Erdogans Chefberater fordert die politische Führungsrolle für die Türkei ein

Türkische Flagge
Rolle als Führungsnation liegt in der historischen Natur der Türkei – sagt der politische Chefberater Erdogans

Yiğit Bulut, Chefberater Erdogans und Verschwörungstheoretiker sieht die politische Führungsrolle bei der Türkei. Die Europäer, insbesondere Deutschland würden der Türkei Steine in den Weg legen und seien deshalb Gegner.

Yiğit Bulut, ehemaliger Chefredakteur von „Haber Türk“ ist seit Anfang Juli politischer Chefberater des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Der 41-Jährige fiel vor allem durch seine wirren Verschwörungstheorien auf, die die AKP-Regierung und insbesondere Erdoğan nur all zu gern aufgriffen.

Als im Juni die Proteste in der Türkei aufflammten, machte Bulut gleich die Schuldigen aus. Die bösen Mächte im Ausland. Ein ominöses „Zentrum“ stecke hinter den weltweiten Massendemos. Und auch die jüdische Diaspora habe ihre Finger im Spiel. Selbst die deutsche Lufthansa sei in das Komplott verwickelt gewesen, so die skurrilen Theorien des Erdogan Beraters Bulut.

In einem anderen Interview sprach er, so der Spiegel, gar von fremden Kräften, die Erdogan fortwährend nach dem Leben trachteten – und das nur mit der Kraft ihrer Gedanken: „Um Erdogan per Psychokinese zu töten.“

Rolle als Führungsnation liegt in der historischen Natur der Türkei

Aktuell sieht Bulut, dass die Türkei im Nahen Osten, Zentralasien und Afrika eine wichtige Rolle spielen könnte, denn dazu habe die Türkei das nötige Potential. Außerdem liege diese Rolle als Führungsnation in der historischen Natur der Türkei. Diese Ansicht äußerte Bulut in einem von ihm verfassten Artikel in der regierungsnahen Zeitung Stargazete.

Die Türkei müsse die EU-Beitrittsverhandlungen stoppen, da sich das Land nicht auf die leeren Versprechen der Europäer einlassen dürfe. Je weiter man sich von Europa entferne, desto mehr werde die Türkei zu einem eigenständigen Spieler werden.

Dies sei eine Gangart, die die Türkei bereits seit 150 Jahren betreibe. Denn jede Annäherung an die Europäer habe der Türkei nur geschadet, so Bulut weiter.

Er sehe die deutsch-türkischen Beziehungen sehr kritisch. Seit 1881 verwaltete ein europäisches Konsortium die osmanischen Staatseinnahmen, da das Osmanische Reich durch die erzwungenen Kreditaufnahmen politisch und wirtschaftlich geschwächt worden sei. Beweise hierfür sieht der Chefberater Erdogans darin, dass, obwohl Frankreich und England sich an der Spitze der Kreditgeberländer des Osmanischen Reichs befunden hätten, die Deutschen darauf aus gewesen seien, den gesamten islamischen Nahen Osten unter ihren Machteinfluss zu bringen. Das Osmanische Reich sei bis zum Ende des Ersten Weltkriegs komplett ausgebeutet worden.

Pro-Deutsche Regierungselemente „enttarnt, an der Wurzel gepackt und ausgerissen“

Jedoch sei ab dem Jahr 2006 durch das Enttarnen der Ergenekon-Organisation auch die pro-deutschen Elemente innerhalb des Staatswesens „enttarnt, an der Wurzel gepackt und ausgerissen“ worden. Ab diesem Moment habe die Türkei zu ihrer Berufung als Führungsnation zurück gefunden. Dies entspreche ihrer historischen und „naturgegebenen Rolle“ und sei somit kein künstlich herbeigeführter Prozess.

Mit „Ergenekon“ soll ein wichtiger Bestandteil des so genannten „tiefen Staates“ in der Türkei identifiziert worden sein. Ergenekon wiederum ist die Bezeichnung für eine mutmaßliche Untergrundorganisation in der Türkei. Ab 2003 sowie in den folgenden Jahren soll das Netzwerk durch Terror und Desinformation den Sturz der islamisch geprägten Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan betrieben haben. Zu der Verschwörergruppe sollen Mitgleider des Ex-Militärs, Rechtsanwälte, Geschäftsleute, Politiker und Journalisten gehören. Bis April 2011 wurden mehr als 300 Personen als Mitglieder und Unterstützer dieser Gruppe in Haft genommen. 2013 wurden lebenslange Haftstrafen ausgesprochen. Dem Gericht unterstellten nicht nur Menschenrechtsorganisationen Intransparenz in der Prozessführung.

Türkei nimmt Platz in neuer Weltordnung ein

Im Rahmen einer „Neuen Weltenordnung“ wünscht Bulut sich eine starke und kulturbewusste Türkei. Diese Weltenordnung sei im Entstehen und die Türkei nehme darin ihren Platz ein. Die EU jedoch werde schon bald zerfallen, so Bultuts abschließende Worte.

Die Welt vermutet hinter dem Gepolter Bututs den Versuch, die Europäer zu verschrecken, und diese dazu zu bewegen, die Türkei zu bitten, die Verhandlungen nicht abzubrechen. Funktioniert habe dies bereits 2004, als Erdogan drohte, die EU-Beitrittsbemühungen komplett einzustellen. Eine naive EU war damals auf den Taschenspielertrick Erdogans hereingefallen und hatte seine Forderungen erfüllt. Die Türkei wurde daraufhin Beitrittskandidat.

Yiğit Bulut indes dürfe man nicht als wirren Verschwörungstheoretiker abtun, so der Spiegel. Bultus Gangart decke sich mit „einem Wandel, der die gesamte politische Kultur der Türkei betrifft“. Und Erdogan hängt ebenfalls an den Lippen Buluts.  (DB)