Frank-Furter Schnauze: Nachruf auf Professor Wilhelm Hankel

Professor Wilhelm Hankel (Bild: Professor Wilhelm Hankel, Facebook)
Professor Wilhelm Hankel (Bild: Professor Wilhelm Hankel, Facebook)

Professor Wilhelm Hankel ist tot. Der renommierte Ökonom verstarb im Alter von 85 Jahren am 15. Januar 2014 in Köln. Ein Nachruf.

Mit Professor Wilhelm Hankel ist einer der kompetentesten Finanzexperten im deutschsprachigen Raum verstorben. Wer einen flüchtigen Blick auf die Vita Hankels wirft, muss zwangsläufig zu der Frage gelangen, wie all das nur in ein einziges Leben passen konnte. Es gibt vermeintliche Experten im Deutschland dieser Tage, die sich für nur eine dieser vielen Stationen ein Leben lang rühmen (und darauf ausruhen) würden.

Einige Auszüge: Hankel studierte Wirtschaftswissenschaften von 1948 bis 1953 an der Johannes Gutenberg-Universität zu Mainz und an der Universität von Amsterdam. 1953 promovierte er zum Dr. rer. pol. an der Universität Mainz. In der Folge führte Hankels Werdegang über die Bank deutscher Länder (dem Vorläufer der Deutschen Bundesbank), das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und das Auswärtige Amt. Von 1959 bis 1967 war Hankel Chefökonom der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). 1967 wechselte er ins Bundesministerium für Wirtschaft, war dort maßgeblich an der Entwicklung der Bundesschatzbriefe sowie der Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds beteiligt und führte die Frankfurter Terminbörse wieder ein. Von 1972 bis 1974 war Hankel Präsident der Hessischen Landesbank (Helaba).

Hankel erhielt 1971 eine Honorarprofessur für Währungs- und Entwicklungspolitik an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main, übernahm ab 1974 Gastprofessuren an der Harvard University in Cambridge, am Konrad-Adenauer-Lehrstuhl der Georgetown University in Washington, D.C., am SAIS Bologna Center der Johns Hopkins University in Baltimore, am Wissenschaftszentrum Berlin und an der Technischen Universität Dresden sowie einen Stiftungslehrstuhl der Deutschen Bundesbank für internationale Währungspolitik an der Freien Universität Berlin. Darüber hinaus erhielt Hankel über die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit Beratungsverträge mit zahlreichen Ländern, darunter die Vereinigten Arabischen Emirate, die Volksrepublik China und Russland. Von 1998 bis 1999 fungierte Hankel als Berater der Weltbank. Er war SPD-Mitglied, Träger des Bundesverdienstkreuzes und Vater von drei Söhnen. Hankel sprach Deutsch, Englisch, Französisch und Niederländisch.

Zudem zählte Hankel zu den so genannten „Euro-Klägern“ und reichte gemeinsam mit den Professoren Wilhelm Nölling, Joachim Starbatty und Karl Albrecht Schachtschneider im Jahr 1997 Klage beim Bundesverfassungsgericht gegen den Vertrag von Amsterdam zur Einführung des Euro ein. Im Jahr 2010 klagte die Gruppe erneut, nun noch erweitert um Diether Spethmann, den ehemaligen Chef der Thyssen AG, gegen den Milliardenkredit für die Griechenland-Hilfen. Zuletzt warnte Hankel vor der Bundestagswahl 2013, dass nach der Wahl ein Dammbruch drohe und die deutschen Steuerzahler dann erst recht für die Euro-Rettung zur Kasse gebeten würden.

