Francesco Güssow: Wie die vereinigte Linke einen Präsidentschaftskandidaten vernichtete

Steffen Heitmann (Bild: Deutscher Bundestag; Rechte:Copyright (c) Deutscher Bundestag / Werner Schüring; Quelle: Siehe Link)

Vor einigen Tagen berichteten wir hier auf metropolico über den Fall des Peter D. Krause,  welcher als Kultusminister in Thüringen eingeplant war aber (scheinbar!) aufgrund seiner Tätigkeit für diverse konservative Zeitschriften und Zeitungen zum Rücktritt vor dem Antritt gezwungen wurde.

Im heutigen Fall wird die Geschichte des Präsidentschaftskandidaten Steffen Heitmann geschildert, welcher als Nachfolger von Richard von Weizsäcker geplant war.

Steffen Heitmann war zum damaligen Zeitpunkt Justizminister in Sachsen und wurde von Helmut Kohl 1993 als Kandidat der CDU vorgeschlagen, weil er erstens als Theologe und Jurist eine gewisse Vorbildung und den Weitblick mitbrachte, weil er zweitens als ausgesprochen integer und eloquent galt und weil er drittens aus den neuen Bundesländern stammte und somit kurz nach der Wiedervereinigung dem Eindruck entgegen treten wollte, es hätte sich bei der Wiedervereinigung um einen bloßen Anschluss der neuen Bundesländer an die alte Bundesrepublik gehandelt.

Steffen Heitmann – Ein aufrichtiger Konservativer

Wer aber war nun dieser Steffen Heitmann? Wie sein Vorgänger von Weizsäcker war er auch ein Kirchenmann, auch wenn sich Heitmanns Biographie natürlich deutlich von der von Weizsäckers unterschied. Er wurde 1944 in Dresden geboren und hatte den Mut in der so genannten „DDR“ als bekennender Christ Theologie und Altphilologie zu studieren. Seine weiteren Stationen waren: 1970 – 1973 Pfarrvikar und Pfarrer in der Evangelischen Studentengemeinde in Dresden und kirchenjuristische Ausbildung. 1981/82 legte er beide juristischen Staatsexamina ab, ehe er 1982 Leiter des Bezirkskirchenamts Dresden wurde.

An der Wende war er auch beteiligt, so war er beispielsweise im April 1990 Vorsitzender der Gruppe „Verfassung“ und Mitglied im Koordinierungsauschuss bei der Bildung des Landes Sachsen. Im Jahr 1991 trat er der CDU bei.

Man sieht also, ein Mann, welcher durchaus das Zeug mitgebracht hätte, ein guter Präsident im gerade wiedervereinigten Deutschland zu sein. Aber bereits kurz vor seiner offiziellen Nominierung orakelte das selbsternannte Nachrichtenmagazin Der Spiegel aus Hamburg, Heitmann sei Kohls persönlicher Favorit, und sofort wurde in den eigenen Reihen der Union spekuliert, Kohl wolle Heitmann ins Schloss Bellevue hieven, um am rechten Rand der Union Stimmen zu fangen. Die Berliner Morgenpost schwadronierte davon, „dies sei die schlimmste Form der Verachtung der Bürger der ehemaligen DDR“.

Die Verleumdungskampagne setzt ein

Angesprochen auf die deutsche Geschichte versäumte Heitmann zwar nicht, auf die Einmaligkeit der Verbrechen in Auschwitz hinzuweisen, aber seine Frage, ob Deutschland deswegen für alle Ewigkeiten in die Sonderrolle der Weltgeschichte gedrängt werden könne und solle, ließ das linksgeschaltete Medienkartell in Westdeutschland hellhörig werden. Am 18.11.1993 gab er der Süddeutschen Zeitung ein Interview, in welchem er freimütig seine konservativen Ansichten zu Protokoll gab, welche vermutlich jeder normal denkende Mensch sofort so für sich unterschreiben würde, aber welche auch eine ziemliche Naivität gegenüber den Medien Heitmanns ausstrahlte. Glaubte der arme Mann doch tatsächlich an eine faire Berichterstattung.

