Frank-Furter Schnauze: Ein Hauch von Kritik zwischen den Zeilen des Bundespräsidenten

Bundespräsident Joachim Gauck (Bild: Offizielles Porträt "Presse- und Informationsamt der Bundesregierung" , Rechte: siehe Link)
Bundespräsident Joachim Gauck (Bild: Offizielles Porträt „Presse- und Informationsamt der Bundesregierung“ , Rechte: siehe Link)

In der Islamdebatte kennt der Wahnsinn keine Grenzen mehr. Stellvertretend dafür steht der Streit rund um das Zentrum für islamische Theologie (ZIT) an der Universität im westfälischen Münster. Der zumindest ansatzweise um Aufklärung und Modernisierung bemühte Leiter, Professor Mouhanad Khorchide, steht in der Kritik muslimischer Vereine, weil er sich nicht hinreichend orthodox gebärden will. Am Donnerstag war der Bundespräsident zu Gast und vollbrachte es tatsächlich, einen Hauch von Kritik zwischen zwei Zeilen zu verstecken. Wow! Ein Kommentar.

Im ansonsten so idyllischen Münster in Westfalen herrschte am Donnerstag Ausnahmezustand. Bundespräsident Joachim Gauck war zu Gast und stürzte die Stadt vorrübergehend in ein Verkehrschaos. Im Mittelpunkt seines Besuches stand ein Thema, das irgendwie so gar nicht in die katholisch geprägte Westfalen-Metropole mit ihren zahlreichen Kirchtürmen passen will: Der Islam.

Doch nicht in Köln, Düsseldorf, Duisburg oder Dortmund, wo der Anteil muslimischer Einwanderer an der Bevölkerung weit größer ist, entstand das nordrheinwestfälische Zentrum für islamische Theologie (ZIT), sondern ausgerechnet hier, an der Universität jener Stadt, deren Name aus dem lateinischen Wort für „Kirche“ heraus entstanden ist. Es mag sinnvoll erscheinen, eine zum Teil auf „interreligiösen Dialog“ ausgerichtete Fakultät in einer der wenigen deutschen Städte anzusiedeln, die bis in die Gegenwart zumindest äußerlich noch so sehr von (christlicher) Religion geprägt ist. Andererseits ist das ZIT damit weit entfernt von jenen Orten, an denen die Konflikte mit eingewanderten Muslimen, insbesondere Fundamentalismus und Extremismus, deutlich ausgeprägter sind. Unfreiwillig steht es damit symbolhaft für die Verweigerung einer lösungsorientierten Islamdebatte.

Ein integrationsfeindliches Unding

Am ZIT, dem einzigen Zentrum dieser Art in Nordrhein-Westfalen, sollen Lehrer für einen bekenntnisorientierten Islamunterricht ausgebildet werden. Es ist an sich begrüßenswert, dass – wenn schon ein solcher Unterricht eingeführt wird – die Ausbildung der Lehrer zumindest an einer deutschen Fakultät stattfindet. Das ist in dieser Zeit tatsächlich schon ein Fortschritt. In den meisten deutschen Moscheen predigen auch heute noch Imame, die in der Türkei oder andernorts in der islamischen Welt „ausgebildet“ wurden und in hiesige Städte entsandt werden. So zum Beispiel in den Moscheen der Ditib, ihres Zeichens deutscher Arm der türkischen Religionsbehörde Diyanet und größte Betreiberorganisation von Moscheen in Deutschland. In deren Räumlichkeiten wird, davon muss ausgegangen werden, nebst dem Wort eines vermeintlichen Gottes und seines Propheten nur allzu oft auch das Wort des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan gepredigt. Ein integrationsfeindliches Unding, gegen das sich jedoch öffentlich kaum Widerstand regt.

Bei seinem Besuch am ZIT betonte Gauck, dass ein Zusammenleben in Deutschland nur gelingen könne, „wenn wir uns gegenseitig offen und respektvoll begegnen“. Zudem freue er sich, dass nun „auch in Deutschland Ausbildungszentren entstanden sind, in denen diese pluralistische Tradition in wissenschaftlicher Freiheit ohne politischen und fundamentalistischen Druck weiter entwickelt werden kann.“ Wer zwischen den Zeilen liest, findet hier das Maximum an Kritik, das ein Bundespräsident im Deutschland der Gegenwart an der eher unbefriedigenden Situation rund um den neuerdings zu Deutschland gehörigen Islam üben darf, ohne sich einer medialen Hetzjagd auszuliefern.

