UKIP-Chef Nigel Farage überzeugte in Köln nicht nur als EU-Kritiker, sondern auch als Unterhaltungskünstler. Aber auch die Rede von Martin Renner lohnte sich, denn sie offenbarte klare Aussagen, die in der AfD nur selten zu hören sind.

Unvermeidliche Begleiter von AfD und JA: Linksextreme (Bild: metropolico.org)
Unvermeidliche Begleiter von AfD und JA: Linksextreme (Bild: metropolico.org)

Jeder noch so schöne Abend hat bekanntlich auch seine Wermutstropfen. Aber gerade weil der Abend mit Nigel Farage, der am Donnerstag auf Einladung der Jungen Alternative (JA) in Köln zu Gast war, ein höchst informatives und vergnügliches Erlebnis zugleich war, bietet es sich an, die weniger schönen Dinge schnell und gleich als Erstes abzuhandeln. Dazu gehört das kleine Häuflein von rund 50 Vertretern der linksextremen „Antifa“, das vor dem Hotel gegen „Leistungsrassismus“ demonstrierte und Nigel Farage, den Vorsitzenden der United Kingdom Independence Party (UKIP) und die versammelte Prominenz der Alternative für Deutschland (AfD) und der JA als „widerliches Zusammentreffen“ eines „reaktionäres Packs“ bezeichnete. Ein Vokabular, das über das geistige Niveau der „Anti“-Faschisten sehr viel, aber über die im Saal 2 des Maritim-Hotels versammelte Polit-Prominenz rein gar nichts aussagt.

Die Zwangs-Vereinbarung, die alle Journalisten unterzeichnen mussten, um überhaupt im Saal fotografieren zu dürfen, gehört leider auch dazu. Diese Vereinbarung mit für solche Anlässe unüblichen Restriktionen sowie einem Strafgeld in Höhe von 10.000 Euro bei Zuwiderhandlungen, die den Vertretern der Presse nicht einmal in Kopie-Form ausgehändigt wurde, hatte erboste Journalisten zur Folge, die eine Begründung dafür wollten und dann in der Presse-Konferenz von Sven Tritschler, dem Sprecher der nordrhein-westfälischen JA, zu hören bekamen, diese Bedingungen seien eine Folge der „nicht immer fairen Berichterstattung“ über die AfD. Nun ja. Dass die AfD nicht immer von den Medien fair behandelt wurde, dürfte niemand bezweifeln. Dass so mancher Vertreter von AfD und JA zuweilen hart daran arbeitet, die Presse auch weiterhin gegen sich einzunehmen, inzwischen aber auch nicht mehr.

Auch der – übrigens rechtswidrige – Rauswurf des Islam-Kritikers Jürgen Grimm, der die Veranstaltung als Zuschauer verfolgen wollte, hätte nicht sein müssen. Die Auseinandersetzungen zwischen Amir Haddad Rahmati, dem umstrittenen Schatzmeister der nordrhein-westfälischen JA, der noch im Dezember nach einer Veranstaltung der Bonner AfD im kleinen Kreis gefordert hat, alle Muslime in Deutschland müssten das Recht haben, nach der Scharia leben zu dürfen und im Februar plötzlich nicht mal mehr Muslim sein wollte (metropolico berichtete) sowie Grimm werden anscheinend von Seiten der JA mit unverminderter Härte weitergeführt. Aber damit sind linke Unerfreulichkeiten wie auch die aufopferungsvollen Bemühungen des AfD-Nachwuchses, alte Feinde zu pflegen und neue hinzuzugewinnen, bereits erfolgreich abgehakt. Was bleibt, war ein Abend, an dem Klartext gesprochen wurde wie selten und der gleichermaßen höchst vergnüglich war.

