Frank-Furter Schnauze: Über die Scharia am Nil, den türkischen Re-Islamisator und die politischen Symbole des Islams

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Der türkische Re-Islamisator: Recep Tayyip Erdogan (Bild: Ekim Caglar; Quelle: Wikipedia; Rechte: CC-Lizenz; Origina: Siehe Link)

Der heutige Tag steht im Zeichen des Islams. In Kairo setzten sich die Islamisten bei der verfassungsgebenden Versammlung wie erwartet durch. In Istanbul will der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gleich zwei große Moscheen errichten, eine davon ausgerechnet am Taksim-Platz in unmittelbarer Nähe zum Atatürk-Denkmal, einem Symbol des türkischen Säkularismus. Zwei Meldungen, eine Bedeutung: Die Welt erlebt die Renaissance des Islams als politischer Ideologie, als Rechtssystem und als Gesellschaftsordnung. Über die Scharia am Nil, den türkischen Re-Islamisator, die politischen Symbole des Islam – und was all das für den Westen bedeutet. Ein Kommentar.

Man stelle sich das einmal vor: Bundeskanzlerin Angela Merkel würde sich persönlich dafür einsetzen, dass in Berlin eine neue, große Prachtkirche gebaut wird. Bestenfalls noch in unmittelbarer Nähe zum Mahnmal für die Opfer des Holocaust. Obwohl Merkels Partei das „C“ im Namen trägt: Der Vorgang wäre in Deutschland völlig undenkbar. Zum Glück!

Man stelle sich ferner vor, das deutsche Grundgesetz würde nicht auf Menschenrechten und Demokratieprinzip beruhen, sondern ein religiöses Rechtssystem vorschreiben. Ein Rechtssystem, das nicht nur archaische Strafen vorschreibt, sondern – schlimmer noch! – Menschen unterschiedliche Wertigkeit zuschreibt, Frauen und Männer ungleich behandelt, die Anhänger einer Religion rechtlich privilegiert und bevorzugt. Auch das wäre, zumindest heutzutage, in Deutschland völlig undenkbar. Auch hier gilt, noch: Zum Glück!

Ein Unding in einer Demokratie

Die Türkei galt bislang als Hoffnungsschimmer dafür, dass sich demokratische Werte dereinst auch in der islamischen Welt durchsetzen könnten. Und zwar zurecht. Das Land stand für einen in diesem Kulturkreis einzigartigen Säkularimus, gespendet von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk. Der hielt von der Religion im Allgemeinen und dem Islam im Speziellen nicht allzuviel. Sein Vorhaben, die Türkei zu verwestlichen, war zuvorderst in der Erkenntnis begründet, dass der säkulare Westen den Rest der Welt in der Moderne abgehängt, ja sogar mehrfach überrundet hatte. Und zwar nicht einer „besseren“ Religion wegen, sondern aufgrund der erfolgreichen Entmachtung selbiger, aufgrund des Siegeszuges der Wissenschaft über den Glauben und daraus folgend einer nie da gewesenen technologischen Entwicklung.

Atatürk hatte erkannt, dass der Islam als Religion, mehr noch, als politisches System und als Gesellschaftsordnung, der Aufklärung und Modernisierung eines ganzen Kulturkreises im Wege stand. Und lange sah es so aus, als würde der von ihm beschrittene Weg die Türkei langfristig modernisieren. Nicht zufällig, sondern folgerichtig, stand die Türkei unter allen islamischen Staaten der Welt über Jahrzehnte wirtschaftlich und politisch am besten und am stabilsten da.

Während die positive wirtschaftliche Entwicklung auch nach der Regierungsübernahme durch Erdogans islamistische Partei AKP anhielt, entwickelte sich das Land politisch seitdem spürbar zurück. Wirklich säkular war die Türkei ohnehin nie, die Vormachtstellung des Islams und damit einhergehend die Unterdrückung religiöser Minderheiten war und ist nicht nur an der Tagesordnung, sondern in Form der staatlichen Religionsbehörde Diyanet faktisch institutionalisiert. Eine staatliche Religionsbehörde – auch das ist ein Unding in einer Demokratie nach westlichem Vorbild (sowie es ein Unding ist, dass diese Behörde über ihren deutschen Arm, die Ditib, hierzulande über 1.000 Moscheen betreibt).

Eine Welle des Fundamentalismus

Nun drohen selbst die letzten Bastionen des Säkularimus in der Türkei zu fallen, beispielsweise das Kopftuchverbot an staatlichen Schulen. Eine Regelung, die tatsächlich auch für westliche Länder vorbildlich wäre, da sie den gesellschaftspolitischen Einfluss der Religion auf wehrlose Kinder und Jugendliche zu reduzieren versucht. Und zwar erfolgreich, wie sich in der Türkei zeigte, weswegen sie den Islamisten in der AKP freilich ein Dorn im Auge war.