Kein interreligiöser, sondern ein intrareligiöser Dialog

Gauck bezog sich mit seiner Aussage zu „wissenschaftlicher Freiheit“ und seiner unterschwelligen Kritik an „politischem und fundamentalistischem Druck“ auf den seit Wochen schwelenden Konflikt rund um das ZIT. Denn die angestrebte „wissenschaftliche Freiheit“ ist dort sehr wohl einem „politischen und fundamentalistischem Druck“ ausgesetzt, an dem sich die wahre, gegenwärtige Gestalt dieser „pluralistischen Tradition“ ablesen lässt. Tatsächlich hat sich am ZIT kein interreligiöser, sondern zuvorderst ein intrareligiöser Dialog (besser: Streit) entwickelt, der stellvertretend für das Dilemma steht, mit dem der Westen angesichts einer jahrzehntewährenden Welle muslimischer Einwanderung konfrontiert ist. Da es versäumt wurde, frühzeitig die flächendeckende Anpassung des Islams an ein für aufgeklärte, demokratische Gesellschaften notwendiges Religionsverständnis einzufordern, haben sich die zahlreichen im islamischen Kulturkreis präsenten radikalen bis fundamentalistischen Strömungen auch hierzulande etabliert und geben mittlerweile in der öffentlichen Debatte islamseitig klar den Ton an. Mit dem wachsenden Fundamentalismus in der arabischen Welt und der Re-Islamisierung der Türkei durch Erdogan wurden diese Gruppen, organisiert in einer Vielzahl von Vereinen und unterstützt durch zahlreiche Geldgeber im Ausland, auch hierzulande stärker. Und längst ist ihr Anspruch, dass sich nicht der Islam in Deutschland an die politische Kultur des Westens anpasst, sondern umgekehrt, dass sich die politische Kultur des Westens an den Islam des Orients anzupassen hat. Genau dieser Konflikt, von offiziellen Stellen und Mainstreammedien so gut wie irgend möglich kaschiert und umschifft, entlädt sich nun am ZIT in Münster.

Insbesondere entlädt er sich an der Person von Professor Mouhanad Khorchide, dem Leiter des ZIT. Khorchide gibt vor, für einen aufgeklärten, weltoffenen Islam einzutreten und stößt damit freilich auf Wohlwollen seitens deutscher Politiker. Er bedient jene Vorstellung eines „Euro-Islams“, den sich Vertreter der Politischen Korrektheit wünschen. Eine Islam-Version, die allerdings die drei großen Makel hat, dass sie sich erstens nicht allzu glaubhaft aus den heiligen Schriften des Islams ableiten lässt, zweitens nirgendwo in der islamischen Welt allzu deutlich umgesetzt wäre und drittens auch hierzulande bei Islamfunktionären überwiegend auf Ablehnung stößt.

„Nicht wie ein Islamlehrer“

Ein Plädoyer für ein solches Islamverständnis lieferte Khorchide in seinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion“, das für sich genommen beschönigend bis weltfremd bewertet werden muss. Allerdings steht Khorchide öffentlich dafür ein, den Islam „nicht als Quelle von Gesetzen“ zu verstehen, sondern „von Spiritualität und allgemeinen ethischen Prinzipien“. Genau das, die Abkehr von dem archaischen Glaubensansatz, der Koran sei das wahre Wort Gottes, die überfällige Loslösung von den daraus unweigerlich entstehenden politischen Handlungsanweisungen und die Zurückdrängung der Religion in eine rein spirituelle und ethische Dimension – all das sind die nötigen ersten Schritte auf dem Weg zur Entwicklung eines der westlich-aufgeklärten, demokratischen und pluralistischen Kultur entsprechenden Religionsverständnisses. Und anders als beispielsweise im Falle des Münchner Imams Bajrambejamin Idriz gibt die Vita von Professor Khorchide zumindest Anlass zu der Hoffnung, dass er es mit dem „Euro-Islam“ wirklich Ernst meinen könnte, anstatt ihn nur als Vorwand zu missbrauchen, um gutgläubige Politiker zur Unterstützung zu verführen.

Doch genau diese Aussagen Khorchides und das darin dokumentierte Religionsverständnis stoßen bei Vertretern muslimischer Organisationen auf Widerstand. „Khorchide schreibt wie ein Orientalist und nicht wie ein Islamlehrer“, beschwerte sich beispielsweise Deutschlands oberster Islam-Lobbyist Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime (ZMD). Auch der Koordinationsrat der Muslime (KRM) argumentiert ähnlich. In einem Artikel im Deutsch-Türkischen-Journal (DTJ) anlässlich des Gauck-Besuchs in Münster wird dementsprechend resümiert: „Muslimische Kreise werfen Khorchide vor, einen konturenlosen, assimilierten Islam zu vertreten.“ Unterschwellig offenbart sich im DTJ-Bericht die Hoffnung, Khorchide könnte alsbald vom Beirat des ZIT abberufen werden, wenn dieser denn endlich seine Arbeit aufnehme. Von den acht Beiratsmitgliedern werden vier vom KRM entsandt. Unerwähnt bleibt im DTJ-Artikel freilich, dass sich die Arbeitsaufnahme des Beirats auch deswegen verzögert hat, da an zwei Personen, die der KRM entsenden wollte, erhebliche Zweifel an der Verfassungstreue bestanden.

