Frage an den Blauen Doc: Glaube, Liebe, Hoffnung – was bleibt?

Ist er zu stark, bist Du zu schwach: Bernd Lucke (Bild: metropolico.org)
Ist er zu stark, bist Du zu schwach: Bernd Lucke (Bild: metropolico.org)

Alte Männer und altkluge Geschichtslehrer beschwören ihre Zuhörer regelmäßig mit der Plattitüde, Geschichte dürfe sich nicht wiederholen. Gemeint ist dabei immer die fatale Evolution der Weimarer Republik in das dritte Reich. Also passen alle gut auf, ob nicht irgendwo Fackelzüge, braune Hemden und rote Fahnen mit Muster zu vermelden sind. Bekanntermaßen haben wir damit heute keine echte Last.

Auch bei Parteigründungen darf sich die Geschichte nicht wiederholen. Wer 2010 und 2011 das Erscheinen der Partei Die Freiheit vernahm und im Anschluss deren Entwicklung verfolgte, ist hier voreingenommen. Die Partei verpuffte kurz nach der Gründung. Dies lag nicht an mangelndem Idealismus der Mitglieder. Der Grund war ein anderer, ein Geburtsfehler sozusagen. Die Partei hatte außer idealistischen Mitgliedern, von denen einige etwas redegewandter waren als andere, nichts zu bieten. Diese wussten zwar, dass das Schiff einem falschen Kurs folgt. Sie waren jedoch nicht annähernd in der Lage, mit dem vorhandenen Personal daran irgendetwas zu ändern.

Kompetenz und Härte statt Populismus und Laissez-faire

Und hier blickt man mit Zorn und Tränen auf die AfD von heute. Diese hatte doch genau unter diesem Geburtsfehler nicht zu leiden. Ganz im Gegenteil: sie war eine Partei mit Europa-orientierter Agenda und hatte hochkarätiges Personal zu diesem Fachgebiet zu bieten. Was die Professoren Lucke und Starbatty zu sagen hatten, das hatte Gewicht, darum kam man in Presse und Öffentlichkeit nicht ohne weiteres herum. Ganz anders also als ein paar Protestler, denen man zwar gerne abnahm, die Euro-Rettung abzulehnen, denen man aber zu recht nicht zutraute, daran etwas ändern zu können. Professoren gegen Protestler, Substanz gegen Populismus.

Auch unter dem zweiten Geburtsfehler der Freiheit hatte die AfD nicht zu leiden. Während René Stadtkewitz, Mitgründer und lange Zeit Vorsitzender der Partei, zwischen den Parteitagen kaum wahrnehmbar war und den Mitgliedern aus den hinteren Reihen das Feld überließ, während auf diese Weise also mehr programmatisches Chaos angerichtet wurde, als es Stadtkewitz alleine je gelungen wäre, führt bei der AfD Lucke als starker Mann das Wort. Dies sollte von allen Mitgliedern als großer Glücksfall wahrgenommen werden, denn bei Lucke handelt es sich um einen Mann, der gradlinig seit der Parteigründung die Ziele dargelegt hat, konstant, ohne Sprunghaftigkeit, mit unerbittlicher Vernunft.

Was die Mitglieder, speziell in Nordrhein-Westfalen, aber auch in anderen Bundesländern, nun reitet, ist in höchstem Maße schockierend. Warum begibt man sich thematisch auf Felder, die fachlich nicht vorbereitet sind? Dabei kann, wie bei der untergegangenen Freiheit, nur gefällig vorgetragene Positionierung herauskommen. Anders als zum Thema Euro fehlt dort aber jegliche Substanz. Eine alternative Außenpolitik für Deutschland muss historisch fundiert vorbereitet werden. Wer das Erneuerbare-Energien-Gesetz durch etwas Besseres ersetzen will, der muss beweisen, dass er selbst die besseren Fachkonzepte hat, als die heutige Regierung. Mit einem lapidaren Hinweis auf die „Klimareligion“, degradiert man sich zum Besserwisser. Da können wir auch den Pop-Beauftragten Sigmar Gabriel behalten.

Vorstand rügt NRW-Mann Pretzell wegen Farage-Veranstaltung

Da geht man, entgegen der seit der Gründung dargelegten Position, mit dem selbstgefälligen und – ja – auch unterhaltsamen und beredten britischen EU-Fundamentalkritiker Nigel Farage ins Gespräch. Und das kurz vor der Europawahl. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: jemand wird Mitglied einer Partei, die sich zuallererst über ihre Haltung zu Euro und EU definiert. Und dann konterkariert man deren Pläne, da einem die eigenen kleinen Ideechen und feuchten Träume von Zoff im Parlament wichtiger sind, als das große Ziel. Halten sich diese Leute, darunter Sven Tritschler, der allen Ernstes „Wahlkampfleiter“ in Köln ist, wirklich für Patrioten oder sind sie nicht eher Verräter?

Was bleibt – ist die Hoffnung, dass selbst diese Stürme vergehen, dass Lucke und Henkel im Europaparlament und in der Presse kluge Impulse geben und glaubwürdige Pläne vorlegen werden. Es ist die Hoffnung, dass U-Boote wie der Münchner Burschenschaftler und stellvertretende Vorsitzender der Jungen Alternative, Benjamin Nolte, per Satzung aus der Partei ausgeschlossen werden. Es ist die Hoffnung, dass Bernd Lucke seine harte Haltung beibehält und sich seine Partei nicht von Wichtigtuern neben die Republikaner, die Freiheit und den Bund freier Bürger auf Grund legen lässt. Diese reden von innerparteilicher Demokratie und meinen feindliche Übernahme. Wir haben es erlebt. Hart soll er bleiben, auch wenn darob der Parteivorstand in NRW das Handtuch wirft.

Immerhin: Marcus Pretzell, Bundesvorstandsmitglied und NRW-Spitzenkandidat der AfD, der sich an der Farage-Veranstaltung beteiligt hatte, hat vom restlichen Bundesvorstand eine Rüge kassiert. Ob ihn das beeindruckt? Michael Stürzenberger wurde durch seine Zurechtweisung im Vorstand eher gestärkt und konnte am Ende als Bundesvorsitzender der Freiheit den ersehnten Gipfel seiner Macht erklimmen. Nein, Geschichte darf sich nicht wiederholen.