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Aller Voraussicht nach der nächste Bundespräsident: Joachim Gauck (Bild: Dontworry; Quelle: Wikipedia; Rechte: siehe unten)

Bei der letzten Sendung von Anne Will ging es einmal mehr um den Mann, der ab kommenden Sonntag aller Voraussicht nach der neue Bundespräsident dieses Landes sein wird: Joachim Gauck. Also stellte Will die Frage: „Bekommen wir endlich den Richtigen?“

Diese Frage wird Joachim Gauck selbst beantworten müssen, mit seinem Handeln in den nächsten Jahren. An die Adresse von Anne Will sei gesagt, dass ihre Zuschauer überwiegend „die Falschen“ bekommen haben. Nämlich überwiegend die falschen Gäste, um zu dieser Frage eine angemessene Einschätzung zu erhalten. Zumindest, wenn man aktuellen Umfragen glauben darf, die besagen, dass Gauck großen Rückhalt in der Bevölkerung genießt. In der Ostdeutsch-lastigen Talkrunde war das jedoch nicht der Fall.

Profiteure und Geschädigte

Vielmehr musste der Durschnitts-Wessi den Eindruck bekommen, dass in der Sendung vornehmlich alte DDR-Wäsche gewaschen werden sollte. Beachtlich waren insbesondere die Aussagen von Luc Jochimsen, jener Dame, die 2010 für die Linkspartei gegen Gauck und Wulff für das höchste Amt im Staate kandidierte. Sie wünsche sich, was keine Überraschung ist, „eine vollkommen andere Person“ im Schloss Bellevue. Eine Person, die die Versöhnung zwischen Ost und West voran treibt. Auch der letzte DDR-Innenminister und spätere CDU-Fraktionschef in Brandenburg, Peter-Michael Diestel, sieht in Gauck „das Spaltende, das Zersetzende“. Bemerkenswert ist, dass ein Mann aus Deutschlands Osten Bundespräsident werden soll, sich aber gerade in Deutschlands Osten Widerstand gegen diese Personalie regt. Und dass gerade manche Ossis in der Nominierung eines Ossis den Spaltpilz sehen, nicht die Versöhnung.

Der Grund ist freilich in der Historie zu suchen. Gauck repräsentiert eine Geisteshaltung, die insbesondere der Linkspartei zuwider ist: Das Streben nach dem Ideal der Freiheit. Da die Linkspartei in Ostdeutschland Volkspartei ist und die alten SED-Seilschaften in der ostdeutschen Gesellschaft nach wie vor weit verbreitet sind, erklärt sich die Abneigung gegen Gauck wohl vor allem darin, dass er ideologisch und politisch wie ein Konträr zu dieser sozialistischen, bisweilen kommunistischen Partei erscheint. Zudem hat Gauck als Leiter der nach ihm benannten Stasi-Unterlagen-Behörde wesentlich zur Aufklärung der Verbrechen beigetragen, die einst die Ahnen der Linkspartei (als SED) am ostdeutschen Volk begangen haben. Freilich nicht an allen Menschen: Es gab Profiteure und Geschädigte. Genau diese Spaltung ist es, die mit der Wahl Gaucks offenbar wird. Er steht für die Opfer und Geschädigten des SED-Regimes und deren Wunsch nach Freiheit, nicht für die Sympathisanten und Profiteure des ostdeutschen Sozialismus und deren Vorstellung von Gerechtigkeit.

Genau dagegen kämpfte Joachim Gauck

Apropos Gerechtigkeit: Dieses Wort wird in linken Kreisen geradezu inflationär bemüht, um zum Gauck’schen Symbol der Freiheit einen moralischen Gegenpol zu schaffen. Gaucks Liebe zur Freiheit sei ja gut und schön, er versäume es aber, die Gerechtigkeit zu betonen, heißt es allenthalben aus Reihen der Linkspartei (und bis weit in rot-grüne Gefilde hinein). Auch Jochimsen bemühte dieses konstruierte Argument in Anne Wills Talkrunde: Freiheit ohne Gerechtigkeit sei eine Freiheit für wenige Privilegierte, so die bekennende Linke. Und tatsächlich hat sie in diesem Punkt Recht: Freiheit ohne Gerechtigkeit bedeutet wirklich „Freiheit für wenige Privilegierte“. Der Umkehrschluss lautet übrigens: Freiheit für wenige Privilegierte bedeutet Ungerechtigkeit für die breite Masse. Und genau das war die Säule jenes Unrechtsstaats, der von den Ahnen der Linkspartei, der SED, gestaltet und beherrscht wurde. Genau dagegen kämpfte Joachim Gauck.

