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Die Sphinx und die Chephren-Pyramide - Wahrzeichen Ägyptens (Bild: en:User:Hajor; Quelle: Wikipedia; Rechte: Siehe unten)

Wie die New York Times unter Berufung auf unabhängige Umfragen und das Ägyptische Staatsfernsehen berichtet, liegt Mohammed Morsi von der Muslimbruderschaft bei der Präsidentschaftswahl vorn, dicht gefolgt von Ahmed Shafik, dem letzten Premierminister des Mubarak-Regimes.

Demnach kam Morsi auf gut ein Viertel der Stimmen, dicht gefolgt von Shafik. Der gemäßigtere Islamist und ehemalige Muslimbruder, Abdel Moneim Aboul Fotouh, kam auf zirka 20 Prozent der Stimmen, genauso wie der säkulare Politiker Hamdeen Sabahi, der am ehesten als Kandidat für die Freiheitskämpfer vom Tahir-Platz galt. Sollten sich die Zahlen im offiziellen Endergebnis bestätigen, käme es zu einer Stichwahl zwischen Morsi und Shafik. Insgesamt hatten sich 12 Kandidaten für das Präsidentenamt beworben.

Die Wahl hat entscheidenden Einfluss auf die weitere Entwicklung Ägyptens und die politischen Verhältnisse in der Region. Nun deutet sich für die Stichwahl eine Entscheidung zwischen politischem Islam und den Mächten der Vergangenheit an, schlussfolgert die New York Times.

Ein zweiter Ahmadinedschad

Viele Ägypter reagieren geschockt auf das Ergebnis. Insbesondere für die Freiheitskämpfer vom Tahir-Platz, deren Protest den Umbruch eingeleitet hat, ist keiner der beiden Kandidaten tragbar. „Es ist ein Schock!“, sagte Ahmed Kabany, ein 38-jähriger Ingenieur, laut New York Times. Und weiter: „Ich möchte weder den einen, noch den anderen Kandidaten, also werde ich nicht wählen gehen!“

Morsi ist islamistischer Hardliner, der für die Implementierung der Scharia als Rechtssystem steht. Im Wahlkampf machte er immer wieder deutlich, dass er als Präsident für die Entwicklung Ägyptens zum „rein islamischen Staat“ einstehen werde. Außenpolitisch besonders prekär ist zudem, dass Morsi bereits häufiger mit extrem Israel-feindlichen Äußerungen aufgefallen war. So bezeichnete er die Bürger Israels beispielsweise als „Mörder und Vampire“. Dementsprechend besorgt schauen die Israelis auf die Wahl am Nil. Mit Mohammed Morsi droht dem Volk der Juden mittelfristig ein zweiter Ahmadinedschad, der allerdings als Vertreter der zahlenmäßig weit stärkeren Sunniten ungleich mächtiger wäre.

Heimlicher Kandidat der Militärregierung

Shafik hingegen gilt zwar als säkular, steht jedoch gleichwohl für das alte Mubarak-Regime. Mit Shafik könnte Ägypten erneut zum Polizeistaat werden, in dem vor allem das Militär große Macht auf die Politik ausübt. Shafik selber war vor seiner Amtszeit als Premierminister unter Mubarak Luftwaffengeneral und wird dementsprechend von vielen als heimlicher Kandidat der Militärregierung angesehen.

Damit könnte die Stichwahl um das Präsidentenamt für viele Bürger eine Wahl zwischen Pech und Schwefel werden, eine Wahl zwischen einem extrem islamistischen Kandidaten und einem Vertreter der „alten Zustände“, der Kontrolle durch Polizei und Militär. Die zahlreichen eher gemäßigten Kandidaten konnten sich indes nicht durchsetzen, nahmen sich möglicherweise auch gegenseitig zu viele Stimmen weg.

Besonders dramatisch wäre dieser Wahlausgang angesichts der Tatsache, dass der neue ägyptische Präsident prägenden Einfluss auf die Entwicklung einer neuen Verfassung haben wird. Der Traum eines freien, demokratischen Staates nach westlichem Vorbild scheint mit beiden Kandidaten relativ unwahrscheinlich.

Entscheidung zwischen Islamismus und Säkularismus

Mit Blick auf eine mögliche Stichwahl zwischen Morsi und Shafik stellt sich die Frage, welchem Kandidaten die vielen Wähler ihre Stimme geben werden, die im ersten Wahlgang für andere Kandidaten stimmten. Immerhin kämen Morsi und Shafik nach aktuellem Trend zusammen nur auf knapp die Hälfte der Stimmen. Die andere Hälfte der Wähler müsste sich nun also zwischen den beiden entscheiden.

Diese Ausgangslage dürfte dem Islamisten Morsi in die Karten spielen. Bei der ersten Parlamentswahl Anfang des Jahres konnten islamistische Parteien eine klare Mehrheit im Parlament erzielen. Sollte es bei der Stichwahl also um eine Entscheidung zwischen Islamismus und Säkularismus gehen, hätte der Islamist wohl die besseren Chancen. Denn wahrscheinlich ist, dass die Wähler, die im ersten Wahlgang für gemäßigtere, islamistische Kandidaten gestimmt haben, sich nun für Morsi entscheiden werden. Zudem steht der säkulare Kandidat Shafik für die alten Machtzirkel unter Mubarak, was ihm in der Stichwahl zum Nachteil werden dürfte.

Arabellion gescheitert?

Die Muslimbruderschaft versuchte bereits am Freitag Abend, aus dem absehbaren Wahlergebnis Kapital zu schlagen. In einer Pressekonferenz, die im Fernsehen ausgestrahlt wurde, luden Vertreter der Organisation die anderen „Kandidaten der Revolution“ (also alle außer Shafik) zu gemeinsamen Gesprächen ein, um eine Koalition gegen die alten Kräfte und unter Führung der Bruderschaft zu entwickeln.

Damit könnte Ägypten endgültig die Weichen in Richtung eines islamisch geprägten Staates stellen. Die Arabellion wäre dann wohl spätestens gescheitert. Zumindest aus Sicht der Freiheitskämpfer vom Tahir-Platz. (MP)

Kommentar zur Präsidentschaftswahl: Ein zweiter Ahmadinedschad

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