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Bundeskanzlerin Merkel gratuliert Joachim Gauck (Bild: Bundesregierung/Denzel)

Es hätte kein besseres Datum für die Wahl Joachim Gaucks zum Bundespräsidenten geben können als den 18. März, den Tag der Freiheit. Der 18. März 1848 markierte den Start der Märzrevolution, die zu den ersten freien Wahlen auf deutschem Boden führte, zur Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche und damit zum ersten zaghaften Versuch, eine freie, demokratische Republik in diesem Land zu gründen. Und am 18. März 1990 fand in Deutschlands Osten die erste freie Volkskammerwahl statt. Nun, am 18. März 2012, ist mit der Wahl Joachim Gaucks zum elften Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland die deutsche Einheit wohl endgütlig vollendet.

Das höchste gesellschaftliche Ideal der Neuzeit

Auch Gauck steht für das höchste gesellschaftliche Ideal der Neuzeit, der Moderne, des Westens: Die Freiheit. In den vergangenen Wochen sei Gauck in der Berichterstattung auf diesen Begriff verengt worden, beklagte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier am Rande der Bundesversammlung gegenüber der ARD. Das stimmt. Doch zeigte die Debatte um die „Gauck’sche Freiheit“ auch, wie gänzlich falsch der Freiheits-Begriff in Deutschland mittlerweile definiert wird. Jahre der Wirtschaftskrise hatten und haben eine verheerende Wirkung auf das Ideal des Liberalismus. Der mediale Usus, die Schuld für die Krise „freien Märkten“, wenn nicht gar „der Freiheit“ selbst zu geben und ihr „das Soziale“ als Synonym für eine vermeintliche Gerechtigkeit gegenüber zu stellen, hat großen Schaden an dem Begriff, dem Ideal und den damit verbundenen Werten angerichtet. Es wird eine, wenn nicht gar die entscheidende Aufgabe des neuen Präsidenten sein, dieser gesellschaftlich höchst problematischen Entwicklung entgegen zu wirken.

Freiheit als Ideal darf nicht losgelöst betrachtet werden. Genau das ist eine wichtige Botschaft Joachim Gaucks, der die Freiheit stets in Relation zur Verantwortung stellt. Nur eigenverantwortlich denkende und handelnde Bürger können eine freie Gesellschaft ausbilden. Zu diesem Verantwortungsbewusstsein gehört die Fürsorge für sozial Schwache ebenso wesenhaft dazu wie der Einsatz für das Gemeinwohl. Soziale Gerechtigkeit, und zwar in ihrer Reinform, steht dem Ideal der Freiheit nicht entgegen, sondern wohnt ihr notwendigerweise inne. Aus freiheitlicher Perspektive darf der Begriff der Sozialen Gerechtigkeit jedoch nicht einseitig, gar realitätsfremd besetzt sein. Genau das ist aber in Deutschland der Fall.

Größtmögliche Freiheit für alle

Eine Soziale Gerechtigkeit, die schleichend zur Entmündigung der Bürger führt, die die Macht des Staates und die Abhängigkeit zunehmend Vieler von selbigem erhöht, ist in Wahrheit keine solche. Sie ist eine Lüge, die unter dem Schein des Guten, des Gutgemeinten, das genaue Gegenteil bedingt. Genau das führt schlussendlich zu jener verzerrten Form der Freiheit, die nur für wenige Priviligierte gilt. Die wenigen eben, die sich ihre Unabhängig vom Staat noch leisten können, oder selber zu dessen Organen zählen.

Genau das ist nicht das Ideal der Freiheit. Der Liberalismus strebt nicht größtmögliche Freiheit für einige wenige an, sondern größtmögliche Freiheit für alle! Soziale Gerechtigkeit in einem liberalen Sinne bedeutet aber auch, dass die Bürger zu aller erst selbst – wie der Volksmund sagt – ihres eigenen Glückes Schmied sind. Das ist die realistische Komponente, die der Sozialismus gänzlich außer Acht lässt: Dass Wohlstand eben nicht politisch gestiftet werden kann, sondern wirtschaftlich erarbeitet werden muss. Deshalb ist die sozialistische Verheißung einer ultimativ freien und gerechten Welt ein Trugschluss. Dem Sozialismus wohnt gerade deswegen die Unfreiheit inne, weil er selbst anstatt der Bürger darüber zu richten sucht, was Freiheit ist, wer frei sein darf, wie frei jemand sein darf, wie die Gesellschaft in Gänze geordnet werden muss, um diese vermeintliche Freiheit, diese vermeintliche Gerechtigkeit, herzustellen. Er ist Ausdruck der weltbildlichen Überheblichkeit seiner Vordenker und Vorkämpfer.