Kleiner Finger, ganze Hand

Auch das steht exemplarisch für die Islamdebatte in Deutschland: Während der zumindest ansatzweise um Integration und Modernisierung bemühte ZIT-Leiter gerade deswegen von muslimischen Organisationen kritisiert wird, fordern ebendiese Organisationen nun schon unverhohlen ein, dass Islamzentren an deutschen Universitäten, finanziert vom deutschen Staate, gefälligst entsprechend ihren orthodoxen und voraufklärerischen Vorstellungen gestaltet und Lehrer wie Schüler auf Basis derselben ausgebildet werden sollen. Doch anstatt, dass diese bodenlose Frechheit beim Namen genannt wird, findet sich der einzige Hauch von Kritik versteckt zwischen den Zeilen eines ansonsten um die üblichen Phrasen von Vielfalt, Toleranz und Respekt umher irrlichternden Bundespräsidenten, dessen metropolicomige Rede in der Summe an elitärem Realitätsverlust kaum noch zu überbieten ist.

Auch andernorts in Deutschland, allen voran in München, wird mit dem Verweis auf einen virtuellen „Euro-Islam“ um Zustimmung für Islamzentren geworben. Der Fall in Münster zeigt, was es damit auf sich hat. Kaum dass die geforderte Institution geschaffen ist, stürzen sich orthodoxe Islamvertreter wie Hyänen auf einen Kadaver, wittern das Machtinstrument für ihre zweifelhaften Zwecke, wollen vom „Euro-Islam“ nichts mehr wissen. Und diejenigen unter den Muslimen, die vielleicht tatsächlich für eine solche Entwicklung einstehen, finden in ihren radikalen, fundamentalen und politisch höchst-aktiven Glaubensbrüdern noch die stärksten Widersacher. Für das Gebaren der Fundamentalisten zwängt sich der gute, alte Volksmund auf: Kleiner Finger, ganze Hand. Diesem Bild nach zerren Islamfunktionäre wie Aiman Mazyek unlängst am ganzen Arm der Deutschen. Das ist das wahre Ergebnis der so genannten Willkommenskultur, des Entgegenkommens und des Appeasements: Muslimische Verbände fordern nun gar offen ein Recht auf Integrationsverweigerung ein, erwarten die Anpassung Deutschlands an ein archaisches Religionsverständnis und wollen all das gar noch von staatlichen Stellen gefördert wissen. In der Islamdebatte kennt der Wahnsinn keine Grenzen mehr.

Pointierte Randnotiz

So gesehen war der Besuch des Bundespräsidenten bei Professor Khorchide – jenseits all der unsagbar dämlichen Symbolik, die nun durch den medialen Äther wabert – zumindest ein begrüßenswertes Zeichen, dass der deutsche Staat es eher mit den Aufklärern halten will, als mit den Vorbetern des Rückstands und des Fundamentalismus. Angesichts der Macht der Islamisten auch hierzulande muss aber bezweifelt werden, ob dieser auf „gegenseitigen Respekt“ gegründete Weg dauerhaft erfolgreich sein kann. Zu gering ist die Zahl derjenigen unter den Muslimen, die glaubhaft für Aufklärung und Modernisierung einstehen. Zu mächtig hingegen sind diejenigen, die das Gegenteil wollen.

Lange, bevor ein interreligiöser Dialog entstehen konnte, spielt sich rund um das ZIT in Münster ein intrareligiöser Dialog ab, der in einen handfesten Streit ausgeartet ist und damit sinnbildlich für all die Probleme steht, die mit der wachsenden Zahl der Muslime in Deutschland und dem wachsenden Einfluss fundamental-religiöser Kräfte einhergehen. Dass sich letztlich selbst Salafisten-Führer Pierre Vogel als Oberhyäne der Maximal-Zurückgebliebenen schnell noch seinen Brocken von der Beute sichern wollte, taugt in der Summe nur noch zur pointierten Randnotiz in einer ansonsten ganz und gar nicht lustigen Geschichte.

Sorgsam versteckt zwischen den Zeilen

Wichtiger als das ist: Schon heute lässt sich resümieren, dass die Einführung eines bekenntnisorientierten Islamunterrichts an deutschen Schulen ein großer Fehler war. Doch zumindest in diesem Punkt zeigt er sich dann doch, der interreligiöse Dialog: Denn vor allem die Kirchen sind heimliche wie mächtige Fürsprecher dieser Maßnahme, wohlwissend, dass die mittelfristige Alternative die Abschaffung eines jeden, also auch des christlichen, bekenntnisorientierten Religionsunterrichts wäre. An staatlichen Schulen in einem aufgeklärten Land wäre das zweifelsohne der bessere, wenn nicht gar der einzig sinnvolle Weg.

Doch wer würde es noch wagen, mit dem Sinnvollen zu argumentieren – in einer Debatte, in der nach Jahren des politisch korrekten Realitätsverlustes der Wahnsinn regiert? Der Bundespräsident jedenfalls nicht. Abgesehen von einem klitzekleinen Hauch der Kritik, sorgsam versteckt zwischen den Zeilen. Wow.