Hat das Zeug zu einem zweiten Ahmadinedschad: Mohammed Morsi (Bild: AlJazeera; Quelle: Wikipedia; Rechte: Siehe unten)

Das offizielle Endergebnis der Präsidentschaftswahl in Ägypten liegt noch nicht vor, doch es ist längst kein Geheimnis mehr, wie die Wahl am Nil ausgegangen ist. Das Resultat wird bereits diskutiert und analysiert – in Medien im Nahen Osten, in Medien in den USA, nur nicht in Medien hierzulande. Ein Zufall? Vielleicht. Schließlich fand gestern der Eurovision-Songcontest statt, der dieses Jahr tatsächlich auch eine politische Dimension hatte. Fakt ist aber auch, dass manch ein deutscher Kommentator sich schwer tun dürfte, das ägyptische Wahlergebnis noch politisch korrekt zu interpretieren.

Gewonnen hat die Wahl der religiöse Hardliner Mohammed Morsi, ein Mann, der in Deutschland bis dato kaum wahrgenommen wurde und der selbst kurz vor der Wahl bei Spiegel, FAZ und Co. noch eher als Außenseiter galt. Und das, obwohl er als Kandidat der Muslimbruderschaft ins Rennen ging, deren Partei die stärkste politische Kraft im neu-gewählten ägyptischen Parlament stellt. Während Morsi beispielsweise in der New York Times schon vor Wochen als Favorit gehandelt wurde, sahen viele deutsche Medien in dem gemäßigteren Islamisten Abdel Moneim Aboul Fotouh den aussichtsreichsten Kandidaten. Das war wohl vor allem eins: politisch korrektes Wunschdenken.

Eine Wahl zwischen Pech und Schwefel

Am Ende schaffte es Aboul Fotouh nicht einmal auf den zweiten Platz. Den erreichte der ehemalige Premierminister im Mubarak-Regime, Ahmed Shafik. Dessen gutes Abschneiden ist die große Überraschung, zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick offenbart Shafiks Wahlerfolg, der immerhin nur knapp hinter Morsi landete, was hierzulande beinahe unglaublich erscheint. Es gibt tatsächlich viele Menschen in Ägypten, die offenbar von der so genannten Arabellion und deren Folgen, seien es die chaotischen Zustände auf den Straßen oder das Gebaren der Islamisten im Parlament, die Schnauze sprichwörtlich voll haben und sich wieder stabilere Verhältnisse wünschen. Insbesondere für die religiösen Minderheiten im Land, allen voran die koptischen Christen, ging mit der Arabellion kein Plus an Freiheit, sondern ein Minus an Sicherheit einher. Bis zu 80 Prozent der Kopten sollen daher für Shafik gestimmt haben, da er der einzige Kandidat war, dem zugetraut wurde, dass er einen starken Gegenpol zur allmächtig erscheinenden Muslimbruderschaft bilden kann.

Mit Morsi und Shafik gehen also zwei Kandidaten in die Stichwahl, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Für viele Ägypter, vor allem die Freiheitsbewegung vom Tahir-Platz, droht eine Wahl zwischen Pech und Schwefel. Auf der einen Seite ein Islamist, der sich im Wahlkampf klar für die Scharia als zukünftiges Rechtssystem am Nil aussprach, auf der anderen Seite ein Statthalter des alten Machtregimes, zudem ein ehemaliger Armeegeneral mit besten Kontakten zum Militär.

In der Summe dürfte nun vieles für Morsi sprechen. Er hat die mächtige Muslimbruderschaft hinter sich, die Unterstützung des Herrschers von Katar und dessen einflussreichem TV-Sender Al Jazeera ist ihm sicher. Und über zwei Drittel der Ägypter gaben bei der Parlamentswahl zu Beginn des Jahres islamistischen Parteien ihre Stimme. Die Bruderschaft indes arbeitet bereits daran, Morsi als Kandidaten der Revolution zu inszenieren und Shafik als Repräsentanten des gestürzten und verhassten ehemaligen Diktators. Beste Aussichten also für Morsi, erster Präsident in der Ära nach Mubarak zu werden.

Ein zweiter Ahmadinedschad

Den Westen bringt die Konstellation allerdings gehörig in die Bredouille. Der erste Präsident im neuen ägyptischen Staatssystem wird prägenden Einfluss auf die Erarbeitung einer Verfassung haben und wichtige Personalentscheidungen treffen. Mit Morsi droht Ägypten der Weg in eine islamische Republik, schlimmstenfalls sogar in einen sunnitischen Gottesstaat. Die Muslimbruderschaft steht für den Islamismus Saudi-arabischer Prägung, den Wahhabismus, der danach trachtet, das Leben der Menschen bis ins Detail zu bestimmen, der die Gesetze Allahs über alle weltlichen Regeln stellt, der in letzter Konsequenz mit Freiheit und Demokratie nicht vereinbar ist. Und mehr noch: Morsi gilt als Gegner der Juden, als Feind Israels, der die Israelis beispielsweise in einem Interview als „Mörder und Vampire“ bezeichnete. Es droht ein zweiter Ahmadinedschad, ein sunnitischer Ahmadinedschad, um genau zu sein. Doch im Gegensatz zu Irans Ministerpräsident, der als Schiit selbst in der islamischen Welt relativ isoliert ist, wäre Morsi ungleich mächtiger, hätte die reichen Saudis hinter sich und würde eines der geopolitisch und weltwirtschaftlich bedeutendsten Nadelöhre kontrollieren: Den Suez-Kanal.

