Start in eine neue Debattenkultur? Sendezentrum 2 des ZDF (Bild: Christian Koehn; Quelle: Wikipedia; Rechte: CC-Lizenz; Original: Siehe unten)

Dies könnte eine neu Ära in der diskussionssüchtigen Medienlandschaft einläuten. Der werbefreie öffentlich-rechtliche Sender 3sat, der als Gemeinschaftseinrichtung das Vollprogramm mit kulturellem Schwerpunkt vom federführenden Sender ZDF, dem ORF, der SRG SSR (vertreten durch das Schweizer Fernsehen) und den Fernsehanstalten der ARD betrieben wird, versucht es ab 27. August mit dem britischen Debattenkonzept.

Die Debattenkultur nach britische Konzept sieht in der Tradition der Universitäten von Oxford und Cambridge vor, dass zu einem Thema zwei Redner für und zwei Redner gegen eine These Position beziehen.

Theo Kroll (Bild: ZDFmediathek; Quelle: ZDFmediathek; Rechte: Siehe Link)

Bei der „3sat Debatte“ soll es sich um „ein neues politisches Live-Format“ handeln, so das Medienmagazin pro, und von Theo Koll moderiert werden. Zu Beginn darf jeder Redner seine Position in einer fünfminütigen Rede vorbringen und dabei versuchen, das Publikum von seinen Argumenten zu überzeugen. Im Anschluss dürfen die Zuschauer zwanzig Minuten lang Fragen stellen oder Kommentare äußern. Zu Beginn und dann wieder am Ende der Debatte dürfen sie live im Studio oder per Internet abstimmen. Außerdem können Internetnutzer eine Woche vor der Sendung über die These online abstimmen.

Ausgewogenheit sollte eine Selbstverständlichkeit sein

Was für eine Debatte, gerade wenn diese im öffentlich rechtlichen Sendbereich geführt wird, eigentlich oberster Maßstab sein soll, wird nun als etwas völlig revolutionäres dem geneigten Publikum verkauft. „Ausgewogenheit“ heißt das Zauberwort!

Plapperundenmüde Zuschauer, die die krampfhaften Bemühungen von Maischberger und Co., den Publikumsgeschmack zu treffen müde sind, bemängeln schon längst die verheerende und tendenziöse Ausrichtung solcher Meinungsmacherrunden. Ein nicht zu überbietendes Beispiel an Unausgewogenheit war die öffentliche Hinrichtung Sarrazins, wie sie der Papst der Ausfragerei Beckmann zur Sarrazins Buchveröffentlichung „Deutschland schafft sich ab“, oder aber Frau Maischberger, just nach dem Motto „Thilo gegen den Rest der Welt“ betrieben haben.

Warum so unausgewogen und tendenziell?

Gründe für diese Unausgewogenheit in den Massenorganen des Informationsgewerbes kann man getrost in der Parteienlandschaft suchen. Die Redaktionsstuben arbeiten nach dem Credo: Da die Mehrheit der Bevölkerung diese oder jene Partei gewählt hat, stellen diese Wähler auch die Mehrheit der Zuschauer oder Leser dar. Also dürfen diese auch nicht allzu sehr strapaziert oder gar vergrault werden. Kritik muss sein, denn das Publikum ist ja kritisch, aber bitte keinen allzu lauten Töne gegen die politische oder intellektuelle Kaste. Stramm auf diesem Weg, geht es mit der Meinungsfreiheit seit Jahrzehnten steil bergab, immer schön flankiert von den „kritischen, aber politisch korrekten“ Medien und deren Tabupolitik.

Ein weitere Grund für die mangelnde Qualität von politisch angehauchten Talkrunden dürfte darin liegen, dass die meisten Journalisten, und als solche bezeichnet sich auch Frau Maischberger, nicht über eine politische Halbbildung hinausgekommen sind.

Des weiteren leidet das Niveau und die daraus resultierende Desinformation des Publikums aufgrund der Bestrebung, den Publikumsgeschmack zu treffen. Nahezu alle Informationen werden in unterhaltender oder amüsanter Art und Weise angeboten. Das hat zur Folge, dass die TalkShows sogar bei ernsthaften wissenschaftlichen oder gesellschaftspolitischen Themen mit Prominenz aus dem Showgeschäft oder Prominenz aus Parteien und Interessensverbänden bestückt werden. Wenn es ganz dumm läuft, dann wird schon mal Til Schweiger zu Zukunftsperspektiven der Kernkraft befragt.

Ohne, dass entscheidendes Wissen zu einem Thema transportiert wird, kann über Stunden hinweg das interessenspolitische Kampfhähnegebaren der Partei- und Verbandfunktionäre über die Mattscheibe transportiert werden. So manche Plapperrunde wäre mit wenigen Sätzen beendet, wenn man unabhängige und hochkompetente Experten in diese Runden einladen würde und diese dann auch zu Wort kämen, anstatt von Moderatoren politisch korrekt ausgebremst zu werden.

Auftraktthema: Islam

„3sat Debatte“ hat sich als Auftaktthema das Endlosdrama Islam erwählt. Mit der konkreten Themenbeschreibung: „Ist der Islam mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar?“ haben sich die Verantwortlichen, nach Eigendarstellung, ein brisantes Thema vorgenommen.

Für die These, der Islam sei mit unserer Demokratie und unserem Verständnis von Menschenrechten vereinbar, sprechen die Präsidentin der „Humboldt-Viadrina School of Governance“, ehemalige Bundespräsidentschaftskandidatin und langjähriges SPD Mitglied Gesine Schwan sowie der Österreicher syrischer Abstammung Tarafa Baghajati, ehrenamtlicher Imam und Mitbegründer der „Initiative muslimischer Österreicherinnen“.

Gegen die These argumentieren der deutsch-ägyptische Historiker und Autor Hamed Abdel-Samad sowie der Philosoph und Vorsitzende der „Giordano-Bruno-Stiftung“, Michael Schmidt-Salomon.

Gesine Schwan (l.), Imam Tarafa Baghajati (2.v.l.), Hamed Abdel-Samad (m.), Michael Schmidt-Salomon (r.): (Bild: siehe Links; Quelle: Wikipedia)

Das Thema sowie die geladenen Diskutanten versprechen eine interessante Runde. Vorschusslorbeeren werden jedoch in Anbetracht der Federführung des ZDF´s nicht erteilt. Es bleibt dennoch das zarte Pflänzchen mit Namen Hoffung auf einen Start in eine neue Debattenkultur im staatlich finanzierten Meinungs- und Informationsmedium. Ob dies ein Auftakt in eine unabhängige und vielfältige Medienkultur ähnlich den USA sein kann, bleibt zu bewerten.

„3sat Debatte“ wird am 27. August um 21.15 Uhr aus dem Zollernhof des Berliner ZDF-Hauptstadtstudios live gesendet. Wir sind gespannt! (BS)

Artikelbild: Sendezentrum 2 des ZDF (Bild: Christian Koehn; Quelle: Wikipedia; Rechte: CC-Lizenz; Original: Siehe Link)