Der endgültige Schritt in die Schuldenunion: Euro-Bonds (Bild: Dieter Schütz; Quelle: pixelio.de)

Die Entwicklungen in der Euro-Krise nehmen immer krassere Züge an. Wirkte es schon vor wenigen Monaten so, als sei jedes EU-Gipfeltreffen unfreiwilliges, realpolitisches Kabarett, so hat sich die Lage seit den jüngsten Wahlen in Frankreich und Griechenland noch einmal drastisch zugespitzt.

Nun drängt fast ganz Europa auf die Einführung von Euro-Bonds. Noch stemmt sich Bundeskanzlerin Merkel gegen die endgültige Aufgabe jener politischen und ökonomischen Werte, auf denen die Währungsunion einst erbaut wurde. Doch die zahlreichen Kanzlerwenden der letzten Jahre lassen nichts Gutes für die nächsten Monate hoffen. Spätestens nach einem wahrscheinlichen Wahlsieg der radikalen Linken bei der Neuwahl in Griechenland könnte es für die Bundesregierung und den Rest Europas nur noch die Wahl zwischen Schwarz und Weiß geben: Entweder, Griechenland wird in die Insolvenz geschickt und muss die Euro-Zone verlassen, oder reiche Länder wie Deutschland übergeben den Hellenen den herbeigesehnten Blankoscheck. Spätestens dann könnten die Euro-Bonds zur Wunderwaffe verklärt werden, denn in Wahrheit sind sie genau das: Ein Blankoscheck.

Gut möglich, dass der ein oder andere europäische Sozialist der radikalen Linken in Griechenland deshalb gar die Daumen drückt. Insbesondere der neue französische Staatspräsident Francois Hollande hat in wenigen Tagen Amtszeit vorgeführt, wohin mit ihm die Reise geht. Während Hollande beispielsweise in Frankreich das Rentenalter wieder auf 60 Jahre herabsetzen will, sollen die Arbeitnehmer in Deutschland freilich bis 67 arbeiten und mittels Euro-Bonds noch für die sozialen Geschenke in anderen Ländern bürgen.

Die wahren Nationalisten

Diese Politik ist höchst deckungsgleich mit der außerordentlichen Frechheit eines Alexis Tsipras, Anführer des linksradikalen, griechischen Syriza-Bündnisses, der jüngst auf Einladung der deutschen Sozialisten in Berlin für seine ökonomische Fabelwelt werben durfte. Und die sieht so aus: Erstens will Griechenland nicht sparen, sondern konsumieren, zweitens will das Land aber trotzdem in der Euro-Zone bleiben und alle Annehmlichkeiten der Gemeinschaftswährung genießen. Für die eklatante Differenz zwischen erstens und zweitens sollen andere aufkommen. So einfach ist das, wenn es nach Europas Linken geht.

Allen Linken? Nein. In einem ziemlich großen Land mitten im Herzen des Kontinents gilt das genaue Gegenteil. „Der Opposition in Deutschland kann der Marsch in die Schuldenunion nicht schnell genug gehen“, stellte FAZ-Redakteur Holger Steltzner jüngst in einem Kommentar fest. In der Sache ist sich die deutsche Linke mit ihren europäischen Pendants zwar einig, doch die Motivlage könnte unterschiedlicher nicht sein. Während die Linke hierzulande geradezu devot bis masochistisch darum bettelt, mittels Transferzahlungen und Euro-Bonds das eigene Volk maximal zu geißeln, gebärden sich die Linken Europas wie die wahren Nationalisten. Sie streiten zuvorderst für die Interessen ihrer Bürger, ihrer Wähler um genau zu sein. Und deren Interesse ist vornehmlich Konsum, möglichst auf Kosten anderer.

Die Schuld-und-Schulden-These

Das ist es, was europäische Solidarität bedeutet: Eine Einbahnstraße, die darauf erbaut ist, dass an ihrem Ende ein Volk in der moralischen Sackgasse steckt. Weil es sich jahrzehntelang in seine vermeintliche Erbschuld gesteigert hat, anstatt sich endlich seiner neuen Identität als freie, demokratische Nation bewusst zu werden. Ein Volk, dessen Politiker überzeugt sind, diese Erbschuld der Deutschen ließe sich nur begleichen, indem sie auf Teufel komm raus als „Retter des europäischen Friedens“ ins Buch der Geschichte eingehen. Das macht Deutschland erpressbar. Europas Sozialisten wissen genau um das deutsche Trauma. Sie wissen genau, wie es sich für ihre Zwecke instrumentalisieren lässt.

So beweist gerade die Linke, in Deutschland wie im Rest Europas, dass Thilo Sarrazin mit seiner Schuld-und-Schulden-These recht hat. Mehr noch: Sarrazin hat die wichtigste Säule der Europa-Politik der letzten Jahrzehnte beim Namen genannt. Das Verwunderliche ist: Diese Säule ist so offensichtlich und allgegenwärtig, doch trotzdem führt sich die politische Kaste auf, als sei sie auf frischer Tat bei einem geheimen Coup ertappt worden.

Moralische und ökonomische Unausgewogenheit

Die Angst vor einem „zu mächtigen Deutschland“ war schon der Vorwand, mit dem insbesondere Frankreich den Rest Europas in die Währungsunion zwängte. Und dasselbe Argument, seinerzeit formuliert von Francois Mitterand hinter verschlossenen Türen bei den Verhandlungen zur deutschen Einheit, wird heutzutage von Politikern aller Lager als selbstverständliche Begründung für jede noch so schadhafte Politik auf Kosten der Deutschen angewandt. Es ist wohl davon auszugehen, dass nicht einmal mit Einführung von Euro-Bonds die deutsche „Kriegsschuld“ beglichen wäre. Zumindest nicht aus Sicht der Linken. Und schon gar nicht, so lange es noch irgendein Land in Europa gibt, in dem es den Menschen nicht signifikant besser geht, als hierzulande.

Die Zukunft wird zeigen, ob dieser Weg der moralischen und ökonomischen Unausgewogenheit tatsächlich dem europäischen Frieden dienlich ist. All zu logisch erscheint das freilich nicht. Und erste Tendenzen einer gegenteiligen Entwicklung als Folge dieser Politik sind längst offensichtlich. Auch in diesem Punkt dürfte Sarrazin wohl recht behalten. Traurig, aber wahr.