Peter Hemmelrath: Deutschland ist nicht souverän, so der SPON-Kolumnist

(Bild:  Copyright: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann ; Quelle: Wikipedia; Rechte: CC-Lizenz; Original: Siehe Link)
Jakob Augstein (Bild: Copyright: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann ; Quelle: Wikipedia; Rechte: CC-Lizenz; Original: Siehe Link)

Ausgerechnet jene Linken, die jahrzehntelang stets so getan haben, als ob die USA ein übler Schurkenstaat seien, beklagen im Zuge der NSA-Spähaffäre bitterlich, dass die USA Deutschland nicht als ihren liebsten und besten Freund sehen. Den Vogel schießt natürlich wieder einmal Jakob Augstein ab, der in seiner aktuellen Kolumne behauptet, Deutschland sei nicht souverän, weil es sich das Abhören seiner Kanzlerin „gefallen lasse“.

Deutschland ist nicht souverän, ein Vasall der USA – das uralte Lieblings-Lamento all jener, die es noch immer nicht verwunden haben, dass Deutschland vor 68 Jahren von kaugummikauenden GIs besiegt und mit Demokratie und Meinungsfreiheit zwangsbeglückt wurde. Nun wurde das, was 1945 als Besatzung begann, zwar schon bald durch eine NATO-Partnerschaft abgelöst, aber für den gemeinen Antiamerikaner hörte die US-Besatzung nie auf, der Vorwurf der Vasallenschaft wurde immer wieder erhoben; selbst als Ludwig Erhard während seiner Kanzlerschaft nicht bereit war, deutsche Soldaten zur Unterstützung der US-Truppen nach Vietnam zu entsenden und die USA dieses sofort akzeptierten, ja selbst, als Willy Brandt und andere SPD-Politiker eine Ostpolitik betrieben, die Washington zum Schäumen brachte, US-Soldaten in Deutschland aber dennoch in ihren Kasernen blieben. Trotz alledem wurde fast jedem deutschen Kanzler nach Hitler vorgeworfen, er sei ein „Vasall“ der USA. Womit zumindest geklärt ist, woran man einen Vasallen der USA erkennt: Wer Krieg gegen die USA führt, ist natürlich kein Vasall Washingtons. Aber wer keinen Krieg gegen die USA führt, nicht einmal – wie Kanzler Schröder 2003 – rhetorisch aufrüstet, der ist ein Vasall Washingtons. Mindestens, wenn nicht gar Bestandteil der jüdischen Weltverschwörung, die in Washington bekanntlich das Sagen hat.

Aber trotz aller Fakten, die das Gegenteil belegen, trotz unzähliger geräumter US-Basen in Deutschland, ist die Behauptung, Deutschland sei ja gar nicht souverän, auch im Jahre 23 nach der Wiedervereinigung noch immer gesellschaftsfähig. Zumindest wenn sie auf die USA bezogen ist, in Relation zur EU betrachtet gilt Deutschland seltsamerweise als souverän. Und diese Sichtweise wurde auch nicht mit irgendeiner letzten Tinte geschrieben, sondern ist inzwischen so deutsch wie der Urlaub auf Malle, das Grundrecht auf öffentliche Nacktheit oder das Komasaufen im Karneval. Ihre Anhänger findet sie in der Mitte der Gesellschaft, überall dort, wo man sie nie vermuten würde, aber bevorzugt und traditionell bei NPD-Mitgliedern und Vertretern des linken Spektrums. Jenen üblichen Verdächtigen also, bei denen ein Jakob Augstein, Deutschlands bekanntester Salon-Linker und einer der weltweiten „Top 10-Antisemiten“, natürlich auch nicht fehlen darf:

Wir sind keineswegs souverän. Ein souveräner Staat ließe sich die Überwachung aller Bürger durch eine fremde Macht nicht gefallen – schon gar nicht die der Bundeskanzlerin. Aber Deutschland lässt es sich gefallen. Und das liegt nicht, wie Weiland Luetkens sagte, an der „ganzen internationalen Lage“. Es liegt an der Kanzlerin. Unter ihr ist Berlin wieder das, was Bonn notgedrungen war: ein Vorort von Washington.