Martin Renner: „Auf ans Werk!“

Das Publikum war begeistert (Bild: metropolico.org)
Das Publikum war begeistert (Bild: metropolico.org)

Und das lag nicht nur an dem charismatischen Nigel Farage. Der erste wirkliche Höhepunkt an diesem Abend war die Rede von Martin Renner, dem ehemaligen Vizesprecher der nordrhein-westfälischen AfD. Renner, der in der Presse-Konferenz die Sticheleien einer WDR-Reporterin, AfD-Chef Bernd Lucke dürfte wenig Spaß an dieser Veranstaltung haben, noch mit der gereizten Feststellung beantwortet hatte, er sei „nicht der Entertainer von Herrn Lucke“, hielt eine lange Rede. Wer aber genau hinhörte, der hörte für AfD-Politiker ungewöhnlich klare Aussagen.

So forderte er, dass Deutschland darauf bestehen müsse, dass alle Einwanderer „unsere Werte, Bräuche, Rechts- und Moralvorstellungen sowie das kulturelle Erbe für sich annehmen und auch leben wollen“. Es sei nicht hinnehmbar, dass Zuwanderer „ihre Herkunftskultur als wertvoller ansehen und unsere Kultur – mit Ausnahme des Sozialgesetzbuches – verachten“. Klare Worte, um die sich AfD-Politiker üblicherweise herumdrücken und die mit spontanem Beifall der etwa 400 Zuhörer belohnt wurden.

Martin Renner sprach von der Islamisierung der Alltagswelt, Armutszuwanderung und der „neuen Klimareligion“, womit er alles ansprach, was auch AfD-Wählern und -Anhängern auf den Nägeln brennt, für so manchen Spitzenpolitiker dieser Partei offiziell aber gar nicht existiert. Er sprach vom „Nanny-Staat“, der den Menschen unentwegt soziale Sicherheit verspricht, ihnen aber im Gegenzug die Freiheit nehmen will und beendete seine Rede mit den Worten: „Auf ans Werk, bevor uns die antibürgerlichen Kollektivisten ersticken“. Worte, die mit stürmischem Applaus bedacht wurden.

Nicht der Vielvölkerstaat sichert den Frieden, sondern demokratische Staaten

Danach kam der von Publikum und Fotografen sehnsüchtig erwartete Nigel Farage und hielt eine auch rhetorisch beeindruckende Rede. Er stellte klar, dass er der Idee einer europäischen Freihandelszone positiv gegenüber stand, aber: „Trade was used as a cover”- der freie Handel diente nur als Feigenblatt, das eigentliche Ziel sei die Errichtung der “Vereinigten Staaten von Europa” gewesen, von diesem Prozess sei die Demokratie ausgeschlossen gewesen. Die EU-Kommission sei reinste Bürokratie und nicht durch demokratische Wahlen legitimiert. Die Europäer hätten keine Chance gehabt, dieses undemokratische Gebilde durch Wahlen zu beseitigen. Das sei der “Tod der Demokratie”.

Er kritisierte, dass die EU damit begründet werde, dass sie Kriege in Europa verhindern solle. Und machte am Beispiel Jugoslawiens klar, dass ein zusammengepresster Vielvölkerstaat keine Garantie für dauerhaften Frieden darstelle. Seine Alternative: demokratische Nationalstaaten, die keinerlei Kriege gegeneinander führen. Ein Argument, bei dem ihm die Historie übrigens recht gibt. Auch kritisierte er die durch die EU verursachten Wanderungsbewegungen: man „müsse kein Einstein sein“, um vorher zu wissen, dass ein Staatenbund mit starkem wirtschaftlichen Gefälle und freier Wohnortwahl dazu führe, dass sich die Menschen in den ärmeren Ländern massenhaft auf den Weg in die reicheren Staaten machen. Dies würde die Menschen aus den ärmeren Ländern entwurzeln und in den weiter entwickelten Länder das Lohnniveau drücken wie auch massive Probleme bei der Aufnahme von immer mehr Menschen auslösen.