Zeit seines Lebens kritisierte Hankel das System der Geld- und Kreditschöpfung sowie die damit einhergehende unkontrollierte Vermehrung der Geldmenge und sah darin einen systemimmanenten Fehler der Finanzwirtschaft, der systembedingt zu Krisen führen müsse. Im Zuge der Euro-Krise empfahl Hankel den Krisenländern, im eigenen Interesse aus der Währungsunion auszutreten und ihre nationalen Währungen wieder einzuführen. Hankel veranschaulichte die ökonomische Bedeutung von Währungen gerne am Beispiel eines Maßanzuges, der genau auf den Träger zugeschnitten sein müsse. Eine Gemeinschaftswährung für zahlreiche höchst verschiedene Volkswirtschaften könne dementsprechend genauso wenig funktionieren wie ein Einheits-Anzug für unterschiedlich groß gewachsene Personen. Aus seiner Meinung, dass es Deutschland und Europa mit nationalen Währungen besser ergehen würde, machte Hankel keinen Hehl.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) bezeichnete den aus seiner Sicht unliebsamen Wirtschaftsprofessor daher wiederholt abfällig als „D-Mark Nationalisten“, Angehörige des linken Flügels unterstellten ihm aufgrund seiner Positionierung zugunsten eines Systems nationaler Währungen eine Nähe zum Rechtsradikalismus. Hankel wiederum bescheinigte Schäuble mehrfach öffentlich, die Vorgänge in seinem Ressort, der Finanzpolitik, und insbesondere die komplexen Prozesse an den Finanzmärkten „nicht ansatzweise verstanden“ zu haben. Gleiches dürfte für Hankels Kritiker aus Reihen der politischen Linken gelten, deren Verständnis von Ökonomie und insbesondere Geldpolitik gemeinhin überschaubar bis verkümmert ist.

Ich selbst durfte mehrere Vorträge von Professor Hankel erleben und bin stolz, ihn in einem solchen Rahmen auch persönlich kennen gelernt zu haben. Jeder, dem ebenfalls das Privileg zuteil wurde, einem Vortrag des Professors beizuwohnen, wird meinen Eindruck bestätigen, dass Hankel es wie kein Zweiter verstand, Fragmente seiner schier unglaublichen Wissensfülle, resultierend gleichsam aus theoretischer Lehre wie praktischer Erfahrung, kompetent und unterhaltsam weiter zu reichen. Noch heute schmunzle ich gelegentlich über Hankels Spitzen an die Adresse des damaligen und amtierenden Bundesfinanzministers. Und es macht mich fassungslos, welch sprichwörtliche Dummheit in diesem Land grassieren muss, dass einem solchen Menschen mit einem solchen Lebenswerk und einem solchen Sachverstand allen Ernstes eine Nähe zu radikalem Gedankengut angedichtet wurde. Hankel traf, wie viele andere, ein zunehmend irrationaler Zeitgeist, dessen Siegeszug einzig auf der medialen Allmacht seiner Schöpfer basiert, denen es zur sachlichen und argumentativen Auseinandersetzung mit ökonomischen Koryphäen wie Hankel schlicht an Intellekt, Niveau und Sachverstand fehlt; und die sich deswegen nicht anders zu helfen wissen, als mit dem Griff in die populistische Mottenkiste, als mit Verleumdung und Diffamierung.

Mit Professor Wilhem Hankel verliert die Bundesrepublik Deutschland einen beispiellosen Sachverstand und einen ehrbaren Menschen. Es ist ein beschämendes Exempel für den besorgniserregenden intellektuellen Zustand dieser Republik, dass sein Lebenswerk, seine Erkenntnisse und seine Lösungsansätze nicht angemessen in Medien und Politik gewürdigt wurden und werden. In einer besseren Zeit, in einem fortschrittlicheren Land, in einer leistungsorientierteren und offeneren Gesellschaft, weniger indoktriniert von ideologisch-motiviertem Nonsens und weniger verblendet von ständigen publizistischen Nebelkerzen, würden Straßen und Plätze nach Menschen wie Professor Wilhelm Hankel benannt. Alleine seine beherzten Engagements gegen die Einführung einer dem (europäischen!) Gemeinwohl absehbar schadhaften Gemeinschaftswährung, gegen den Rechtsbruch im Rahmen der Euro-Rettung und gegen das Schwinden der Demokratie zugunsten einer zunehmend undemokratischen Zentralregierung wären Grund genug, ihm Denkmäler zu bauen.

Lieber Professor Wilhelm Hankel, es war mir eine Ehre, Sie persönlich kennen gelernt zu haben. Und es war ein Privileg, an Ihrer Erfahrung und Ihrem Wissen – wenn auch nur geringfügig – teilhaben zu dürfen. Vielen Dank für alles, was Sie für dieses Land getan haben. Mögen Sie in Frieden ruhen.

Professor Wilhelm Hankel starb am 15. Januar 2014 im Alter von 85 Jahren in Köln. Unser aufrichtiges Beileid gilt der Witwe und den Söhnen des Herrn Professors.