Kommt mit der Eurokrise eine Zeitenwende? (Bild: Peter Freitag; Quelle: pixelio.de)

Europa erlebe ein „Zeitalter der Unvernunft“, beklagte der amerikansiche Anarchist David Graeber am Donnerstag bei Maybritt Illner im ZDF. Nun legt Deutschlands profiliertester Literatur-Anarchist, Günter Grass, nach: „Europas Schande“ heißt sein neues Gedicht, das auf der Internetseite der Süddeutschen Zeitung erschien. Graeber und Grass ist eines gemein: Zur Lösung der gegenwärtigen Probleme tragen sie nicht bei. Im Gegenteil. Der moralische und ökonomische Unfug aus ihren Federn droht eher noch, alles zu verschlimmern.

Günter Grass scheint sich in der Rolle als linker Sarrazin zu gefallen. Nach seinem Israel-kritischen Gedicht „Was gesagt werden muss“ (und was besser verschwiegen worden wäre) meldet sich der Literaturnobelpreisträger nun mit einem Gedicht zu Griechenland und der Euro-Krise zu Wort. Und wieder gilt: Hätte er geschwiegen… Na, Sie wissen schon.

Eine moralische Instanz sieht anders aus

Grass ist tatsächlich das Konträr zu Thilo Sarrazin. Nicht nur ideologisch, sondern auch inhaltlich. Während der Ex-Bundesbänker das Thema Euro-Krise in einem Sachbuch verarbeitet, das an Zahlen und Statistiken zu ersticken droht, beschreitet Grass genau den umgekehrten Weg: Sein neuerliches Gedicht ist, genauso wie das vorherige, frei von Fakten und Argumenten, dafür ertränkt in ideologischer Sülze. Deutlicher könnte der Kontrast zwischen „Ideologismus“ und „Pragmatismus“ nicht dargestellt werden, als von diesen beiden Protagonisten ihrer jeweiligen Zunft. Bezeichnend für den intellektuellen Zustand der Republik ist allerdings, dass der Polemiker Grass mitunter noch als moralische Instanz gewürdigt wird, während der Finanzexperte Sarrazin übelste Anfeindungen ertragen muss.

Die Botschaft von Sarrazins neuem Buch ist deutlich: „Europa braucht den Euro nicht“. Und auf hunderten Seiten erklärt der Volkswirtschaftler, warum er zu dieser Einschätzung kommt. Man kann Sarrazin widersprechen, man kann anderer Meinung sein. Seine Datensammlung widerlegen kann man nicht so einfach. Die ebenfalls deutliche Aussage des Gedichts von Günter Grass lautet: Griechenland ist ein Opfer der „europäischen Schande“, ein Opfer Deutschlands, um genau zu sein. Die Mühe, diese These mit Tatsachen zu untermauern, macht sich Grass freilich nicht. Dazu fehlt ihm wohl auch jegliche ökonomische Kompetenz. Dementsprechend Sinn-befreit kommt das Gedicht daher. Und dementsprechend überflüssig ist es, sich im Detail mit den wirren Versen auseinander zu setzen, die mitunter Sokrates beschwören und auf die deutsche NS-Geschichte anspielen. Es genügt die Erkenntnis, dass Grass die Ideologie der europäischen „Solidarität“ als höchste politische Moral ins Unermessliche steigert und verlangt, ihr alles andere zu unterwerfen, und sei es noch so destruktiv. Oder, wie Kanzlerin Merkel einst sagte: „Koste es, was es wolle.“

Dabei hat Grass, der noch bis kurz vor Kriegsende Mitglied bei der Waffen-SS war und in seinem letzten Gedicht antisemitische Tendenzen zeigte, längst selber einen schweren „Tornister“ zu tragen. Eine moralische Instanz sieht anders aus.

Kommunismus oder Naturalismus?“

Nicht weniger moralisch und genauso Sinn-befreit gebärdete sich David Graeber, seines Zeichens Anthropologe und „Vater der Occupy-Bewegung“, bei seinem Auftritt in der Sendung von Maybritt Illner am vergangenen Donnerstag. Auch da ging es um die Euro-Krise, auch da waren Daten und Fakten unerwünscht. Also lud Illner nebst Talkshow-Profis wie Grünen-Chef Jürgen Trittin und Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) ebenjenen Graeber ein, der sich selbst als Anarchist versteht. Und ausgerechnet dieser Anarchist stellte fest, dass die Welt gegenwärtig ein „Zeitalter der Unvernunft“ erlebe. Bemerkenswert!

Zur Lösung des großen Übels dieser Zeit – in Occupy-Kreisen „Kapitalismus“ genannt – appelliert Graeber in seinem aktuellen Buch für einen kompletten Schuldenschnitt. Einen globalen Neustart, wenn man so will. Einen Neustart, der mit der größten Enteignungsmaßnahme der Menschheitsgeschichte beginnen soll. Dass das Recht auf Eigentum ein Grund- und Menschenrecht ist, erscheint Graeber und Konsorten wohl eher sekundär. So zeigt sich schon bei flüchtiger Analyse, was es mit der scheinbar edlen Ideologie auf sich hat.

Was für ein System nach dem Neustart folgen solle, „Kommunismus oder Naturalismus?“, fragte Maybritt Illner. „Mehr Demokratie“, antwortete Graeber. Das klang so unendlich moralisch wie wenn Grass von „Götterflüchen“ spricht. Tatsächlich dürfte Graeber’s Vorstellung von einer „besseren Welt“ auf jener Form von „Demokratie“ beruhen, die der „DDR“ das zweite „D“ im Namen spendete. Denn der größte Makel von Graebers Vision ist, dass sie demokratisch nur umsetzbar wäre, wenn eine Mehrheit dahinter stünde. Und das ist freilich nicht der Fall – mutmaßlich auch eine Art „Götterfluch“, aus Graebers Perspektive.

