Frage an den Blauen Doc: Warum einfach, wenn es auch umständlich geht?

Wer hinter die Dinge sieht, sieht die Dinge nicht.
(Bild: bardo  / pixelio.de; Quelle: pixelio.de; Original und Rechte: siehe Link)

Manchmal wünschte man sich, man könnte für einen Moment in die vierte Dimension ausweichen. Nicht in die Zeit, sondern in eine echte vierte Raumdimension. Das wäre sehr praktisch, denn so könnte man gleichzeitig ein Objekt von allen Seiten sehen und sogar von innen. Wer sich das nicht vorstellen kann – willkommen im Club –, der vergleiche es mit einem Leben auf einem Blatt Papier. Ein aufgemaltes Rechteck wäre ein unüberbrückbares Hindernis, um das man herumlaufen müsste. Hebt man sich aus dem Papier empor. So sieht man die Form und auch, was sich darin befindet.

Da das nun nicht geht, lernen wir in der Schule und anderswo immer wieder, dass man hinter die Dinge sehen soll, um sie richtig zu verstehen. Der erste Eindruck könnte täuschen. Auch müsse man bei allen Aussagen zwischen den Zeilen lesen, denn das, was geschrieben wird, entspräche nicht der beabsichtigten Aussage. Oberflächlichkeit und vordergründiges Handeln werden als klares Zeichen von mittelmäßigem Verstand ausgegeben.

Also sehen wir mal, was so alles hinter den Dingen und zwischen den Zeilen gefunden wird.

Da sehen wir vordergründig, dass ein Teil der Einwanderer aus der Türkei und aus anderen islamisch geprägten Ländern in Deutschland nicht Fuß fassen wollen. Knappe und klare Anforderungen als Teil eines Einwanderungsprozesses, der sich an den Interessen der Inländer und erfolgreich Eingewanderten orientiert – das wäre eine vordergründige Maßnahme. Die Bundeskanzlerin nötigt stattdessen die Unternehmen und Behörden, genau diese erfolgreich Eingewanderten und Inländer aktiv zu benachteiligen, da sie es für wahrscheinlicher hält, dass ihr Volk sich gegen brave, fleißige, fachlich versierte Ausländer verschworen hat. Sie fordert „geistige Offenheit“ von Ihnen und mir – müssen wir uns jetzt sagen lassen, wir wären geistig beschränkt? Verdankt sie diese Einblicke einem Ausflug in die vierte Dimension?

Da sehen wir vordergründig, wie ein paar Männer mit Henkerwaffen einen Soldaten hinrichten und dabei ihren Gott preisen. Die Quelle ihrer Inspiration – oder genauer: ihrer Entmenschlichung – zum Schutz der Menschen unter genaue Beobachtung zu nehmen und diejenigen, die den im Islam immanenten Djihad mit Lobreden Vorschub leisten, nach geltenden Gesetzen zu bestrafen – das wäre vordergründig. Wie oft genug zu lesen war, werden stattdessen komplexe Ursache-Wirkungsgeflechte dargelegt mit dem Ergebnis, dass derartige Verhaltensmuster zwangsläufig bei Nigerianern entstehen, wenn Amerikaner aus dem Irak mit nicht gerade durchschlagendem Erfolg ein freies Land machen wollten. Solche Erkenntnisse liefert vermutlich wieder nur ein missglückter Ausflug in die vierte Dimension.

Vordergründig handelt es sich auch bei den Aufständen in Schweden um großangelegten Bandenterror, dem ganze Schulgebäude zum Opfer gefallen sind. Anstatt nun Ross und Reiter zu nennen und wie andere, kleinere terroristische Vereinigungen zu verfolgen und zu verurteilen, was vordergründig wäre, entschuldigt man die Taten als legitime Vergeltung für erfahrene Benachteiligung. Um diese zu erblicken in einem Land, das ein kostenloses Schulwesen für jedermann bietet, genügen weder vier noch vierzehn Dimensionen.

Vordergründige, reale Milliardenschulden durch Eurorettung? Hintergründiger und virtueller Nutzen durch große Geschäfte mit Pleitestaaten! Islamunterricht in deutsche Schulen? Wir lehren die Kinder, wie man uns hasst? Schluss damit? Wie vordergründig und durchsichtig! Die vierte Dimension gibt uns die Einsicht, dass es tatsächlich besser ist, wir lehren sie das in Regelschulen selbst, als dass sie dasselbe in Hinterhofmoscheen lernen würden.

Manchmal sind die Dinge komplizierter, als sie auf den ersten Blick aussehen – ja, geschenkt. In der Regel ist aber die einfachste Erklärung die richtige. Dieses Kriterium wird auch als Ockham’s Razor bezeichnet, doch hält man es im Bildungsbürgertum lieber mit: warum einfach, wenn es auch umständlich geht. Wenn jemand eine einfache Lösung präsentiert, wird dies geradezu als Beweis dafür gesehen, dass man es mit einem Populisten zu tun hat, also mit jemandem, der das Volk für dumm verkaufen will. Besonders raffiniert ist es, eine eher komplexe Lösung, wie die Euro-Strategie von Bernd Lucke, stark vereinfacht darzustellen, um dann genau diese Vereinfachung Lucke als Übersimplifizierung und Populismus vorzuhalten.

Sicher gehen die wahren Demagogen, die Volks(ver)führer genauso vor und bieten Einfachstrezepte für komplizierteste Fragestellungen. Und was sagt dann Ockham dazu? Hier ist ausnahmsweise Einstein zuständig mit einer seiner brillantesten Handlungsanweisungen: Man sollte alles so einfach wie möglich sehen – aber auch nicht einfacher. Und in diesem Sinne ist das Rezept, immer nur hinter die Dinge zu sehen, in Wahrheit einfacher, als es Einstein erlaubt.