Das schrieb Augstein am Montag in seiner wöchentlichen Kolumne auf Spiegel-Online. Der Leser stutzt und staunt: Deutschland lässt es sich gefallen, dass seine Kanzlerin abgehört wurde? Eine gewagte Behauptung just in den Tagen, in denen sich der deutsche Blätterwald vor lauter Empörung über die USA kaum noch einkriegt und sich kaum noch jemand traut, darauf hinzuweisen, dass auch deutsche Nachrichtendienste sogenannte Verbündete ausspionieren. Oder sich Frau Merkel einfach mal ein abhörsicheres Handy zulegen sollte, so wie jeder andere Regierungschef auch. Aber Augstein kennt da nichts; den Salon-Linken mit Klasse erkennt man nun mal daran, dass er selbst den größten Quatsch noch souverän und voller Überzeugungskraft vortragen kann.

Soll Merkel etwa deutsche Soldaten nach Amerika schicken?

Noch absurder ist seine Behauptung, weil Deutschland sich das gefallen ließe, sei es nicht souverän, Berlin ein Vorort Washingtons und Merkel „Washingtons Hausmeisterin“. Ein humorvoller Mensch würde jetzt einwenden, dass Washingtons Vororte zumeist sauberer und weniger von Kriminalität befallen seien als Berlin. Der nachdenkliche Mensch jedoch kratzt sich am Kopf und überlegt: Was will uns Augstein mit diesen Zeilen sagen? Findet Kanzlerin Merkel in seinen Augen erst dann Gnade, wenn sie die kaputtgesparte Bundeswehr zwecks Satisfaktion gen US-Ostküste geschickt hat?

Nein, keine Sorge – Augstein will keinen Krieg mit den USA. Wer seine Kolumne weiterliest, der nimmt verblüfft zur Kenntnis, dass er fordert, Deutschland möge sich in der Welt behaupten und seine eigenen Dienste „elektronisch aufrüsten“. Eine Forderung, die von anderen Zeitgenossen schon lange vor ihm erhoben wurde. Wofür sie aber von Linken gescholten wurden, für die Nachrichtendienst bekanntlich böse und pfui sind und die stattdessen die herrlich realitätsfremde Forderung erhoben haben, Geheimdienste mögen doch bitte zukünftig nicht mehr geheim sein dürfen. Wozu also der ganze Popanz, Deutschland sei nicht souverän, Berlin ein Vorort Washingtons und die Kanzlerin Washingtons Hausmeisterin, wenn Augstein am Ende seiner Kolumne nichts anderes macht, als kleinlaut zuzugeben, dass jene, die eine Aufrüstung unserer eigenen Nachrichtendienste gefordert haben, doch recht hatten?

Kein Text ohne Klischees oder Verschwörungstheorien

Nun, einfach zuzugeben, dass andere recht hatten, ist Linken nicht zumutbar. Ganz besonders nicht einem Jakob Augstein, der vor Monaten sechs seiner Kolumnen hintereinander der NSA-Affäre gewidmet hat und vor lauter Obsession für dieses Thema nicht mal mehr dazu gekommen ist, den Staat Israel zu kritisieren. Gründlich ist er jedoch wie eh und je: Genau so, wie er früher bei jedem Text zum Thema Israel und den Nahen Osten stets daran gedacht hat, auch keine antisemitischen Klischees und Verschwörungstheorien auszulassen, denkt er heute daran, bloß keinen Text zur sogenannten Spähaffäre zu verfassen, ohne antiamerikanische Klischees oder Verschwörungstheorien zu bedienen. Und sei es nur die blödsinnige, aber unausrottbare Geschichte von der nicht vorhandenen Souveränität Deutschlands.

Damit bewahrt er sich den Beifall von den dunkelroten und braunen Rändern der deutschen Gesellschaft, seine kurzen Momente von Realitätsbezug dürften seinen Fans und anderen Spiegel-Lesern gar nicht weiter aufgefallen sein. So zu tun, als ob deutsche Politiker die Statthalter Washingtons oder Jerusalems seien, zieht einfach immer, völlig egal, worum es gerade tatsächlich geht. Der echte Linke entblödet sich nicht einmal, das selbst in einer Zeit vorzutragen, in der sich türkischstämmige Neu-Bundestagsabgeordnete mit einem Antrittsbesuch beim türkischen Botschafter in Berlin offen als Statthalter Ankaras zu erkennen geben. Und so klappt’s eines Tages auch mit dem Posten des Spiegel-Chefredakteurs, ganz sicher.