Der Sieg der Ideologen über die Pragmatiker

Die Wahrheit ist: Deutschland, Europa und der ganze Westen erleben eine existenzielle Krise. Warum das so ist, führen Protagonisten wie Grass und Graeber unfreiwillig, aber überdeutlich vor. Das wahre Problem ist die grenzenlose Ideologisierung von Politik bei gleichzeitiger Ignoranz vor volkswirtschaftlichen Tatsachen und gesellschaftlicher Realität. Das war der Ursprung der US-Immobilienblase, die nichts anderes war als eine Politik wider die Gesetze der Märkte, im Dienste einer scheinbar großen Moral. Und noch schlimmer wütet diese neuzeitliche Dummheit in Europa, wo ganze Völker sich im Namen eines nie dagewesenen Gesellschaftsexperiments, „Multikulturalismus“ genannt, abschaffen, wo eine Währung aus rein ideologischen Gründen entgegen jeder ökonomischen Vernunft eingeführt wurde, wo in Folge der daraus resultierenden Probleme in planwirtschaftlicher Manier Banken, Staaten und schlussendlich die Währung selbst vermeintlich „gerettet“ wurden, und wo das politische Establishment wider den Willen der meisten Bürger an der Entwicklung eines supranationalen, undemokratischen, zentralistisch regierten Staatenungetüms arbeitet.

Was den Menschen als völlig selbstverständlich verkauft wird, was nach Jahren der Indoktrination an Schulen, Universitäten und in den Medien von vielen längst als völlig selbstverständlich wahrgenommen und nicht mehr hinterfragt wird, ist tatsächlich ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Menschheit, ein Experiment, dessen Ausgang offen ist, dessen Schaden immens sein könnte und dessen Opfer schlimmstenfalls die Menschen sind, deren Rolle in diesem gefährlichen Spiel einer Kreuzung aus Versuchskaninchen und Maulesel entspricht. Damit wiederholt sich, wenn auch auf ganz andere Weise, was bereits die großen Konflikte des 20. Jahrhunderts begründete: Der Sieg der Ideologen aller Farben über die Pragmatiker ihrer Zeit, deren Makel war und immer noch ist, dass ihre Botschaft niemals einfach sein kann und somit für die Mehrheit nicht verlockend genug ist.

Dabei wäre in dieser Zeit nichts wichtiger als Pragmatismus. Denn eine weitere Wahrheit ist: Aller gegenwärtigen Probleme zum Trotz ging es den Menschen in Deutschland und im Westen nie so gut wie in den vergangenen Jahrzehnten. Die Geschichte dessen, was heuer allenthalben mit dem marxistischen Kampfbegriff „Kapitalismus“ beschimpft wird, die Geschichte der Freien und Sozialen Marktwirtschaft, ist eine Erfolgsgeschichte, wie sie die Menschheit nie zuvor gesehen hat. Und selbst in ihrer tiefsten Krise erscheint diese Marktwirtschaft noch wie eine historische Blütezeit im Vergleich zu den erbärmlichen Zuständen in heutigen und vergangenen sozialistischen Systemen.

Unvernunft und Schande

Umso verheerender also, dass die Ideologen dieser Zeit, die Grass und Graebers, aber auch die Merkels, Barrosos, Hollandes und Schäubles, einen Weg beschreiten, der zu mehr Sozialismus und weniger Freiheit führt, und dessen Resultat schon heute unweigerlich mehr Armut und weniger Wohlstand ist.

Marktwirtschaft bedeutet nicht, Banken und Spekulanten unendliche Freiheit einzuräumen. Fraglos besteht hier, wie in anderen Punkten, dringender Reformbedarf. Gerade dazu bräuchte es jedoch die Expertise jener, deren Ratschläge seit Jahren ignoriert werden. Wer stattdessen die Krise der Gegenwart als Grund deutet, jenes System in Gänze infrage zu stellen, das als einziges in der Geschichte der Menschheit derart große Freiheit und derart weit verbreiteten Wohlstand brachte, offenbart seine Ignoranz vor der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts. Moralisch ist das nur zum Scheine. Tatsächlich erleben Europa und der Westen ein Zeitalter der Unvernunft, ein Zeitalter der Schande. Grass und Graeber ist gemein, dass sie unfreiwillige Mahnmale ebenjener Unvernunft und Schande sind, die sie absurderweise beklagen. Zur Lösung der gegenwärtigen Probleme tragen jedoch beide nichts bei. Im Gegenteil. Der moralische und ökonomische Unfug aus ihren Federn droht eher noch, alles zu verschlimmern.

Einen begrüßenswert pragmatischen Vorschlag zur Lösung machte indes Markus Söder, der bei Maybritt Illner die Redensart vom blinden Huhn, das auch mal ein Korn findet, eindrucksvoll bestätigte. Er schlug Graeber vor, auf seiner Suche nach einer „besseren Welt“ doch mal in Bayern vorbeizuschauen. Dort habe es beinahe Vollbeschäftigung, die Wirtschaft sei intakt und die meisten Menschen seien zufrieden. Graeber täte wirklich gut daran, dieser Einladung zu folgen. Bestenfalls in Begleitung von Günter Grass und all den anderen Protagonisten dieser Zeit, die vor ideologischer Verblendung und moralischer Volltrunkenheit, aufgrund ihrer krassen Unvernunft und zu ihrer großen Schande, den berühmten Wald vor lauter Bäumen nicht sehen.