Der türkische Ministerpräsident Erdogan auf einem Wahlplakat seiner Partei, der AKP (Bild: Ekim Caglar; Quelle: Wikipedia; Rechte: CC-Lizenz; Original: Siehe Link)

Wieder einmal war der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan zu Gast in Deutschland. Zwar schlug Erdogan dieses Mal in Sachen Integration scheinbar freundlichere Töne an, machte aber dafür ein umso skurrileres Angebot. Der Vorschlag, die Türkei könne der Europäischen Union finanziell unter die Arme greifen, steht exemplarisch für den stetig wachsenden Größenwahn des Recep Tayyip Erdogan.

Ob er das wirklich Ernst gemeint hat? Oder war es nur dumpfer Populismus, gerichtet an die Adresse seiner oftmals übertrieben nationalstolzen Landsleute in Deutschland? Wie auch immer. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat bei seinem Besuch in Berlin allen Ernstes vorgeschlagen, die Türkei könne die Europäische Union in ihrer Krise finanziell unterstützen. Offenbar durchschaut Erdogan weder die Dimension der Europäischen Staatsschuldenkrise, noch ist er sich der nach wie vor deutlichen, relativen Rückständigkeit seines Landes bewusst.

Nicht sonderlich vorbildhaft für Europa

Bei allen wichtigen Wirtschaftsindikatoren stünde die Türkei besser da als die EU, sagte Erdogan in seiner Rede zur Eröffnung der türkischen Botschaft. Eine Aussage, die mindestens realitätsverzerrend ist. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf beträgt in der Türkei aktuell 14.517 US-Dollar und damit deutlich weniger als in EU-Krisenstaaten wie Griechenland (27.073 US-Dollar) oder Spanien (32.360 US-Dollar), von Deutschland (37.897 US-Dollar) ganz zu schweigen (Mittelwert der 27 EU-Staaten: 30.494 US-Dollar). Wirklich stark, aus europäischer Perspektive gar traumhaft, ist hingegen das Wirtschaftswachstum der Türkei, das im Jahr 2011 bei 8,5 Prozent lag. Derart hohe Werte sind allerdings typisch für Entwicklungs- und Schwellenländer, während höher entwickelte Industrienationen naturgemäß ein geringeres quantitatives Wachstum aufweisen. Darüber hinaus wird das hohe Wirtschaftswachstum in der Türkei zum Teil durch eine ebenso hohe Inflationsrate relativiert (2011: 9,1 Prozent), die weder Ausdruck solider Wirtschafts- und Finanzpolitik ist, noch sonderlich vorbildhaft für Europa sein kann.

Mit Blick auf die hohe Inflationsrate (die in den letzten 15 Jahren phasenweise sogar hyperinflationäre Ausmaße erreichte) erscheint auch die relativ geringe türkische Staatsverschuldung von 38,8 Prozent des BIP in einem anderen Licht. Freilich ist dieser Wert weit niedriger als die horrenden 170,6 Prozent in Griechenland, allerdings fehlte den griechischen Regierenden – anders als Erdogan in der Türkei – seit Einführung des Euros ebenjener Mechanismus der Geldentwertung zum Kaschieren politischer Misswirtschaft. Freilich zeigen sich genau darin, in dem beängstigenden Anstieg der Staatsverschuldung in der Euro-Zone, gleichwohl in der hohen Arbeitslosigkeit insbesondere in Spanien, die spezifischen Probleme, die hauptsächlich aus der Einführung des Euros resultieren. Dass mittlerweile selbst Länder wie die Türkei in manchen wirtschaftlichen Indikatoren bessere Werte vorweisen, als Mitgliedsstaaten der Euro-Zone, darf mit Fug und Recht als Armutszeugnis für die Politik der Euro-Visionäre gewertet werden.

Das, was es ist: Ein Witz

Nichts desto trotz ist die Türkei in ihrer realwirtschaftlichen Entwicklung selbst von den Krisenstaaten in Europas Süden noch relativ weit entfernt, wie sich beispielsweise am Human Development Index (HDI) ablesen lässt, einem Wert, der auf Basis von Pro-Kopf-Einkommen, Lebenserwartung und Bildungsgrad das Wohlstandsniveau von Gesellschaften indiziert. Die Türkei lag im Jahr 2011 mit einem HDI von 0,699 auf Augenhöhe mit Ländern wie Tunesien, Jordanien, Iran und Kolumbien; und damit weit entfernt von europäischen Staaten wie Spanien (0,836), Griechenland (0,855), Frankreich (0,844) oder Deutschland (0,910). Dabei ist freilich zu berücksichtigen, dass es in der Türkei starke Differenzen gibt zwischen den einerseits relativ hochentwickelten Metropolen im Westen und den andererseits erschreckend unterentwickelten ländlichen Regionen im Osten. Fakt jedoch ist, dass – Differenzen hin, Differenzen her – das edle Hilfsangebot Erdogans in europäischen Ohren zuvorderst als das verstanden werden sollte, was es ist: Ein Witz.

