(Bild: metropolico.news.org)
„Interkulturelle Kompetenz“ von städtischen Mitarbeitern schulen, damit sich der Ausländer weniger durch die Verwaltung diskriminiert fühlt (Bild: metropolico.news.org)

Ein Viertel der Migranten fühlen sich durch Verwaltungen diskriminiert. Nach dem bestehenden Koalitionsvertrag von Schwarz-Grün in Hessen sollen deshalb interkulturelle Kompetenzschulungen landesweit in der Verwaltung eingeführt werden. Das Programm  „Veris  – Verwaltung interkulturell stärken“ schafft die notwendigen Kompetenzen dafür. 

Interkulturelle Kompetenzschulungen. So lautet der Arbeitsbegriff des XENOS- Projektes „Veris“ – Verwaltung interkulturell stärken. Weil sich laut einer aktuellen Umfrage ein Viertel der Migranten durch Verwaltungen diskriminiert fühlen, haben sich drei deutsche Kommunen, darunter die Stadt Kassel, dazu entschlossen, ihre Beschäftigten im Umgang mit Migranten zu schulen.

Das seit 2012 laufende Programm „Veris“ bietet hierzu zwei- bis viertägige Schulungen an, bei denen die „Alltagserlebnisse der Rathausmitarbeiter mit Ausländern diskutiert und in Rollenspielen analysiert werden.“ Denn so mancher städtischer Mitarbeiter habe Probleme, das Verhalten von Zuwanderern richtig zu interpretieren und damit adäquat umzugehen, behauptet Daniel Weber, Referent des DGB Bildungswerkes.

Das Gemeinnützige Bildungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes e.V., kurz DGB Bildungswerk, hält nämlich solche Schulungen und Seminare ab. Unter dem Schlagwort „Interkulturelle Öffnung in der Verwaltung“ beschäftigt sich das DGB Bildungswerk mit den neuen Anforderungen der „zunehmenden Vielfalt, welche Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen, Lebensstilen, sprachlichen Kompetenzen oder Verhaltensweisen“ an die Beschäftigten in der öffentlichen Verwaltung stellen. Denn diese sollen durch die Handreichungen des DGB „kultursensibel beraten oder im KollegInnenkreis mit Heterogenität und verschiedenen Kommunikationsweisen produktiv und professionell umgehen“ können. Das DGB Bildungswerk „begleite die Verwaltungen bei ihrer Interkulturellen Öffnung“.

Der Mitarbeiter hat gelernt: sei kultursensibel trotz Vorurteilen

Nach solch einer Schulung könne der städtische Mitarbeiter viel besser auf das Verhalten von Zuwanderern eingehen, freut sich der DGB-Referent Weber. Als Praxisbeispiel nennt er in einem Artikel der Hessische/Niedersächsische Allgemeine Zeitung (HNA) die zum Teil ungewöhnlichen Familienkonstellationen: da werde eine Person zu einem Termin eingeladen und es erscheine dann die ganze Familie oder vor ihnen sitzt ein Paar und es spricht immer nur der Mann, berichtet Weber vom Ämteralltag. Dann sei es wichtig, Vorurteile zu überwinden. Anstatt die ganze Familie wieder aus dem Büro zu werfen“, habe der Stadtbedienstete nun gelernt, sich zunächst für das zahlreiche Erscheinen zu bedanken und dann um ein Einzelgespräch zu bitten.

In Kassel nehmen neben Verwaltungsmitarbeitern auch Beschäftigte des Jobcenters, der Stadtreinigung sowie Feuerwehrleute an den Schulungen teil.  Denn gerade Feuerwehrleute würden bei Einsätzen immer wieder auf sprachliche Hindernisse stoßen, so Weber laut der HNA.

Munter sprudelnde Geldquelle

Das beschriebene Programm „Veris“ wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) und des Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert und endet im ersten Zyklus 2014. Der ESF ist laut Eigendarstellung das wichtigste Finanzierungsinstrument der Europäischen Union. Seit 1957 versuche der ESF die Beschäftigungschancen zum Abbau von Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt beizutragen. Finanzielle Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds können öffentliche Verwaltungen, Nichtregierungsorganisationen, Wohlfahrtsverbände sowie Sozialpartner erhalten, die im Bereich Beschäftigung und soziale Eingliederung aktiv sind.

