Münchner Freiheit: „Mut zur Wahrheit” geht anders

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Mut zur Wahrheit – Springt, sonst wird es peinlich! (Bild: metropolico)

Der Sprung vom Zehnmeterturm kostet Mut. Peinlich ist es, einen solchen Flug großspurig angekündigt zu haben, um dann unverrichteter Dinge vom Sprungbrett wieder hinabzusteigen statt zu springen.

Auch die AfD hatte angekündigt, mutig zu sein. Den „Mut zur Wahrheit” forderte die nur wenige Monate zuvor entstandene Formation um Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke. Sie hatte kein wirkliches, auf jedenfalls nur sehr, sehr rudimentäreres Wahlprogramm. Kein Problem für ihre Unterstützer. Mit dem Mut zur Wahrheit wurde auch das Versprechen gegeben, sich gerade der zum Tabu erklärten Politikfelder zu widmen. Ohne Dogmen, ohne Scheuklappen und ohne Denkverbote.

Die Projektion weicht der Ernüchterung

Das ließ viel Raum für Projektion. Denn jeder hat einmal den Eindruck „die Wahrheit” zu kennen. Mögliche Antworten der AfD auf die brennenden politischen Probleme unserer Zeit konnten aber objektiv nicht vorhergesagt werden. Doch war eines klar: Alle Fragen waren innerhalb der AfD zulässig. Endlich eine Politik des Hinschauens statt des Verleugnens, endlich eine Politik des Benennens statt des Tabuisierens, endlich eine Politik der Diskussion statt der Diffamierung Andersdenkender.

Über lange Strecken des Wahlkampfes hatte Lucke wunderbare Turmsprünge gezeigt. Doch am Ende der Polittortur war Lucke erkennbar weichgeklopft und von einer wenig souverän wirkenden Sorge, ja Panik erfasst, nicht als „rechts” zu gelten. Sein letzter Turmsprung in der Sendung von Frank Plasberg wurde dann ein Bauchplatscher, der beim Zusehen schon Schmerzen bereitete. So wurde die Sendung für Lucke „hart und unschön eingetaucht”.

Augenscheinlich sah sich Lucke gegenüber den Medien in der Pflicht, den Beweis anzutreten, nicht „rechts” zu sein. Er wolle keine „Islamophoben” in der Partei haben, so Lucke. Dieser Anspruch sollte zum Persilschein gegenüber den Tugendwächtern in den Redaktionen taugen. Kein Mut mehr zur Wahrheit, sondern die Diagnose einer Geisteskrankheit bei jenen, die einen -zurecht- besorgten Blick auf die religiösen Dogmen des Islams werfen.

Das Kommunikationsfiasko Luckes

Der Entlastungsangriff Luckes wurde zum Kommunikationsfiasko und hat – bis auf Ärger – nichts eingebracht. Keine Zeitung, kein Politikmagazin und kein Fernsehsender wird nun vermelden, der Beweis sei erbracht: die AfD sei keinesfalls „rechts”. Auf der anderen Seite konnte man aus dem weiteren Unterstützer- und Sympathisantenkreis viel über die Sorge hören, die AfD löse ihr Versprechen des Mutes zur Wahrheit, der Unangepasstheit, der politischen Inkorrektheit nicht ein.

Auch weil Luckes Versuch Stärke zu beweisen, Schwäche offenbarte. Nach einer eigenen Bekräftigung, die Festlegung der Aufnahmesperre stamme wirklich von Lucke persönlich, mussten ihm die beiden anderen Bundessprecher Alexander Gauland und Frauke Petry zur Seite springen.

Mehr als verstörend wirkt dabei, dass ehemalige Mitglieder der Linken, die noch vor wenigen Wochen meinten, unter Erich Honecker sei ja auch nicht alles schlecht gewesen und die dem in der Linken weit verbreiteten Antisemitismus frönten, sich eines herzlichen Willkommensgrußes gewiss sein können. Mitglieder von „Kleinparteien” wie der gnadenlos gescheiterten Freiheit sollen sich hingegen im Keller der Parteizentrale vor der Schreibtischlampe einem Verhör unterziehen, bei denen den um Aufnahme Bettelnden nach Möglichkeit kein wissendes Lächeln über das Gesicht huschen sollte, wenn die Schwertverse erwähnt werden.