Die Politik des Re-Islamisators Erdogan steht in einer Linie mit dem, was in der ganzen arabischen Welt geschieht: Dem offensichtlichen Siegeszug fundamental-religiöser Kräfte, vor allem in Form des Wahhabismus saudi-arabischer Prägung. Und nicht etwa der türkische Säkularismus ist Vorbild für die Länder des „Arabischen Frühlings“, sondern ihre seit Jahren währende Re-Islamisierung durch die Regierung Erdogan. Das wiederum ist die Folge einer Welle des Fundamentalismus, ausgelöst in Saudi-Arabien und Katar, die schon vor langer Zeit die Türkei erfasst hat – und längst weit darüber hinaus reicht, bis in hiesige Gefilde.

Jetzt rächt es sich, dass ausgerechnet dort auf der Erde, wo der Islam in seiner wohl archaischsten Form bis in die Neuzeit hinein überdauert hat, gigantische Erdölvorkommen gefunden und seit Jahrzehnten gefördert wurden. Bezeichnend ist, dass die damit erwirtschafteten Milliarden und Abermilliarden in den allermeisten Regionen der arabischen Welt kaum zu mehr Wohlstand und Freiheit für die Menschen führten, sondern zuvorderst zu einer überregionalen, mittlerweile globalen Offensive des Islamismus. Auch hierzulande wurden zahlreiche Moscheen und Islamzentren mit Petrodollers finanziert und dienen in letzter Konsequenz – wen mag das wundern? – den Interessen ihrer Erbauer, ihrer Förderer, ihrer Financiers. Und diese Kreise, das zeigt ein Blick dorthin, wo das Geld seinen Ursprung hat, haben mit Demokratie und Freiheitswerten ganz und gar nichts am Hut.

In genau diesem Kontext stehen die aktuellen Entwicklungen in Ägypten. Und in demselben Kontext sind auch Erdogans Bauvorhaben zu sehen. Sie stehen symbolisch für eine Entwicklung, die aus Sicht eines jeden Demokraten besorgniserregend sein muss. Denn die politische Dimension des Islams ist genauso wenig mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vereinbar wie der Sozialismus und seine zahlreichen Derivate. Das zeigt sich aktuell überdeutlich in den Ländern des „Arabischen Frühlings“, wo das kleine Pflänzlein der Demokratie von den Islamisten längst zertreten wurde. Und es zeigt sich seit Jahren schon in der Türkei, wo jeder Funken „mehr Islam“ zwangsläufig einen genauso großen Funken „weniger Demokratie“ zur Folge hat.

Im Zeichen des Islams

Das Vorhaben Erdogans, gleich zwei große Moscheen in Istanbul zu errichten, eine davon ausgerechnet am Taksim-Platz in unmittelbarer Nähe zum Atatürk-Denkmal, einem Symbol des türkischen Säkularismus, zeigt einmal mehr überdeutlich, was der türkische Ministerpräsident politisch im Schilde führt: Die Renaissance des Islam als politische Ideologie, als Rechtssystem und Gesellschaftsordnung. Wer geneigt ist, das politisch korrekt als „Islamismus“ zu definieren, sei an Erdogans eigene Worte erinnert: „Es gibt keinen Islam und Islamismus. Es gibt nur einen Islam. Wer etwas anderes sagt, beleidigt den Islam.“ Genauso dürften das die Islamisten am Nil sehen. Und deren Förderer in Saudi-Arabien und Katar sowieso.

Zwei Meldungen, eine Bedeutung. Der heutige Tag steht im Zeichen des Islams. Der Westen muss sich wohl langsam damit abfinden, dass die islamische Welt – ob es uns passt, oder nicht – ihr zukünftiges Heil nicht in Demokratie und Freiheit, sondern im Gegenteil, in Religion und Unfreiheit, zu suchen scheint. Traurig, aber wahr. Und schon sehr bald dürfte es in Istanbul zwei Bauwerke geben, die dafür exemplarisch stehen. Genauso exemplarisch wie die Großmoscheen in Köln-Ehrenfeld und Duisburg-Marxloh. Genauso exemplarisch wie das geplante Zentrum für Islam in Europa in München (ZIE-M).

Es sind politische Symbole einer Ideologie, die sich aufmacht, der neue globale Gegenspieler zum politischen System des Westens, zu Freiheit und Demokratie, zu werden. Wer darin allen Ernstes Positives zu erkennen glaubt, hat schlicht und ergreifend die politische Dimension des Islams nicht begriffen. Und das, obwohl sie doch eigentlich so offensichtlich ist.

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