzuschlagen, reicht es immer.

Jetzt will verständlicherweise niemand die betroffenen Kinder hängenlassen, und auf eine Weise ist es auch naheliegend, dem konstatierten zusätzlichen Betreuungs- und Bildungsbedarf mit der Vollkasernierung der Kinder ab dem Kleinkindalter begegnen zu wollen. Seit Ottmar Scholz und dem Bekenntnis zum Ziel der Lufthoheit über den Kinderbetten ist dies auch erklärte sozialdemokratische Agenda. Dabei übersieht man, dass der Kern der Sache keinesfalls eindeutig ist. Was ist denn bitteschön aus der Schule geworden, dass sich die Eltern heute bereits in Grundschuljahren dermaßen bei der Stoffvermittlung einzubringen haben und ohne sie gar nichts mehr geht?

Hier liegt der Hase im Pfeffer. In der Lehrerei war es gute Praxis, den Schülern Stoff zu vermitteln, mit ihnen zu üben und zum Verfestigen passende und lösbare Hausaufgaben zu stellen. Heute werden in den frühen Klassen Hausaufgabenpläne bereits zum Wochenanfang verteilt, unabhängig davon, ob der Stoff der Donnerstags-Hausaufgaben eventuell doch erst am Freitag im Unterricht behandelt wird. Wenn dann die Eltern nicht helfen, können die Hausaufgaben nicht bearbeitet werden, und wenn dann zur „Verfestigung“ eigentlich Hausaufgaben benötigt werden, sind schon wieder die Eltern gefragt, sich diese selbst zu überlegen.

Es werden umfangreiche Fragenkataloge zur Bearbeitung aufgegeben und Referatsaufgaben gestellt, die Kinder in frühen Schuljahren ohne vorherige Übung nicht alleine bewältigen können und ihre Eltern hinzuziehen – wenn diese zur Mitarbeit bereit und in der Lage sind. Ob Wochenpläne für die Bearbeitung von Stoff in der Grundschule geeignet sind, ist ebenso zu bezweifeln, denn „Zeit des selbständigen Arbeitens“ in der Schule ist nur ein Euphemismus für „Zeit ohne pädagogische Anleitung“.

Mit diesen Methoden, ergänzt um Konstrukte wie die „Flexible Eingangsstufe“, stellt die moderne Schule gerade denjenigen Kindern ein Bein, die man als Problemgruppen zugehörig identifiziert hat: wer nicht ein Überflieger ist und dann auch noch ein prekäres Elternhaus hat – egal ob aufgrund eines Unglücks oder mit eigener, tätiger Mithilfe der Eltern –, wird zwangsläufig zum Schulopfer.

Die moderne Pädagogik bindet die Eltern in den Unterricht ein. Die moderne Soziologie konstatiert, dass Schulbildung ungerechterweise Kinder engagierter, deutscher Mittelstandseltern bevorzugt. Die moderne Politik beansprucht ganztägigen Zugriff auf die Kinder, um diese Ungerechtigkeit auszugleichen. So geht der sozialdemokratische Dreisatz!