Farage will die Auflösung der EU, die AfD deren Reformierung

Martin Renner, Marcus Pretzell, Sven Tritschler und Nigel Farage (von links) (Bild: metropolico.org)
Martin Renner, Marcus Pretzell, Sven Tritschler und Nigel Farage (von links) (Bild: metropolico.org)

Bei der anschließenden Frage-Runde offenbarten sich aber auch die Unterschiede zwischen seinen Ansichten und denen der AfD: Farage glaubt nicht, dass es gleichzeitig möglich sei, dass ein Staat demokratisch, souverän und Mitglied der EU sein könnte. Die Frage, ob er eine Auflösung der EU für zwingend erforderlich halte, beantwortete er unmissverständlich: “Yes, it has to go!” – Ja, sie hat zu verschwinden! Marcus Pretzell, Europa-Kandidat der AfD, betonte hingegen, die EU müsse grundlegend reformiert werden, die Rechte der EU-Kommission müssten beschnitten werden, diese solle lediglich einem Austausch zwischen den Regierungen dienen. Einen Ausstieg aus der EU hält die AfD nicht für praktikabel, ein einseitiger Ausstieg gar käme einem “politischen Amoklauf” gleich. Pretzell räumte jedoch ein, dass ihm vor einem „europäischen Staatsvolk“ mit 500 Millionen Menschen und 20 Sprachen grauen würde.

Nicht überzeugend war Nigel Farage lediglich bei der Frage nach seiner Haltung zur Krise um die Ukraine. Seine Antwort, die EU solle keine aktive Außenpolitik betreiben, war keine Antwort auf die bereits seit Wochen im Raum stehende Frage, wie mit einem zunehmend aggressiveren Russland umzugehen sei. Bei diesen Punkt war jedoch keiner der Gäste und Redner überzeugend; Renner flüchtete sich in die Aussage, diese Krise käme „zur Unzeit“. Als Pretzell auf die Völkerrechtswidrigkeit des russischen Verhaltens anspielte, erhob sich keine einzige Hand zum Beifall. Als er jedoch feststellte, dies sei nichts anderes als das, „was die Amerikaner seit 25 Jahren machen“, gab es starken Applaus. Eine unsinnige Vermischung von Intervention und Annektierung, die bestenfalls dazu dient, den erst jüngst von Torsten Heinrich kritisierten Anti-Amerikanismus in der AfD  (metropolico berichtete) zu bedienen, aber zur Sache eher wenig beiträgt.

Nigel Farage über „the nasty aggressive Mr. Schulz“

Aber die Ukraine war nur ein Thema am Rande, die Begeisterung, die nach Renners Rede vorherrschte, wurde von Farage immer weiter angefacht. Farage entpuppte sich aber auch als Unterhaltungskünstler, der seiner sachlichen, stets in leicht verständlichen Worten formulierter EU-Kritik immer wieder humorvolle Spitzen beifügte, die lautes Gelächter auslösten, beispielsweise über “this totally ridiculous type from Belgium”, dem völlig lächerlichen Typ aus Belgien, dessen Bekanntheitswerte zwischen 2 bis maximal 4 Prozent lägen. Hiermit war natürlich EU-Ratspräsident Herman van Rompuy gemeint, dem Farage bereits nach seinem Amtsantritt den „Charme eines feuchten Lappens“ attestierte.

Zum Abschluss des Abends fragte Sven Tritschler den Gast aus Großbritannien nach seiner letzten Begegnung mit dem EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz (SPD). Farage schilderte humorvoll Schulz‘ aufbrausendes Temperament; wenn er sich so benehmen würde wie “the nasty aggressive Mr. Schulz“, der bösartig-aggressive Herr Schulz, hätte man ihn mit Sicherheit längst als “hooligan” bezeichnet. Auch würde er sich freuen, wenn Schulz der nächste EU-Präsident werden würde: “I want him!” – Ich will ihn! Dies nämlich würde den eurokritischen Parteien mindestens 10 Prozent mehr Zustimmung bescheren, so Farage unter lautem Gelächter.

So war es kein Wunder, dass Nigel Farage in Köln mit minutenlangem stehenden Beifall verabschiedet wurde. Der Zuschauer konnte mit dem wohligen Gefühl nach Hause gehen, „Klartext“ gehört zu haben und gleichzeitig vergnüglich unterhalten worden zu sein. Ein in Zeiten „alternativloser“ Politik und politisch korrekter Medien leider nur sehr seltenes Erlebnis. (PH)