Dasselbe gilt für Erdogans Aussage, sein Land sei bei einem EU-Beitritt keine Last für Europa, sondern wolle seinerseits Lasten übernehmen. Es ist bezeichnend, dass manch Kommentator in deutschen Medien – wie beispielsweise Welt-Online-Autor Alan Posener – wohlwollend auf das Zerrbild herein fällt, das dadurch entsteht, dass Erdogan einzelne Wirtschaftsindikatoren aus dem Zusammenhang reißt, jene eben, in denen die türkische Wirtschaft – den Euro-Rettern sei Dank! – tatäschlich vergleichsweise stark erscheint. Ein Blick auf die wahre Situation jedoch, auf die Einkommensverhältnisse, das Wohlstandsniveau und die horrend hohe Inflationsrate, gepaart mit der großen Bevölkerungszahl und Erdogans offensichtlichem Kurs einer Re-Islamisierung seines Landes, lassen einen EU-Beitritt der Türkei auch heute noch wie ein wirtschaftliches Waterloo erscheinen, gegen das die Querelen mit Griechenland – um im Bild zu bleiben – wie ein bedeutungsloses Gemetzel in der Provinz wirken.

Der Größenwahn des Recep Tayyip Erdogan

Der Vorschlag, die Türkei könne der Europäischen Union finanziell unter die Arme greifen, steht exemplarisch für den stetig wachsenden Größenwahn des Recep Tayyip Erdogan. Ein Größenwahn, der sich bis dato vor allem innen- und außenpolitisch zeigte: In seinem Auftritt auf dem pompösen AKP-Parteitag Ende September, auf dem so ziemlich alles geladen war, was unter Islamisten Rang und Namen hat; in seinem Streben danach, die Türkei zur Regionalmacht, gar zur Weltmacht zu entwickeln; in seinem Umgang mit politischen Gegnern und Minderheiten in der Türkei; und freilich auch in seinen Auftritten hierzulande, die stets gezeichnet waren durch anmaßende Einmischungen in die hiesige Integrationspolitik.

Zwar schlug Erdogan bei seinem aktuellen Besuch in Sachen Integration scheinbar freundlichere Töne an als zuletzt, blieb jedoch im Grundsatz seiner Linie treu: Türkische Einwanderer sollten auch die deutsche Sprache sprechen, sollten auch deutsche Autoren wie Hegel, Kant und Goethe verstehen. „In diesem Sinne müssen sie Doppelsprachler sein und sich mehr und mehr am Leben beteiligen“, so der türkische Ministerpräsident. Hinter dem freundlicheren Ton verbirgt sich derselbe Geist, mit dem Erdogan seit Jahren schon auf hier lebende Türken und ihre Nachfahren einzuwirken versucht: Der Geist des „erst türkisch lernen, dann deutsch“, der Geist von „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, der Geist von Türken bleiben Türken, auch in der dritten oder vierten Generation. Dem Zusammenleben in Deutschland ist das nicht dienlich. Aber darum geht es Erdogan offenbar nicht.

Politische Naivität – diesseits wie jenseits des Bosporus

Der türkische Ministerpäsident verfolgt andere Ziele, ist umtrieben von einem Größenwahn, der dazu taugt, den „Clash of Civilizations“, den überstanden geglaubten Kampf der Kulturen um die Vormachtstellung in der Welt, in eine neue Runde zu führen. Derzeit scheint der Westen alles andere als gewappnet für ein solches, gar historisches Ereignis. So exemplarisch Erdogan seinen Größenwahn in Berlin aus- und vorlebte, so exemplarisch gebärdete sich Außenminister Guido Westerwelle (FDP) als Hofnarr der Nation, als rückgratloser Vasall einer hoffnungslos naiven Politikergeneration. Es gehört zum Versagen dieser Generation, nicht nur den eigenen Kulturkreis mit gravierenden Fehlentscheidungen in die tiefste Krise seit Jahrzehnten geführt zu haben, sondern auch, vor den Entwicklungen im islamischen Kulturkreis und den daraus resultierenden Gefahren für Freiheit und Demokratie konsequent die Augen zu verschließen.

Bleibt nur zu hoffen, dass zukünftige Politikergenerationen der aktuellen auf ihrem Pfad grenzenloser politischer Naivität nicht folgen werden. Das im übrigen gilt diesseits genauso wie jenseits des Bosporus, nur eben mit jeweils unterschiedlichen Vorzeichen.