Verläuft durch Ägypten: Der Suez-Kanal vom Weltraum aus gesehen (Bild: NASA, gemeinfrei)

Wie wichtig der Suez-Kanal ist, zeigt ein Blick auf die Weltkarte. Er verbindet das Mittelmeer (und damit den Atlantik) mit dem Roten Meer (und damit dem Indischen Ozean). Der Großteil aller Waren, die in Europa produziert und nach Asien geliefert werden (oder umgekehrt, in Asien produziert und nach Europa geliefert), passiert diese Strecke. Auf dem Seeweg gibt es nur eine Alternative, nämlich um das Kap der Guten Hoffnung und damit um ganz Afrika herum. Nicht weniger bedeutend ist der Suez-Kanal für Seestreitkräfte, insbesondere die US-Marine, die auf die Verbindung für ihre Flottenbewegungen in der Krisenregion angewiesen ist.

Zwar wäre nicht unmittelbar zu befürchten, dass der Islamist Morsi als ägyptischer Präsident die Verbindung für westliche Schiffe schließen würde. Denn zum einen verdient Ägypten über die staatseigene Suez Canal Authority nicht unwesentlich an der Passage, zum anderen ist die Nutzung des Kanals in internationalen Verträgen geregelt. Doch ein wesentlicher Machtfaktor ist der Suez-Kanal allemal, zudem ein hervorragendes Druckmittel im Falle internationaler Auseinandersetzungen. Und vor allem ist er nur ein Beispiel dafür, was mit einem islamistischen Präsidenten in Ägypten droht: Eine weitere, erhebliche, geostrategische Stärkung des Islamismus als systemisches Konträr zum westlichen, freiheitlich-demokratischen Politikmodell.

Freiheit und Demokratie als Steigbügelhalter eines neuen Totalitarismus

Angesichts dessen dürfte spätestens auch dem ein oder anderen Vertreter der westlichen Linken ein böses Erwachen drohen. Gerade die Linke in Deutschland hat sich ideologisch darin eingerichtet, den Islam (und mit ihm den Islamismus) zu tolerieren, per Kulturrelativismus als ebenbürtig zu definieren und die mitunter schlimmen Zustände in islamischen Ländern als Ergebnis westlicher Außenpolitik zu betrachten. Nicht selten wurde und wird der Vorwurf laut, die Unterstützung früherer westlicher Regierungen für Herrscher wie Mubarak und Gaddafi sei der Hauptgrund für Unfreiheit und Armut in den jeweiligen Ländern. In letzter Konsequenz wird dem Westen auf diese Weise von seiner eigenen Linken noch die Hauptschuld für die dortigen Zustände gegeben.

Die Arabellion wurde dementsprechend als Befreiung der Länder Nordafrikas aus den Fesseln ihrer Machthaber, den Despoten von westlichen Gnaden, gefeiert. Sollte sich nun jedoch bewahrheiten, was sich längst abzeichnet, nämlich dass statt Freiheit und Demokratie der Islamismus zur neuen politischen Leitkultur in den Ländern des Arabischen Frühlings wird, drohen dortige freiheitlich-demokratische Kräfte vom Regen in die Traufe zu kommen. Der Traum der Jugendbewegung vom Tahir-Platz wäre ausgeträumt. Und genauso erginge es der Linken hierzulande, die bislang vor der freiheitsfeindlichen und undemokratischen Gestalt des Islamismus krampfhaft beide Augen verschließt. Letzten Endes wiederholt sich so Geschichte auf ironische Weise: Die Linke müsste sich zukünftig jenen Vorwurf gefallen lassen, den sie heute gegenüber früheren westlichen Regierungen äußert. Nämlich, das Entstehen diktatorischer Regimes in diesen Ländern aus politischen und ideologischen Gründen toleriert, schöngeredet, mitunter sogar unterstützt zu haben. Und zwar auf Kosten der Menschen dort, auf Kosten ihrer Freiheit, unter Inkaufnahme ihrer Armut.

Zumindest eine gute Seite könnte diese Entwicklung allerdings haben: Mit Mohammed Morsi als zweitem Ahmadinedschad und Ägypten als islamischer Republik ginge eine politische Polarisierung einher, die einerseits höchst medienwirksam die Schattenseiten des politischen Islam zu Tage brächte, gleichwohl andererseits die Vorzüge des westlichen, freiheitlich-demokratischen Systems exemplarisch vorführen würde. Es bliebe die Hoffnung, dass sich zukünftige Generationen in Ägypten mit wachsendem Einfluss des Internets doch noch aus der Umklammerung des Islamismus befreien. Und es bliebe die Hoffnung, dass hierzulande das Bewusstsein dafür wächst, welche Bedrohung mit der Islamisierung tatsächlich einher geht. Und dass es dringend notwendig ist, gegen diese Bedrohung Maßnahmen zu ergreifen, bevor auch hier Freiheit und Demokratie zu Steigbügelhaltern eines neuen Totalitarismus werden.

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Artikelbild: Mohammed Morsi (Bild: AlJazeera; Quelle: Wikipedia; Rechte: Siehe Link)