Freiheit bedingt Realismus

Der Liberalismus hingegen ist die realistische Antwort auf diese traumtänzerische Verheißung. Gleichwohl ist das Ideal der Freiheit auf den ersten Blick die unangenehmere Ideologie, setzt sie doch Verantwortungsbewusstsein, Eigeninitiative, Engagement und sogar Leistung eines jeden Einzelnen zwingend voraus. Das macht die Freiheit so schwer vermittelbar: Sie ist eben nicht etwas, das ein heilsamer Gönner, ein Führer, wenn man so will, dem Volk von oben herab zu spenden vermag, sondern kann nur das Resultat schwerer Arbeit und richtiger Entscheidungen möglichst Vieler sein. Sie birgt sogar das Risiko des Scheiterns Einzelner. Nicht aber das Scheitern einer ganzen Gesellschaft.

Genau das ist vielleicht ihr entscheidendster Vorteil: Freiheit bedingt Mitbestimmung, Freiheit bedingt Demokratie, Freiheit bedingt Rechtsstaatlichkeit. Freiheit bedingt sogar Gerechtigkeit, soziale inklusive. Und Freiheit bedingt Realismus. Sie kann und wird den Menschen niemals die ultimativ gerechte Welt versprechen, da es eine ultimativ gerechte Welt genauso wenig geben kann wie eine ultimativ freie. Freiheit bedeutet aber, das größtmögliche Maß an Freiheit und damit das größtmögliche Maß an Gerechtigkeit für alle Bürger in einer Gesellschaft zu erreichen. Das ist weniger, als der Sozialismus verspricht, aber weit mehr, als der Sozialismus je erreicht hat. Und je erreichen wird.

Die richtige Antwort auf Christian Wulff

Es ist Zeit, allerhöchste Zeit, dass Deutschland einen Bundespräsidenten erhält, der sich diesem größten aller gesellschaftlichen Werte verpflichtet fühlt. So gesehen ist Gauck die richtige Antwort auf Christian Wulff. Der zehnte Präsident der Bundesrepublik stand wie kein zweiter für das Parteienkartell, dessen realpolitisches Wirken der vergangenen Jahrzehnte einen Verlust an Freiheit bedeutete. Der elfte Präsident ist nun ein Mann des Volkes, bestenfalls ein Mann, der die Interessen der Bürger, insbesondere ihren Wunsch nach (und ihr Recht auf) größtmögliche Freiheit auf höchster Ebene vertritt.

Es wird die große Herausforderung für Joachim Gauck sein, diese Hoffnung, die nun auf seinen Schultern lastet, zu erfüllen. Und zwar auch und gerade gegen die übermächtigen Feinde der Freiheit in Medien und Politik, jene Kräfte also, die sirenenhaft das Lied von der Gerechtigkeit singen, damit aber vor allem ihren eigenen Machtgewinn und Machterhalt meinen, auf Kosten der Bürger im Land.

Herzlich willkommen im Amt!

Genau deswegen braucht es endlich einen Bürger-Präsidenten, den Bürger-Präsidenten Joachim Gauck. Freilich wird dieser nicht über Nacht das Land reformieren. Das ist weder seine Aufgabe, noch hat er dazu die Mittel. Aber wenn es Gauck nur gelingt, in der öffentlichen Debatte den Schaden zu reparieren, der am Begriff der Freiheit genauso entstanden ist wie am Amt des Bundespräsidenten, dann wäre das ein großer Gewinn von unschätzbarem, moralischem Wert für dieses Land.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident Joachim Gauck. Herzlich willkommen im Amt! Ich wünsche Ihnen alles Gute, und vor allem: Ein dickes Fell. Sie werden es brauchen.