Die Freiheitsstatue, liebevoll Lady Liberty genannt, das Symbol für den freien Westen (Bild: Carl Ernst; pixelio.de)

Jeroen Zandberg ist Teil der Führungsmannschaft der UNPO, einer Organisation, welche die nicht in den Vereinten Nationen organisierten ethnischen Gruppen vertritt, etwa die Tibeter. Im vergangenen Jahr schrieb Zandberg das Buch Die Politik der Freiheit, in dem er die Grundlagen unserer Demokratie und unseres Streben nach Freiheit auf unkonventionelle Weise darstellt. Es ist vor allem seiner unverkrampften niederländischen Perspektive zu verdanken, dass er viele Konzepte und Begriffe, die wir für selbstverständlich halten, entlarvt und ihrer wahren Bedeutung zuführt. Felix Strüning sprach mit dem Autor über Nationalismus, Patriotismus, Multikulturalismus, Toleranz und ihre Bedeutung für die freie Gesellschaft (englisches Original bei Citizen Times).

metropolico: Herr Zandberg, ganz Deutschland diskutiert derzeit über rechtsextreme Nationalisten. Sie sagen hingegen, der Nationalismus ist gut. Wie meinen Sie das?

Jeroen Zandberg

Jeroen Zandberg: Der Nationalismus ist für eine gut funktionierende Demokratie notwendig, ja, ohne Nationalismus kann es keine moderne Demokratie geben. Jeder, der die Demokratie schätzt, und ich tue das, muss also eine Form von Nationalismus zu akzeptieren. Der Nationalismus ist eine Ideologie, die versucht, die Menschen zu einer politischen Einheit, dem Staat, zu machen – und zwar in der Art, dass die Menschen oder die Nation mit dem Staat zusammenfallen: der Nationalstaat.

Ein wichtiges Merkmal des Nationalismus ist, dass er selbst ernannten Eliten nicht erlaubt, das Volk zu regieren, sondern erfordert, dass die Menschen sich selbst regieren. Die Menschen müssen davon überzeugt sein, dass der Staat sie repräsentiert, damit sie seine Autorität und Legitimität anerkennen. Falls nicht, müsste der Staat so viel Polizei einsetzen um zur Kooperation zu zwingen, dass wir in einem Polizeistaat enden würden. Der Nationalismus ist daher eine treibende Kraft für eine freie und offene Gesellschaft, ohne Raum für Unterdrückung durch eine Elite.

Ein weiteres Ziel des Nationalismus ist, dass sich alle Mitglieder der Nation mit der gleichen Kultur identifizieren und dadurch miteinander, was durch die Standardisierung der Sprache, Bildung, Gesetzbücher, Medien und so weiter erreicht wird. Dies bedeutet nicht, dass alle identisch sein müssen, aber alle sollten eine ähnliche Identität teilen und müssen sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen, die im selben Boot sitzt, sozusagen. Nur innerhalb einer solchen Gemeinschaft ist es möglich, dass die demokratischen Institutionen, die eine moderne Demokratie ermöglichen, funktionieren. Ohne eine solche nationale Gemeinschaft ist es unmöglich, demokratische Debatte zu führen.

Könnte man das nicht auch als Patriotismus auffassen?

Jeroen Zandberg: Nun, natürlich kann der Nationalismus auch verwendet werden, um andere auszuschließen und gar zu beseitigen, aber dies ist selten. Diese seltenen Vorkommnisse werden jedoch oft verwendet, um den Nationalismus zu diskreditieren. Eliten, denen die Interessen der Bürger nicht gerade am Herzen liegen, die jedoch alle Vorteile einer hohen sozialen Stellung für sich beanspruchen, versuchen oft, von Patriotismus zu sprechen und gleichzeitig den Nationalismus herabzusetzen. Patriotismus bedeutet aber lediglich, dem Staat Loyalität zu schulden, selbst wenn dieser nicht durch das Volk legitimiert wird. Der Staat verkommt in dieser Perspektive zu einer Organisation wie jede andere. Wenn das wahr wäre, könnten wir unsere Soldaten auch bitten, für eine Telefongesellschaft zu sterben. Ohne Identifikation und eine emotionale Bindung zwischen dem Volk und dem Staat hätten wir keine andere Wahl, als unter einem Polizeistaat zu leben. Wenn wir das nicht wollen, dann brauchen wir also ein gewisses Maß an Nationalismus.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Ideologie des Multikulturalismus falsch bzw. schlecht sein muss?

Jeroen Zandberg: Wenn mehrere Kulturen, die jeweils unterschiedliche Regeln haben, um die Welt zu ordnen, an einem Ort zusammentreffen, dann muss es ein anderes ethisches System geben, um zwischen ihnen zu vermitteln. Zum Beispiel haben die Muslime die Scharia, die vorschreibt wie eine gute islamische Gesellschaft organisiert sein sollte. Diese Gesetze werden von Nicht-Muslimen nicht angenommen, da sie sonst ja auch Muslime wären. In einer wirklich multikulturellen Gesellschaft würde die Scharia das Leben der Muslimen regieren und jede der anderen Kulturen würden ihre eigenen Gesetze haben.