Zur multitkulturellen Gesellschaft sagte er:

„Diesen Begriff halte ich als Programm für falsch. Eine multikulturelle Gesellschaft kann man nicht verordnen, sie kann allenfalls wachsen.“

Zur Nation:

„Mich schreckt er Begriff nicht, mich schreckt nur der Missbrauch.“

Zur NS-Vergangenheit:

„Die deutsche Nachkriegssonderrolle war ja in gewisser Weise eine Fortsetzung der angemaßten Sonderrolle der NS-Zeit. Das ist zu Ende. (…) Ich glaube, dass der organisierte Tod von Millionen Juden in Gaskammern tatsächlich einmalig ist – so wie es viele historisch einmalige Vorgänge gibt. Wiederholungen gibt es in der Geschichte ohnehin nicht. Ich glaube aber nicht, dass daraus eine Sonderrolle Deutschlands bis ans Ende der Geschichte abzuleiten ist. Es ist der Zeitpunkt gekommen – Nachkriegszeit ist mit der deutschen Einheit endgültig zu Ende gegangen.“

Sein größter Tabubruch – Das Benennen von Tabus

Hyperventilierte die vereinige Linkspresse spätestens beim letzten Punkt, trieb es der unverschämte Konservative sogar noch auf die Spitze, als er es als das größte Tabu anprangerte, Tabus zu brechen.

Das Merkwürdige ist in der Bundesrepublik Deutschland, dass es ein paar Bereiche gibt, die sind tabuisiert. Es gibt eine intellektuelle Debattenlage, die nicht unbedingt das Empfinden der Mehrheit der Bürger entspricht, die man aber nicht ungestraft lassen kann. Dazu gehört das Thema Ausländer. Dazu gehört das Thema Vergangenheit Deutschlands – die Nazivergangenheit. Dazu gehört das Thema Frauen. Ich glaube, dass man diese Debatten auch aufbrechen muss, selbst auf die Gefahr hin, dass man in eine gewisse Ecke gedrängt werde, wo man gar nicht hinwollte.

Heitmann hatte es damit als prophetisch vorausgesagt, was ihm jetzt blühen sollte. Wenige Tage nach Erscheinen des SZ-Interviews legte die linke Postille Stern nach und überschrieb eine Titelstory über Heitmann mit „Die Zumutung“. Das Magazin konstatierte bei ihm „strammrechte“ Ansichten, er gehöre an den Stammtisch, aber nicht in das Präsidentenamt. Dabei verhält es sich mit den Stammtischen so, wie Henryk M. Broder schon vor Jahren feststellte: Er (Broder) sehe an vielen Stammtischen mehr Niveau und Faktenwissen, als im durchschnittlichen deutschen Feuilleton. Der Spiegel legte in der gleichen Woche nach mit der Story „rechter Mann – rechte Zeit“:

Die klassischen konservativen Werte sind es, die der ostdeutsche Heitmann radikal ins Zentrum der Gesellschaft rücken möchte. Recht und Ordnung, Familie und Nation. Wenn er davon spricht , spielt dem hageren, kurz geschorenen Christdemokraten  manchmal ein fanatischer Zug um den Mund. Ein Gräuel ist ihm dagegen, was er die „Liberalisierung der letzten 20 Jahre“ nennt

Dieser Artikel stand unter der Überschrift: „Steffen Heitmann – Kohls Grüßonkel für die deutschen Spießer“. Um diese vermeintliche Fremdenfeindlichkeit Heitmanns zu belegen, bemühte man ein Zitat von ihm, was völlig nachvollziehbar und von jedem unterschrieben gehört, welches aber für die Linkspresse einen Graus darstellte. Heitmann hatte gesagt:

Diejenigen, die von Nächstenliebe reden, kommen doch meist nur aus der Ferne mit dem Ausländerproblem in Berührung. Das sind nicht die, denen täglich die Wäsche von der Leine geklaut wird.

Auf einer Karikatur des Spiegels sieht man Helmut Kohl ein Transparent tragen:  „CDU für Heitmann“. Dahinter läuft ein Hitlerverschnitt mit dem Plakat „NPD auch für Heitmann“.

Das ehemalige SED-Organ Neues Deutschland, welches wie selbstverständlich bis heute nicht verboten ist (man stelle sich vor, über 20 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges könne man noch an jedem Kiosk den Völkischen Beobachter kaufen, aber das ist ein anderes Thema) karikierte Heitmann in der Form, dass man Kohls ausgestreckten Mittelfinger zeigte, dessen Fingernagel in Form von Heitmanns Kopf fungierte.

