Die Jugend des Iran wendet sich in großer Zahl vom Islam ab

Irans Religionswächter sind zutiefst beunruhigt. Während in den arabischen Staaten der Islam privat wie politisch an Bedeutung gewinnt, wendet sich ausgerechnet im islamischen Gottesstaat Iran vor allem die jüngere Generation vom Islam ab – und flüchtet sich in Sekten oder christliche Glaubensgemeinschaften.

Im Iran steht die Abkehr vom Islam unter Strafe. Die gängige Auslegung der Scharia sieht die Todesstrafe für jeden Muslim vor, der den Islam verlässt, um einen anderen Glauben anzunehmen (oder fortan Agnostiker oder Atheist zu sein). Die Bestrafung der Apostasie („Abfall vom Glauben“) – durch den Koran somit gedeckt – wird von den islamischen Religionswächtern auch damit begründet, dass die Zahl der christlichen Konvertiten, Atheismus und Sektengläubigkeit zunehme. Wie ein Tsunami habe der Atheismus, der Aberglaube und die Sektengläubigkeit Irans Jugend erfasst und mitgerissen.

Apostasie als zunehmende Bedrohung für den Islam im Iran

Das Internetportal Qantara.de, betrieben von dem ARD-Mitglied Deutsche Welle, berichtete Anfang Februar über die zunehmende Abkehr vom Islam im Iran. Das Portal Qantara.de geht auf eine Initiative des deutschen Außenministeriums zurück. Nach den terroristischen Anschlägen am 11. September 2001 in den USA sollte die zunehmende islamkritische Haltung durch das Medium entschärft und der „intellektuelle Dialog mit der Kultur des Islam“ gefördert werden.

Das Portal, das die Meldungen in Deutsch, Englisch, Arabisch und Türkisch verbreitet, bezieht sich hier auf das meist gelesene und zitierte Nachrichtenportal im Iran, der Baztab (zu deutsch: Echo). Das iranische Magazin wiederum wird vom ehemaligen Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden Mohsen Rezai betrieben. Wie Qantara.de berichtet, befasse sich die Webseite in erstaunlich offener und kritischer Weise auch mit Tabuthemen, so auch mit dem zunehmenden Atheismus, der zunehmenden Sektengläubigkeit oder dem Übertritt von Muslimen zum Christentum und Gründungen von sogenannten Hauskirchen in der Islamischen Republik.

Diese angebliche Offenheit ist aber mit ausgesprochener Vorsicht zu betrachten. Was sich auf den ersten Blick wie eine Kritik am amtierenden Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad anhöre, sei auf den zweiten auch eine versteckte Drohung an die Leser.

Alarmierend für die islamischen Wächter dürften die zahlreichen Kommentare zum relativ kurzen Beitrag auf dem iranischen Internetblog sein. Hier schildern Leser ihre Beobachtungen der alltäglichen Missachtung der Religion, manche beschreiben ihre Einschätzung für die Gründe der Abkehr der Jugend vom Islam oder bekennen sich sogar selbst zum Atheismus.

Inhaftierung und Folter

Aktuell wurde der säkulare iranische Blogger Siamak Mehr wegen seiner islamkritischen Äußerungen, die er auf seinem Internetblog veröffentlichte, verhaftet. Siamak Mehrs Gesundheitszustand sei sehr schlecht, er soll gefoltert worden sein.

Dies berichtet der Humanistische Pressedienst (HPD) und beruft sich auf Informationen der Exil-Iranerin Mina Ahadi. Ahadi ist sowohl Gründungsmitglied des Zentralrats der Ex-Muslime als auch des Internationalen Komitees gegen Steinigung und Vorsitzende des Internationalen Komitees gegen Hinrichtungen. Es gebe bereits Solidaritätsbekundungen für den Verhafteten, so Ahadi. Mittels einer Petition wird die Freilassung Siamak Mehrs gefordert.

Mohammad-Reza Purshajari – so der bürgerlicher Name Siamak Mehrs – schrieb 2011: „30 Jahre Lebenserfahrung unter dem islamischen Staat, eines Staates der von den schiitischen Klerikern absolutistisch und nach Mafia-Methoden beherrscht wird, zeigt mir, dass Islam Korruption, Kriminalität und Verbrechen bedeutet. Der Islam ist die satanische Lehre der Feindseligkeit und Zerstörung.”

Siamak Mehr ist nur ein Beispiel für die rigorose Verfolgung von Andersdenkenden durch die islamische Staatsführung.

Bekämpfung der Apostasie ist Chefsache

Vor zwei Jahren wurde der Kampf gegen die „falsche Mystik“ in einer offiziellen Kampagne zur Chefsache des obersten Glaubensführers im Iran, Ayatollah Khamenei, erklärt. Nach Ansicht der Regierung kann ein Muslim seinen Glauben nicht wechseln. Ein ethnischer Perser ist und bleibt ein Muslim, so die offizielle Sicht.

Der mächtigste Mann des Landes, Ayatollah Khamenei, verkündete in einer Grundsatzrede vor Theologiestudenten, dass die Verbreitung der Zügellosigkeit, die Propagierung der falschen Mystik und die sogenannten Hauskirchen Versuche der Zionisten und anderer Feinde seien, den Islam zu bekämpfen. In einer Fatwa gegen die „falsche Mystik“ verkündete der Großayatollah, deren Verbreitung bedeute Apostasie und Frevel.

Die Islamische Republik Iran hat die Verfolgung von christlichen Konvertiten und Hausgemeinden weiter verschärft. Wie die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) berichtet, hat in den vergangenen Monaten die Zahl der Verhaftungen und Einschüchterungen deutlich zugenommen. Die religiös motivierte Verfolgung von Minderheiten im islamisch geprägten Iran zielt insbesondere auf die Baha’i, auf Sufi-Muslime und auf Christen muslimischer Herkunft ab.

Zahl der Neu-Christen im Iran nimmt zu

Doch trotz der Repressionen von Seiten der Regierung sei die Zahl der Neu-Christen, die sich in Untergrundkirchen organisieren, in den vergangenen Jahren auffällig gestiegen. Die Menschenrechts-Organisation Open Doors, die sich weltweit für verfolgte Christen einsetzt, geht davon aus, dass die Zahl der Christen im Iran von rund 300.000 inzwischen auf 460.000 gestiegen sei.

Mehr als drei Viertel der Christen im Land sind ehemalige Muslime. Sie sind es, denen die Schärfe der Verfolgung durch das Regime und islamische Geistliche primär gilt. Im September 2008 wurde im iranischen Parlament ein Gesetzentwurf gebilligt, wonach der Abfall vom Islam auch strafrechtlich mit dem Tod bestraft werden soll.

Bislang konnte das iranische Gericht „nur“ Gefängnis oder harte Arbeitsstrafen festsetzen. Das Gesetz, Apostaten mit dem Tode zu bestrafen, ist bis jetzt noch nicht in Kraft getreten. Viele traditionelle Christen und Gläubige mit muslimischem Hintergrund haben den Iran bereits verlassen. (BS)