Bundespräsident Joachim Gauck und Salafisten-Prediger Pierre Vogel kommen nach Münster

Bundespräsident Joachim Gauck und Salafisten-Prediger Pierre Vogel (Bild links: Offizielles Porträt “Presse- und Informationsamt der Bundesregierung” , Rechte: siehe Link, Bild rechts: Hemmelrath)
Bundespräsident Joachim Gauck und Salafisten-Prediger Pierre Vogel (Bild links: Offizielles Porträt “Presse- und Informationsamt der Bundesregierung” , Rechte: siehe Link, Bild rechts: Hemmelrath)

Am Donnerstag kommen Bundespräsident Joachim Gauck und der Salafisten-Prediger Pierre Vogel gleichzeitig nach Münster, um mit Mouhanad Khorchide zu reden. Allerdings haben Gauck und Vogel völlig unterschiedliche Gründe, das Gespräch mit Khorchide zu suchen.

Mouhanad Khorchide ist irgendwie süß; man muss den gutaussehenden „Religionspädagogen“, der seit 2010 das Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) der Universität Münster leitet, einfach mögen. Schon alleine wegen seiner kindlichen Unverfrorenheit, in einer Zeit, in der nahezu täglich irgendwo auf der Welt Menschen mit lautem „Allahu akbar“ massakriert werden, ein Buch mit dem Titel „Islam ist Barmherzigkeit“ zu veröffentlichen. Darin stellt er seine Vision eines modernen und aufgeklärten Islam vor: eine humanistische Religion, die vor allem von Gottesbarmherzigkeit, Gottesliebe und Freiheit geprägt ist. Der 42-jährige Khorchide liest den Koran als ein Buch aus dem siebenten Jahrhundert, dessen einzelne Gebote jedoch nicht mehr wörtlich ins heutige Leben übertragen werden können und versteht den Islam als „Einladung“, eine „freundschaftliche Beziehung“ zu Gott aufzubauen.

Dumm nur, dass die Muslime mit einem solchen „Kuschel-Islam“ nichts anfangen können und wollen. Am nettesten hat sich noch Avni Altiner, Vorsitzender des Landesverbandes der Muslime in Niedersachsen (Schura), ausgedrückt, der am 31. Dezember 2012 in einem Interview der Islamischen Zeitung wörtlich sagte:

Diese so ­genannte Barmherzigkeitsheologie von Herrn Khorchide ist tatsächlich meilenweit von der Basis entfernt. Jeder in der muslimi­schen Community weiß, dass er damit die Residenzgesellschaft bedient. Klar ist und bleibt: Diese Thesen mögen auf Kirchentagen und in der deutschen Öffentlichkeit bejubelt werden, sie haben jedoch keinerlei Rückkoppelung in den Moscheegemeinden. Im Grunde genommen ist das nichts anderes als eine einseitige und selektive Lesart der islami­schen Quellen. Das Gewünschte wird in die Quellen hinein projiziert. Entweder tut er dies bewusst oder unwissentlich, suchen Sie sich die bessere Alternative aus.“

Womit auch schon erschöpfend erklärt sein dürfte, warum gerade Mouhanad Khorchide mit der Leitung des ZIT beauftragt wurde. Einer Fakultät, an der gegenwärtig über 400 Lehrer für den islamischen Religionsunterricht an nordrhein-westfälischen Schulen ausgebildet werden.

Machtkampf um die Kontrolle über das ZIT

Wie fragwürdig diese islamische Fakultät aufgebaut ist, erkennt man am deutlichsten an deren achtköpfigem Beirat, der seine Zustimmung zur Berufung von Professoren erteilen und über die theologischen Lehrinhalte bestimmen soll. Dieser Beirat setzt sich zur Hälfte aus Mitgliedern des Koordinationsrates der Muslime (KRM) zusammen, eines Dachverbandes der konservativsten Islam-Verbände Deutschlands: der aus Ankara gesteuerten Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib), dem Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (IRD), dem Verband islamischer Kulturzentren (VIKZ) und dem gegenwärtig von Aiman Mazyek geführten Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD). Zum IRD wiederum gehört u.a. die als antisemitisch und verfassungsfeindlich bekannte Gruppierung Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG).