Deutschland erhielt für die vergangene Förderperiode rund 12 Milliarden Euro. Mit Geldern des ESF wurden Maßnahmen aber nur anteilig finanziert. Je nach Region werden maximal bis zu 75 Prozent der Gesamtkosten eines Projektes aus ESF-Geldern gefördert. Die restlichen Kosten sind durch nationale Mittel des Bundes, der Länder, der Kommunen oder durch private Mittel abzudecken. Ein Großteil der Mittel wurde von der Bundesagentur für Arbeit umgesetzt. Gefördert wurden mit dem ESF in der Vergangenheit in erster Linie die berufliche Weiterbildung von Erwerbstätigen, die soziale Integration von Benachteiligten oder aber auch die Chancengleichheit von Frauen und Männern mit groß angelegten Gender Mainstreamig-Programmen.

Für die Stadt Kassel kostenlos – bezahlt durch den Steuerzahler

In Kassel werden derzeit 450 Mitarbeiter in interkultureller Kompetenz“ durch das DGB Bildungswerk geschult. Auf Rückfrage von metropolico wurde von der städtischen Pressestelle mitgeteilt, dass die Schulungen der Mitarbeiter jeweils zwei Schulungstage umfassen würden. In der weiteren Erläuterung des Interkulturellen Trainings“ wird angegeben, dass die Trainer „vom DGB Bildungswerk BUND gestellt und finanziert werden“ und die Beschäftigten nach der Trainingsteilnahme kostenlos“ noch weitere Einzelcoachings, die durch einen Trainer des DGB Bildungswerks BUND durchgeführt werden, in Anspruch nehmen können. Die freiwillig stattfindende Schulung absolvieren die Mitarbeiter nach Aussage der Stadt Kassel während der Dienstzeit. Das sei bei Fortbildungen das übliche Verfahren. Kosten würden der Stadt Kassel laut dem Presseamt hierbei nicht entstehen. Die prinzipielle kostentechnische Höhe der kompetenzschaffenden Fortbildungsmaßnahme sei der Stadt nicht bekannt. Man lege jedoch Wert auf die Information, dass das Projekt „Veris“ in der Stadtverwaltung Kassel federführend vom „Zukunftsbüro“ im Zuge der Umsetzung des Integrationskonzeptes koordiniert wird.

Im „Interkulturellen Training“ wurden und werden darüber hinaus die Beschäftigten folgender Kassler Ämter geschult: Auszubildende der Stadtverwaltung, Bürgeramt (Abteilungen Servicecenter), Zuwanderung und Integration, Standesamt und Bürgerbüros, Frauenbüro, Gesundheitsamt, Jugendamt (Abteilungen: Kinder und Jugendförderung), Vormundschaften, Beistandschaft, Unterhaltsvorschuss, Wirtschaftliche Jugendhilfe und Erziehungshilfe, Kulturamt (Abteilungen Bürgerhäuser und Stadtbibliothek), Ordnungsamt (Abteilungen Verkehrsüberwachung und Lebensmittelkontrolleure), Personal- und Organisationsamt, Führungskräfte der Personalsachbearbeitung, Personalrat, Querschnittsgruppe aus Amtsleitern, Abteilungsleitern und Schlüsselpersonen der Stadtverwaltung, Schulverwaltungsamt, Schwerbehindertenvertretung und das Sozialamt. Als Lösung sieht der DGB-Mann das verstärkte Anwerben von Personal mit ausländischen Wurzeln.

In der zweiten Phase nehmen die Beschäftigten der Stadtverwaltung an Workshops teil, um Kompetenzen in folgenden Themen zu erlangen: Interkulturalität in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Interkulturalität in Anforderungsprofilen und im Beurteilungswesen, Interkulturelle Gestaltung von Freizeit- und Kulturangeboten in Kassel – Zielgruppe sind die Programmbereichsleitungen der Volkshochschule Region Kassel, Kultursensibler Telefonnotruf -, ein Workshop, an denen auch weitere Behörden innerhalb der Stadt Kassel teilnehmen werden. Und zu guter Letzt: Interkulturelle Elternarbeit in Kindertagesstätten sowie zwei Workshops für die Leitungen der Kindertagesstätten.

Nach dem bestehenden Koalitionsvertrag von Schwarz-Grün sollen „Interkulturelle Kompetenzschulungen“ hessenweit in der Verwaltung eingeführt werden. In Anbetracht der Fülle an  „schulungsbedürftigen“ Mitarbeitern sollte dann doch die Frage erlaubt sein, welche Kosten – wenn auch nicht direkt der Stadt Kassel- entstehen. Denn diese Befütterungen der Sozial- und Integrationsindustrie sind nicht kostenlos. Bezahlt wird das Ganze vom Steuerzahler.

Die Reaktionen auf die freiwilligen Fortbildungen seien „sehr unterschiedlich“, bemerkt der DGB-Referent Weber abschließend. Sie reichten von „sehr hilfreich“ bis „was soll der Quatsch?!“ (BS)