Das zeigt, wie gänzlich widersprüchlich es ist, wenn nun die Erben der SED die Gerechtigkeit als moralisches Geschütz gegen Joachim Gauck auffahren. Das Gegenteil ist der Fall: Der Gauck’schen Freiheit liegt die Gerechtigkeit in Form von Rechtsstaatlichkeit wesenhaft zugrunde. Anders kann Freiheit gar nicht funktionieren. Der Sozialismus der Linkspartei hingegen, namentlich seine Schein-Gerechtigkeit, ist wesenhaft auf dem Prinzip der Unfreiheit erbaut. Weil in seiner Systematik nur er selbst – und nicht das Volk –  darüber entscheidet, was gerecht ist. Und demnach: wer überhaupt in den Genuss von Freiheit kommen darf.

Freiheit und Gerechtigkeit

Freiheit und Gerechtigkeit sind keine voneinander unabhängigen Faktoren, sondern aneinander gebundene, voneinander abhängige und empirisch messbare Werte einer Gesellschaft (im mathematischen, wie im moralischen Sinne). Sie steigen proportional zueinander, nicht gegeneinander. Je größer die Freiheit in einer Gesellschaft, desto größer ist zwangsläufig die Gerechtigkeit (die diese Freiheit überhaupt erst ermöglicht). Und je größer die Gerechtigkeit in einer Gesellschaft, desto größer ist zwangsläufig die Freiheit (die diese Gerechtigkeit überhaupt erst ermöglicht).

Die passende Negativ-Formel hierzu ergibt sich zwangsläufig. Ihre Negativ-Werte (ebenfalls im mathematischen, wie im moralischen Sinne) lauten auf Unfreiheit und Ungerechtigkeit. Unterm Strich steht jene Staats- und Gesellschaftsform, die man hierzulande als Sozialismus kennt. Anderswo heißt sie Islam (gerne auch differenzierter, beispielsweise: Wahhabismus). Äußerlich mögen sie sich in Nuancen unterscheiden, in ihrem Innern jedoch teilen sie die wesentlichen Säulen mit allen anderen Formen des Totalitarismus: Unfreiheit und Ungerechtigkeit.

Freiheit und Verantwortung

Auch in einer freien, gerechten Gesellschaft gibt es Gewinner und Verlierer, sprich: Profiteure und Geschädigte. Doch Freiheit ist nicht gleichbedeutend mit dem Versprechen, dass jeder ein Gewinner, ein Profiteur sein wird. Freiheit bedeutet, dass jeder ein Gewinner, ein Profiteur sein kann. Und Freiheit bedeutet, dass es zu aller erst an jedem selbst liegt, ob er es zum Gewinner, zum Profiteur, schafft, oder nicht. Genau das bedeutet die Leistungsgesellschaft, genau das meint Gauck, wenn er in Bezug auf Freiheit von Verantwortung spricht.

Wer jedoch behauptet, es sei gerecht, allen Menschen zu versprechen, sie könnten Gewinner und Profiteure sein, begeht Verrat an der Realität. Und bedingt damit das genaue Gegenteil: Denn wenn irgendwer (der Staat, ein Diktator, die Obrigkeit, eine Elite, wer auch immer) entscheidet, wer gewinnt und wer verliert, wer profitiert und wer geschädigt ist, dann ist das in Wahrheit niemals gerecht. Da in diesem Fall statt der Leistung die Willkür entscheidet. Das Ergebnis ist zwangsläufig ein System, das nicht an (Selbst-)Verantwortung appelliert, sondern sich an seiner eigenen (kollektiven) Verantwortungslosigkeit ergötzt – und deswegen unverantwortlich, besser gesagt: ungerecht ist.

Für die Freiheit, gegen die Unfreiheit

Ja, liebe Anne Will, Joachim Gauck könnte wirklich „der Richtige“ sein für das Amt des Bundespräsidenten, wenn er es denn schafft, diese zentrale Botschaft zu transportieren, die einerseits so essenziell ist, so grundsätzlich und so wichtig für das Funktionieren einer freien, gerechten Gesellschaft, die aber andererseits so sehr in Vergessenheit geraten ist im Deutschland des frühen 21. Jahrhunderts: Nämlich die Botschaft, dass es nicht darum geht, gegen Linke, gegen Rechte, gegen Kreationisten oder gegen Islamisten zu kämpfen. Sondern zu aller erst darum, für die Freiheit zu kämpfen. Und folglich: für Gerechtigkeit. Und gleichwohl gegen die Unfreiheit, folglich: gegen die Ungerechtigkeit. Ganz gleich, in welchem Gewand sie daher kommt.

Artikelbild: Joachim Gauck (Bild: Dontworry; Quelle: Wikipedia; Rechte: siehe Link)