Anwältin von Beate Zschäpe verlässt Berliner Kanzlei und die Stadt

Die Anwältin Anja Sturm zieht jetzt die Konsequenzen. In ihrer Kanzlei gab es fortwährend Diskussionen, weil sie Beate Zschäpe vertritt. Die Verteidigerin der mutmaßlichen NSU-Terroristin Zschäpe verlässt die Berliner Kanzlei und die Stadt.„Die Frage, ob ein Mandant schuldig ist oder nicht, ist für jeden Verteidiger, der seine Sache gut machen will, völlig irrelevant. Es geht nur darum, die Rechte des Angeklagten gut wahrzunehmen.“ So lautete das Credo der 43-jährigen Fachanwältin für Strafrecht Anja Sturm.

Seit August 2012 gehört Anja Sturm zusammen mit Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl zum Verteidigungsteam von Beate Zschäpe, die als Hauptbeschuldigte im NSU-Prozess vom Generalbundesanwalt mit vier weiteren Beschuldigten vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichtes München angeklagt worden ist.

Anja Sturm wurde Opfer ihres Mandats

Für dieses Mandat wurde die Mutter von Zwillingen nicht nur von manchen Kollegen massiv kritisiert. Die Medien taten ihr Übriges. Nun zieht Sturm die Konsequenz und verlässt die Berliner Kanzlei – und die Stadt, in der sie ihre berufliche Laufbahn gestartet hatte.

2004 ließ sich Sturm in München nieder, kam jedoch 2012 nach Berlin zurück und arbeitete dort bei besagter Kanzlei Weimann & Meyer. Im August wechselt sie nach Köln um Partnerin von Wolfgang Heer zu werden, der als erster Anwalt die Verteidigung der Hauptangeklagten Zschäpe übernahm. Wolfgang Heer holte dann noch den Koblenzer Kollegen Wolfgang Stahl hinzu.

Doch was Anja Sturm seither in Berlin erlebte, ist ernüchternd und hat mit Berufsethos, Rechtstaatlichkeit und dem Anrecht eines Angeklagten auf angemessene Verteidigung immer weniger zu tun.

Neonazis zu verteidigen gehört sich nicht!

So trat Sturm im Januar diesen Jahres zur Wahl des Vorstands der Vereinigung Berliner Strafverteidiger e.V. an. Der 62 Jahre alte, linkspolitisch ausgerichtete Anwaltszusammenschluss lehnte die im US-Bundesstaat New York geborene Anja Sturm ab. Man verübelte ihr, eine „Rechtsextremistin“ zu verteidigen. Neonazis zu verteidigen gehöre sich nicht, so die mehrheitliche Meinung. Sollte Sturm gewählt werden, würden die Empörten austreten, solle sogar gedroht worden sein. An der Spitze des Zusammenschlusses steht nun der Rechtsanwalt Martin Rubbert.

Nachdem sie sich mit Weimann geeinigt habe, die Sozietät Weimann & Meyer zu verlassen, versuchte sie in Berlin eine anderen Kanzlei zu finden, um ihrer Familie einen weiteren Umzug zu ersparen.

Die Verteidigung Zschäpes sei ein „Killermandat“, so ein Kollege Sturms. Wohl aus diesem Grund blieben ihre Bemühungen, eine andere Kanzlei zu finden, erfolglos. Schließlich fragte Wolfgang Heer, einer der jetzigen Mitverteidiger im NSU-Prozess, ob sie sich nicht mit ihm in Köln zusammentun wolle. Sturm nahm das Angebot an.

Hartnäckig für einen liberalen Rechtsstaat eintreten

In der Berliner Kanzlei Weimann & Meyer indes, in der sie bislang tätig war, wachse die Sorge um den Ruf bei Mandanten mit türkischen Wurzeln, so der Tagesspiegel. Man habe Anja Sturm vor der Übernahme des Mandats von Frau Zschäpe aus mehreren Gründen abgeraten, so Weidmann. Weidmann betonte, dass es hier aber nicht um den Ruf bei türkischstämmigen Mandanten gehe. Jedoch kann der Druck, der auf der Kanzlei ausgeübt wird, ermessen werden, wenn Weidmann von einer Belastung spricht, wenn er sich sowohl beruflich als auch privat immer wieder für ein Mandat rechtfertigen müsse, das er persönlich nicht führen würde und das er vor allen Dingen selbst niemals angenommen hätte.

Anwältin Sturm indes sei mehr als ernüchtert. Sie, die hartnäckig für einen liberalen Rechtsstaat eintritt, die für Neonazis nicht die geringsten Sympathien hegt und Zschäpe vertritt, „weil jeder Angeklagte ein Grundrecht auf Verteidigung hat“, fühle sich allein gelassen.

Vor Prozessbeginn äußerte sich Anja Sturm in einem Interview mit der Zeitschrift Brigitte, die nach der umstrittenen Auslosung der Presseplätze im NSU-Prozess aus dem Gerichtsaal zusammen mit der Zeitschrift Stern berichten darf. Ihr sei bewusst, so Sturm im geführten Interview, dass dieser „Mammutprozess ihr Leben verändern werde“. Die Wut halte sie locker aus.

Für die Wahrung eines Mindestmaßes an rechtsstaatlichen Grundrechten ist zu hoffen, dass Frau Anja Sturm dieses Durchhaltevermögen besitzt! (BS)