Getagt hat dieser Beirat bis heute noch nie; er ist seit zwei Jahren funktionsunfähig, weil die Leitung der Universität, die bis heute davon überzeugt ist, man könne eine islamische Fakultät verfassungskonform betreiben, zwei vom IRD benannte Mitglieder wegen verfassungsrechtlicher Bedenken abgelehnt hat. In den Augen orthodoxer Islam-Verbände, die Khorchides Theorien ohnehin als „Irrlehre“ ablehnen, eine unerträgliche Provokation. Also schießen sich diese schon seit Wochen auf Khorchide ein; am lautesten ist wie üblich Aiman Mazyek, der der Universität vorwirft, sie würde „über die Köpfe der Religionsgemeinschaften hinweg“ Inhalte beschließen und Professoren einbestellen. Auch der KRM ist in die Offensive gegangen und will in Kürze ein wissenschaftliches Gutachten veröffentlichen, in dem Khorchides Theologie „Punkt für Punkt“ widerlegt werde. Ferner kündigte Bekir Alboga, KRM-Sprecher und „Dialogbeauftragter“ der Ditib, ultimativ an, man wolle der Universitäts-Leitung „zum letzten Mal“ einen weiteren Beiratskandidaten vorschlagen. Eine Ankündigung mit einem drohenden Unterton, mit der der Machtkampf um die Kontrolle über die islamische Fakultät in Münster voll entbrannt ist.

Salafisten fordern Khorchide zum „Duell“ heraus

Aber auch frommen Muslimen wie den Salafisten ist Mouhanad Khorchide ein Stachel im Fleisch; seit Monaten schon hetzen diese auf ihrer Internet-Seite Dawa-News gegen Khorchide, dem sie vorwerfen, einen Islam zu lehren, den es gar nicht gäbe. Ein Vorwurf, der nicht von der Hand zu weisen ist, aber außen vor lässt, dass Khorchide, der in den Medien fälschlicherweise als Vertreter eines „liberalen Islams“ bezeichnet wird, die Grundlagen seiner Religion noch nie in Frage gestellt hat. Was den Salafisten-Prediger Pierre Vogel jedoch in keinster Weise besänftigt, im Gegenteil: Vogel hat Khorchide in der jüngeren Vergangenheit mehrfach zu einem „Duell“ im Sinne eines Streitgesprächs über den Islam herausgefordert.

Bundespräsident Gauck kommt nach Münster – die Salafisten auch

Am Donnerstag nun kommt Bundespräsident Joachim Gauck nach Münster, um dem ZIT seine Aufwartung zu machen. Gauck will nach Gesprächen mit der Leitung der Universität vor rund 400 geladenen Gästen in der Aula eine Ansprache halten. Danach wird der Bundespräsident dort eine Podiumsdiskussion verfolgen, bei der es vor allem um den sogenannten interreligiösen Dialog und die Akzeptanz des Islams in Deutschland gehen soll. Aber auch Pierre Vogel und seine Salafisten haben sich für diesen Tag angemeldet: in der gleichen Zeit, in der sich Gauck am Nachmittag im Rathaus in das Goldene Buch der Stadt eintragen will, wollen sie am nur knapp 200 Meter entfernten Hanse-Carre eine Kundgebung abhalten und sich mit Khorchide ein „Rede-Duell“ liefern. Die Polizei rechnet mit etwa 500 Salafisten und bereitet sich auf einen Großeinsatz vor.

Dass es in dieser Woche in Münster tatsächlich zu irgendeiner Art von Duell kommen wird, darf jedoch bezweifelt werden. Khorchides Geschichten mögen nichts anderes als „Märchen aus 1001 Nacht“ sein, aber gerade deswegen ist er für die deutsche Politik so wichtig. Also werden er und Gauck nur freundliche Worte austauschen. Allzu viel freundliche Worte aber dürften Gauck auch nicht gestattet sein, weil die Islam-Verbände dieses sofort als Parteinahme auslegen würden. Wirklich mit dem Islam werden am Donnerstag nur die Salafisten zu tun haben, aber denen und ganz besonders Pierre Vogel wird Khorchide schon deshalb peinlichst aus dem Wege gehen, weil er einem Repräsentanten des originären Islams argumentativ kaum gewachsen sein dürfte. Und sollten die Salafisten „schlagende“ Argumente vortragen, so wäre das eine Angelegenheit der Polizei.

Richtig spannend wird es erst, wenn Gauck und Vogel wieder abgereist sind, das Medien-Interesse verflogen ist und die Führung der Münsteraner Universität darüber entscheidet, ob der vom KRM vorgeschlagene „letzte Kandidat“ akzeptiert wird oder nicht. Wird auch er wegen verfassungsrechtlicher Bedenken abgelehnt, bleibt der Beirat funktionsunfähig und die islamische Fakultät in Münster wird die in sie gerichteten Erwartungen dauerhaft nicht erfüllen können. Wird jedoch ein orthodoxer Kandidat akzeptiert, so dürfte das Experiment, eine islamische Fakultät in Nordrhein-Westfalen verfassungskonform zu betreiben, gescheitert sein. Aber unabhängig davon, mit welchem Misserfolg dieser Machtkampf endet, dürften Alboga, Mazyek und Vogel mit ihren Angriffen auf einen Professor, der wegen seines „Kuschel-Islams“ von seinen eigenen Studenten verspottet wird, bereits jetzt die Gefahr einer Radikalisierung der muslimischen Studentenschaft in Münster heraufbeschworen haben. (PH)