Frage an den Blauen Doc: Haben Sie mal kein Feuer?

Es sind nicht die Waffen, die töten, sondern die Menschen dahinter.
(Illustration Marcus Stark / pixelio.de; Quelle: pixelio.de; Rechte und Original: siehe Link)

„Ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich habe nichts mit anderen Frauen. Ich habe nur einen einzigen Fehler. … Ich lüge.“

Nobody’s perfect. Also sehen wir dem bescheidenen Protagonisten in diesem Witz seine Schwäche nach. Immerhin steht er dazu, und das ist bemerkenswert, denn welcher Alkoholiker gesteht sich ein, dass er einer ist, und welcher Weiberheld sieht in seinem Lebenswandel eine Schwäche? Von den Rauchern ganz zu schweigen.

Im Wein liegt vielleicht Wahrheit, im Rauch liegt aber Freiheit, wenn man den Protesten gegen die mit Verspätung auch in Deutschland angelangten Einschränkungen in der Gastronomie glauben darf. Da wird gezürnt gegen die Einschränkung der Freiheit der Wirte, die ihr Geschäftsmodell gefährdet sehen. Gewettert wird gegen die Einschränkung der Freiheit der Genussmenschen, zum Kaffee im Café ein Zigarillo einzunehmen. Und es geht auch um die Einschränkung der Freiheit, über die Zigarette zu kommunizieren, eine Gesprächspause zu überbrücken, kunstvoll eine solche in Szene zu setzen oder mit einem eilfertig gezückten Zippo die kühle Blonde anzutauen.

Alles richtig, alles wahr. Diese Freiheiten werden eingeschränkt. Der Staat dringt regierend und regulierend in einen weiteren privaten Bereich ein. Kein Wunder, wenn gerade freiheitlich eingestellte Bürger das vehement ablehnen, sogar solche, die selbst nie rauchen würden – Freiheit ist eben Freiheit –, sogar solche, die der morgendliche Bargeruch der Kleider anwidert – Freiheit ist eben Freiheit –, und sogar solche, deren noch beinahe halbwüchsige Kinder aus jeder Pore nach Rauch stinken. Freiheit ist eben ein großer Mist!

Außerdem fehlt etwas ganz Wesentliches bei dieser Art der Freiheit, die es den Anhängern des Rauches jederzeit und allerorten erlaubt, ihrem – mit Verlaub, Herr Präsident – Fehler nachzugehen: es fehlt die Wehrhaftigkeit derer, die genau das nicht wollen. Gut – wer keine gepiercten Nasen mag, keine aufgespritzen Lippen oder keine Atomkraft-nein-danke-Aufkleber, der guckt einfach woanders hin. Woandershin riechen, das geht nicht, es bleibt nur, woandershin zu gehen. Aber was ist das für eine Alternative für einen freien Menschen? Dir gefällt nicht, dass ich rauche? Geh doch nach drüben!

Die Freiheit des Rauchens ist schnell definiert und gefordert. Die Freiheit des Nichtrauchens ebenso, aber die ist irrelevant. Es fehlt die Freiheit, dem Rauchen etwas entgegenzusetzen, um es zu unterbinden. „Mein Name ist Lohse, ich wünsche, dass Sie hier nicht rauchen“ – das birgt Konfliktpotential, egal, ob man diesen aufdringlichen Wunsch den aufdringlichen Rauchern in einer Kneipe, einem Buswartehäuschen oder auf einem Kinderspielplatz vorträgt. Der Raucher tut sich leichter, er tut es einfach. Aber was tut der vom Rauch Angegriffene? Wie wäre es mit Wasserpistolen? Welcher Freiheitliche würde dem Bürger das Recht auf eine Waffe verwehren wollen? Auge um Auge, Zahn um Zahn, ein nasses Hemd gegen ein stinkendes Sakko, ein veritabler Schnupfen gegen die Aussicht auf ein Lungenkarzinom.

Man merkt, das funktioniert so nicht. Es macht den Nichtraucher ja gerade aus, dass es ihm nicht liegt, seine Unarten den Mitmenschen aufzudrängen. Er kriegt soetwas nicht übers Herz (oder über die Lunge). Das macht ihn zum Opfer, so dass er am Ende wirklich nur das Feld räumen kann, wie der Bock mit dem kleineren Geweih. Und in solchen Gegebenheiten mit ungleichen Machtverhältnissen ist staatliche Reglementierung auch für Freiheitsbefürworter angemessen.

Und überhaupt: hat der eben bereits erwähnte noch beinahe Halbwüchsige de facto überhaupt die Freiheit, nicht mitzugehen, wenn die halbe Klasse am Ende in einem Raucherschuppen landet? Wenn man das alles berücksichtigt, kann man nur zum Schluss kommen, weitreichende Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden und Lokalen sind zutiefst liberal.