Es ließen sich noch dutzende Beispiele für die Verleumdungen aufführen, immer wurde Heitmann als Nazi, Schoßhund, Marionette, Handpuppe und ähnliches dargestellt. Auch das politische Kabarett – seit 35 Jahren fest in kommunistischer Hand – befasste sich mit ihm.

Der bis heute aktive Richard Rogler sagte etwa in einer Sendung der ARD:

Steffen, du wirst Präsident. Keine Sorge, wir machen das! Auf deinen Berliner Amtssitz, da kommt die Reichskriegsflagge. Ausschwitz wird internationales Tagungszentrum.

Sein Kollege Hans Scheibner kommentierte die Bemerkung Heitmanns:  „Hätte meine Mutter so wie viele Frauen heute gehandelt wäre ich nicht auf der Welt“. Leider habe die Mutter vergessen abzutreiben, dieser Mann wäre uns dann erspart geblieben. So viel zu den Vorstellungen von Moral und Anstand der Linken.

Vom integren Politiker zum Nischen-Ossi deklariert

Den Todesstoß versetzte Richard von Weizsäcker, der Heitmann als „konturenarmen Nischen-Ossi“ bezeichnete. Was in der Geschichte der Bundesrepublik einen Tiefpunkt markierte und bis dahin einmalig war, ist dass ein amtierender Präsident seinen potenziellen Nachfolger in einer derartigen Weise herabsetzte. Weizsäcker ging noch weiter. Heitmann würde nicht versöhnen, sondern nur spalten. Dies versetzte Heitmann einen derartigen Tiefschlag, dass er am 25.11.1993 Kohl mitteilte, seine Kandidatur zurück zu ziehen. Kam die Kritik bisher aus einem ausgesprochen linken Umfeld und den Sozialisten aus den eigenen Reihen (Rita Süssmuth und Konsorten), kam sie nun vom amtierenden Präsidenten.

Angriff auf die geistige Hegemonie der 68er als Ursache für die Kampagne

Eckhard Fuhr schrieb damals in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), der eigentliche Grund für die Hetzjagd seien nicht seine konkreten Ansichten zu dem ein oder anderen Punkt gewesen, sondern seine generelle Ausrichtung, welche einem Generalangriff auf die geistige Hegemonie der 68er und dem generellen linken Zeitgeist gleichkam.

Heitmann selbst sagte zu dieser Analyse etwas später in einem Interview mit dem DS Magazin, der Verbandszeitschrift Mittelständischer Unternehmer:

Ich lebte in der irrigen Ansicht, dass wir uns durch die friedliche Revolution und durch die Wiedervereinigung die Meinungsfreiheit erstritten hätten. Ich habe zu spät gesehen, dass es auch im Westen eine wirkliche Meinungsfreiheit nicht gibt.  Zwar sind die Mechanismen andere – es gibt keine offizielle Zensur. Die hat es übrigens in der DDR auch nicht gegeben. Die geistigen Meinungsführer in Westdeutschland sahen durch die Wiedervereinigung ihre Vorherrschaft in Gefahr. (…)  Hätte ich das unendlich ideologisierte Meinungsklima in Deutschland besser gekannt, hätte ich meine Haltungen anders formuliert, freilich aber ohne sie inhaltlich zu ändern.

Und an anderer Stelle sagte er:

Ich wuße noch nicht, daß auch die Meinungsfreiheit im Westen eine eingeschränkte sein kann, daß man auch hier mit Zensur rechnen muß, mit einer Zensur, die ihre Maßstäbe aus dem Zeitgeist bezieht. Unterschätzt habe ich die Intoleranz einer linksliberalen Medienöffentlichkeit, die es längst verlernt hat, sich auch einmal selbst in Frage zu stellen. Bestraft wurde ich dafür, daß ich deren Tabus verletzte.

Und damit wurde ein weiterer konservativer Politiker, welcher durch seine klaren und vor allem volksnahen Ansichten bestochen hätte, von der linken Meinungsmafia ins Abseits gestellt. Beispiele gibt es viele, der Mechanismus ist immer derselbe.

Quellen:
Wer sich weitergehend mit diesem Fall und vielen weiteren Fällen linker Verleumdung beschäftigen will, dem sei das Buch „Die Diktatur der Guten“ von Klaus J. Groth zu empfehlen.

Eine weitere sehr umfangreiche Dokumentation des Falles findet man in dem Buch „Die Mitnehmgesellschaft“ von Jochen Kummer und Joachim Schäfer