Erneut wurde der Starpianist Fazil Say wegen religionsfeindlicher Aussagen verurteilt, Say will vor dem Europäischen Gerichtshof Berufung einlegen.

Am Freitag wurde der türkische Komponist und Starpianist Fazil Say zum zweiten Mal von einem Istanbuler Gericht zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Wie die Nachrichtenagentur Anadolu meldet, wurde das Urteil aus dem ersten Verfahren, das ursprünglich auf fünf Jahre Bewährung lautete, bestätigt.

Gottesstaat sanktioniert Fazil Say

Erst im April hatte ein Gericht das erste Urteil aufgehoben, da die Bedingungen der Bewährung zu unklar waren. In der Neuverhandlung wurde die Haftstrafe von zehn Monaten auf Bewährung bestätigt, lediglich die Bewährungszeit sei gekürzt und die Bedingungen der Bewährung verändert worden.

Wie metropolico berichtete, wurde dem Komponisten vorgeworfen, den Islam verunglimpft zu haben. Das Gericht sah es als erfüllt an, dass Say die „religiösen Werte eines Teils der Bevölkerung“ durch einige Mitteilungen auf dem Kurznachrichtendienst Twitter herabgesetzt habe.

Dort twitterte Say zum Beispiel: „Ich weiß nicht, ob ihr es gemerkt habt? Überall wo es Schwätzer, Gemeine, Sensationsgierige, Diebe, Scharlatane gibt, sie alle sind übertrieben gläubig. Ist das ein Paradoxon?” In einem anderen Tweet verbreitete der bekennende Atheist die Meldung: „Der Muezzin hat das Abendgebet in 22 Sekunden ausgerufen […] Was hast es du so eilig? Eine Geliebte? Ein Raki auf dem Tisch? Dieser Ausspruch stammt jedoch nicht von Say, sondern wird Omar Khayyam zugeschriebenen, einem türkischen Astronom aus dem 11. Jahrhundert.

Fazil Say hat angekündigt, weiter kämpfen zu wollen

Es gehe um eine „lichte Zukunft“, schrieb er. Wenn jemand in der Dunkelheit verharren wolle, dann sei das sein Problem, fügte er hinzu. Laut Presseberichten sei Say entschlossen, bei einer Bestätigung des Urteils durch den Kassationshof – die zweite und höchste richterliche Instanz der Türkei – bis zum Europäischen Menschenrechtsgericht in Straßburg gehen zu wollen.

Laut den Deutsch-Türkischen Nachrichten (DTN) appellierte Say vor der Verkündung des Urteils an seine Landsleute: „Schaut, meine Freunde, die westlichen Länder, die asiatischen Länder, Ihr könnt Euch sicher sein, ausnahmslos alle werden sich von dieser Haltung distanzieren, sie werden diese Intoleranz verurteilen. Mein Fall ist klein, aber erregt viel Aufmerksamkeit. Es geht noch weiter: Die Intoleranz und Härte bei den Gezi-Protesten, die inhaftierten Journalisten, die grundlosen Festnahmen, das alles zusammen, die ganzen ungerechten Dinge, die in der Türkei passieren, haben internationale Aufmerksamkeit erregt. Einem Land, das sogar Witze über das Paradies und die Hölle bestraft, wird man natürlich nicht die Olympischen Spiele geben, auch viele andere Dinge wird die Türkei so nicht bekommen. Versteht das bitte.“

Fazil Say fiel in der Vergangenheit immer wieder als Kritiker der islamischen AKP Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan auf. In einem Fernsehinterview hatte Say der AKP Partei Erdogans vorgeworfen, sie stehe hinter dem Prozess. (DB)