Bundestagswahl.- Stimmauszählung, Leeren der Wahlurne (Bild: Steiner, Egon; Quelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F011304-0002 / Steiner, Egon / CC-BY-SA; Rechte: CC-Lizenz)

Bauer Meckes Kartoffeln sind die besten. Das wusste sie genau. Oma Pasulke hatte alle ausprobiert und war am Ende doch immer zu Mecke zurückgekehrt. Ihre Nachbarn waren nicht so wählerisch und kauften im Stammsupermarkt. und das konnte sie überhaupt nicht verstehen. Sicher, nicht jeder hat soviel Zeit, sich ausgiebig mit den Eigenschaften der hier gehandelten Kartoffeln zu beschäftigen, und nicht jeder ist so beredt, um in kürzester Zeit alle relevanten Informationen aus den vielen Kartoffelhändlern auf dem Marktplatz in der Kreisstadt herauszukitzeln. Aber wer eine so wichtige Sache wie sein Essen nicht ernst nimmt, der war eben selbst schuld, wenn ihn die Galle plagte.

Wer kennt seine Wahlkreiskandidaten? Wer hat sich mit ihnen getroffen? Wer hat sie befragt und kann sagen, dass er weiß, wer von ihnen alles in allem der beste ist? Sicher, die Sache ist wichtig, heute noch wichtiger als vor ein paar Jahren, als die Parlamente noch nicht in diesem Maße zu Kanzlerwahlvereinen mutiert waren. Einen Kandidaten mit vernünftiger Meinung, mit Durchsetzungsvermögen, fester Stimme, Humor und dazu unbeeinflussbar – ja, so einen würde man sich wohl aussuchen und dann wählen.

Doch ebenso wie die Nachbarn der fleißigen Kartoffeltesterin werden die wenigsten soviel Zeit oder auch Beredsamkeit besitzen, um alle Kandidaten auf Herz und Nieren zu prüfen. Und was macht man, wenn man nicht testen oder ausprobieren kann? Man entscheidet – auf dem Marktplatz wie bei der Persönlichkeitswahl – nach dem Nasenfaktor.

Eine schlechte Wahl? Gar keine Wahl sondern Zufallsergebnis! Aber wie besser machen? Heute kauft man, besonders wenn die Zeit knapp ist, nicht auf dem Marktplatz ein sondern im Supermarkt. Und was kaufe ich ein, wenn ich ohne Tests und Recherchen sicher sein will, dass die Qualität stimmt? Markenprodukte. Hinter der Marke steht ein Versprechen, das seinen Preis hat. Auch gibt es bei Markenprodukten Ausfälle, doch der Hersteller hat, so weiß man, viel zu verlieren und gibt sicher sein bestes.

Welche Folgerungen sollte man daraus bei der Ausgestaltung eines neuen Wahlrechts ziehen? Nicht wenige befürworten ein Mehrheitswahlrecht, so wie es zum Beispiel im Vereinigten Königreich gilt. Gewählt wird ausschließlich der erfolgreichste Wahlkreiskandidat. Die einen wählen nach gründlicher Recherche, die anderen nach Nase. Die populärste Nase hat dann vielleicht mit nur 35 Prozent den Wahlkreis erobert und zieht ins Parlament ein. Die Stimmen von zwei Dritteln der Wähler bleiben für die nächsten Jahre im Parlament unberücksichtigt. Wer als Demokrat wegen der Fünfprozenthürde Einschlafschwierigkeiten bekommt, sollte bei dem Wort „Mehrheitswahlrecht“ nächtelang senkrecht im Bett stehen.

Wenn schon repräsentative Demokratie, dann bitte über ein Verhältniswahlrecht mit Parteien, die ihre Ziele formulieren und sich zu Marken mit Wiedererkennungswert und Kernkompetenzen entwickeln, das auch dem unzufriedenen Wechselwähler die Chance gibt, dass seine Stimme im Parlament über eine kleine Partei Gehör findet, und bei dem die Lektüre von Programmen Auskunft über die Risiken und Nebenwirkungen liefert.

Papier ist geduldig? Wohl war, aber wenn bei einem Markenprodukt die zugesicherten Eigenschaften fehlen, dann wird es bei der nächsten Kaufentscheidung floppen. Ein Rückgaberecht für meine FDP-Stimme gibt es leider nicht.