Die AfD hat eine Identitätskrise

Gewinn dieser Maßnahmen: Null! Lucke kann sich nur sicher sein, von den großen Medien bald das nächste Stöckchen hingehalten zu bekommen. Die Beteuerungen, eine Volkspartei des „Gesunden Menschenverstandes”, so Lucke, zu sein, werden nicht ausreichen. Diese Behauptung von der Volkspartei der AfD ist letztlich ohnehin nicht richtig. Jede Wahlanalyse zeigt: Die AfD ist eine Protestpartei.

Das ist auch nicht verwerflich. Denn die gegenwärtige Politik verdient und verlangt danach: nach entschlossenem Protest und einer Partei, die diesen Protest transportiert und nach und nach die Fähigkeit zur Übernahme von Verantwortung entwickelt. An „Volksparteien” mangelt es hingegen nicht. Das eine zu sein, und das andere sein zu wollen ist allerdings das, was der AfD Schwierigkeiten bereitet. Denn bei einem nicht geringen Teil der Parteimitglieder erschöpft sich der Protest darin, in den Altparteien nicht den Posten erhalten zu haben, den man sich nun von der AfD erhofft. Dabei will dieses Klientel aus einer neuen Partei, möglichst schnell eine weitere Altpartei machen. Aber wer braucht eine neue Altpartei? Wer benötigt eine Mischung aus alter CDU und neuer AfD? Wer will eine eine Kreuzung von Merkel und Lucke? Damit machte man aus Lucke eine (Eintags-) Mucke.

Die AfD geht davon aus, dass sich die Krise des Euro, des Euroraumes, der Südländer noch verschärfen wird. Damit wird aber auch der Ton im politischen Wettstreit rauer. Kein Wetter für eine Mucke, aber das Umfeld für einen mutigen Lucke und eine couragierte AfD.

Mut ist patriotische Pflicht

Sehr schnell könnte ansonsten in der durch eine ausgeweitete Eurokrise verschärften Lage eine Partei entstehen, die die AfD so wirken lässt, wie sie es selbst sein will: Die AfD könnte das erleben, was in den letzten Monaten die Union erleben musste. Wer sich bestimmter Probleme nicht annimmt, der erhält auf den unbeackerten Feldern Konkurrenz. Nicht selten werden selbst die Felder abgegrast, die man als seine ureigene Spielwiese wahrnimmt. Schon bald könnte Lucke nachempfinden, was die großen Parteien angesichts seines Aufstieges fühlten und fürchteten.

Die Gefahr dabei: Es könnten tatsächliche Extremisten – und zwar von links und rechts – der AfD das Wasser abgraben und sie überflüssig machen. Gerade weil die AfD nicht extremistisch ist, gerade weil die AfD in ihrem Kern den „Mut zur Wahrheit” hat, gerade weil die AfD sich dem Rechtsstaat verpflichtet fühlt, sollte sie dies aus patriotischer Verantwortung und wegen ihres Einstehens für eine demokratische Gesellschaft ein solches Aufkommen einer weiteren Partei im Auge behalten.

Wichtigste Lektion: Es gibt in ganz Europa nicht eine Partei aus dem politisch inkorrekten Spektrum, die mit den großen Medien zu ihrem Erfolg gekommen wäre. Österreich, Niederlande, Finnland, Norwegen, Schweden. Auch wenn man die zum Teil sehr unterschiedlichen Positionen -oftmals sehr berechtigt- nicht teilen mag. In all diesen Ländern wurden die politisch Inkorrekten von den (großen) Medien verachtet und von Wählern gestützt. Darauf zu setzen braucht es Mut, den „Mut zur Wahrheit”. Also springt, ansonsten wird es peinlich.