Die Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro erhöht das Einkommen bedürftiger Arbeitnehmer kaum, gefährdet aber bis zu 900.000 Arbeitsplätze. Der flächendeckende gesetzlichen Mindestlohns ist ein großes, mit vielen sozialpolitischen Risiken verbundenes Experiment.

Hans-Werner Sinns Institut sieht durch Mindestlohn 900.000 Arbeitsplätze gefährdet (Bild: metropolico.org)
Hans-Werner Sinns Institut sieht durch Mindestlohn 900.000 Arbeitsplätze gefährdet (Bild: metropolico.org)

Besonders stark negativ betroffen seien die heutigen Aufstocker, sagt ifo-Forschungsprofessor Ronnie Schöb in der am Mittwoch veröffentlichten Pressemitteilung des ifo-Instituts. Aufstocker, also Beschäftigte, die ergänzendes Arbeitslosengeld II beziehen, werden von der Lohnerhöhung kaum etwas mit nach Hause nehmen, sind aber einem viel höheren Arbeitsplatzrisiko ausgesetzt. Wenn der Stundenlohn eines alleinstehenden Aufstockers von fünf Euro auf 8,50 Euro steigt, erhöht sich sein Netto-Einkommen nur um 60 Euro im Monat oder 6,1 Prozent. Denn das zusätzliche Einkommen wird weitgehend mit dem ALG II verrechnet. Für den Arbeitgeber erhöhen sich dann aber die Arbeitskosten um 70 Prozent.

Vergleiche mit Mindestlohn in anderen Ländern sind irreführend

Zu diesem Ergebnis kommt eine neue gemeinsame Studie von Schöb, dem ifo-Dresden-Geschäftsführer Marcel Thum und des Magdeburger Finanzwissenschaftlers Andreas Knabe. Die gesamten Beschäftigungsverluste belaufen sich danach auf bis zu 900.000 Arbeitsplätze. Dabei ist auch der Verlust von 660.000 geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen -einschließlich Rentner und Studenten- mitgezählt. In Vollzeit-Stellen entsprechen die gesamten Verluste in etwa 340.000 Arbeitsplätzen. Bei den Aufstockern arbeiten bisher zwei Drittel zu einem Lohn unterhalb von 8,50 Euro. Stark betroffen sind auch Arbeitnehmer in den Neuen Ländern. Potenziell sind in Deutschland rund fünf Millionen Arbeitnehmer vom Mindestlohn betroffen, das sind 14 Prozent aller Beschäftigten, im Osten sogar 20,4 Prozent. Bei den Vollzeitbeschäftigten sind es rund 1,2 Millionen Arbeitnehmer (5,2 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten).

Vergleiche mit dem Mindestlohn in anderen Ländern sind daher irreführend. In Großbritannien wurde im Jahre 1999 ein Mindestlohn von 3,60 Pfund eingeführt. „Nur 5 Prozent der Beschäftigten waren damals davon betroffen. Würde man in Deutschland ähnlich vorsichtig starten, dürfte er in Deutschland nicht höher als 6,22 Euro sein“, sagt Marcel Thum, Geschäftsführer von ifo-Dresden. Im Westen entspräche das 6,47 Euro, im Osten 4,62 Euro. Ein Mindestlohn à la USA müsste sogar noch niedriger liegen.

Ein mit vielen sozialpolitischen Risiken verbundenes Experiment

Zusammenfassend bewerten die Ersteller der Studie die Einführung des flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns von 8,50 Euro als ein großes, mit vielen sozialpolitischen Risiken verbundenes Experiment. Die Studie zeige auf, dass weder die unterschiedlichen theoretischen Erklärungsmodelle noch die große Anzahl empirischer Arbeiten aus anderen Ländern die Hoffnung rechtfertigen, der Mindestlohn würde in Deutschland nicht zu substantiellen Beschäftigungsverlusten führen.  Simulationsrechnung zeigten auf, dass bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro – unabhängig vom unterstellten Arbeitsmarktszenario – substantielle Beschäftigungsverluste drohen. Besonders stark betroffen seien die heutigen Aufstocker, die von der Mindestlohnerhöhung kaum etwas mit nach Hause nehmen könnten, aber in Zukunft einem ungleich höheren Arbeitsplatzrisiko ausgesetzt seien. Diese Befunde lassen zweifeln, dass die Politik mit dem Mindestlohn ihre erklärten Ziele einer erhöhten Verteilungsgerechtigkeit und der Entlastung der öffentlichen Haushalte erreichen kann.

Das  als gemeinnütziger Verein eingetragene ifo Institut wurde 1949 gegründet und  ist eines der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in Europa und zugleich das in den deutschen Medien am häufigsten zitierte. Es ist durch einen Kooperationsvertrag eng mit der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) verbunden und hat seit 2002 den Status einesInstituts an der Universität München“. In der CESifo-Gruppe kooperiert das ifo Institut sehr eng mit dem Center for Economic Studies (CES) und der CESifo GmbH. CESifo ist auch die Marke, unter der die internationalen Aktivitäten der gesamten Gruppe gebündelt werden. (DB)