Aber Deutschland hat, wie andere europäische Nationen auch, eine Kultur, die auf dem Christentum und der Aufklärung aufbaut, welche wiederum die Ideen von Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung wertschätzen. Wenn Sie nun den Multikulturalismus anwenden würden, dann gälten die Werte der Aufklärung nur noch für die ethnisch deutsche Bevölkerung. Man bekäme ein Deutschland, in der jede ethnische Gemeinschaft ihre eigenen Regeln hätte. Das würde in einer modernen Gesellschaft niemals funktionieren, weil die Menschen ja nicht in ihren kleinen Gemeinden isoliert leben.

Multikulturalismus kann aber auch verwendet werden, um alle vorhandenen Kulturen zu entwerten, denn wenn alle Kulturen gleichwertig sind, was der Multikulturalismus impliziert, dann darf keine über die anderen herrschen. Im Fall von Deutschland bedeutet das, dass das bloße Vorhandensein einer anderen Kultur schon Grund genug ist, die deutsche Kultur durch etwas anderes ersetzen. Diese „neue“ Kultur ist per definitionem anti-demokratisch, weil sie die einer kleinen Elite ist, die sich selbst zum Vermittler zwischen den verschiedenen kulturellen Gruppen ernannt hat. Auf diese Weise herrscht eine Elite über eine Reihe unterschiedlicher Völker. In diesem Sinne ist der Multikulturalismus ein Sprung zurück in die Zeit, als noch große Reiche von einer kleinen Adelsschicht regiert wurden und die gesellschaftliche Position bereits mit der Geburt festgelegt war. Solche Imperien sind anti-demokratisch und unterdrückend und können außerdem wirtschaftlich in einer globalisierten Welt nicht konkurrieren.

Eine zweite Stoßrichtung des Multikulturalismus ist mindestens ebenso schlecht, weil sie auf die langfristige Zerstörung der ursprünglichen Bevölkerung ausgerichtet ist. Diese Sichtweise des Multikulturalismus besagt, dass Zuwanderer mehr unterstützt, also im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung privilegiert werden müssen bei der Integration in die Gesellschaft, weil sie aufgrund ihrer unterschiedlichen kulturellen Hintergründe benachteiligt seien.

Aber es gibt in einer individualistischen Gesellschaft immer Integration oder Desintegration, unabhängig vom Vorhandensein von Ausländern. Jedes Individuum strebt danach, die bestmögliche Position zu erreichen und sich selbst zu verwirklichen, was manchmal auch auf Kosten anderer geschieht. In der westlichen Gesellschaft wird dies immer von einem Konflikt zwischen Individuen begleitet, die sich infolgedessen auseinanderleben und die Gesellschaft dazu veranlassen, sich aufzulösen. Um die Gesellschaft zusammenzuhalten, muss es aber Mechanismen geben, die diese Individuen zusammenhalten. Der Gesamtstaat, der eine bestimmte nationale Kultur repräsentiert und auferlegt, hat im Laufe der Geschichte bewiesen, dass er der für diesen Zweck am besten geeignete Mechanismus ist. Integration und Desintegration sind immerwährende Prozesse, es wird daher auch im Jahr 2525 noch Integration geben, selbst wenn die gesamte Menschheit auf geheimnisvolle Art und Weise in eine einzige Gesellschaft umgewandelt werden würde.

Die Tatsache, dass Integration ein immerwährender Prozess und nicht an einen Endpunkt gebunden ist, hat schwerwiegende Konsequenzen für die Individuen in Europa. Wenn man Ausländer privilegiert, diskriminiert man automatisch die Europäer. Angesichts der Tatsache, dass Wettbewerb in westlichen Gesellschaften individuell ist, bedeutet dies, dass alle Europäer, die nicht das Glück haben, zu der kleinen, glücklichen Elite zu gehören, in ihren Möglichkeiten begrenzt sind und einfach akzeptieren müssen, dass sie Bürger zweiter Klasse sind. Die Möglichkeiten der Europäer werden geopfert, um den Ausländern jene Möglichkeiten zu geben.

Eine andere Politik, die diese Situation sogar noch verstärkt, besteht darin, dass dieselben Leute, die für die Integration und für positive Diskriminierung sind, auch versuchen, die Grenzen offen zu halten. Wenn man sieht, dass jeder Neuankömmling Unterstützung benötigt, um sich in die Gesellschaft zu integrieren, dann wird das daraus folgende System ein Apartheid-System werden, welches Ausländer bevorzugt. Die mögliche Konsequenz wird der Austausch der einheimischen europäischen Bevölkerung sein. Integration kann man daher am besten mit einer Neutronenbombe vergleichen, welche die Strukturen intakt lässt, aber alle Menschen auslöscht, die darin leben.

Und wie steht es um die so hoch gelobte Toleranz?

Jeroen Zandberg: Toleranz ist eine der Ideen, die den Westen großartig machen. Allerdings gestaltet sich die Toleranz in einer multikulturellen Gesellschaft völlig anders, als in einer nationalen Gemeinschaft. In ersterer dreht sich alles um die Koexistenz verschiedener Bevölkerungsgruppen, aber in der letzterer ist sie ein Mittel, um neue Lebensperspektiven zu finden. Dies ist ein Unterschied zwischen Stagnation auf der einen Seite und den Fortschritt auf der anderen.

Toleranz in einer multikulturellen Gesellschaft bedeutet, unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu erlauben, zu koexistieren ohne dass sie sich miteinander identifizieren. In einer solchen Situation ist es notwendig, dass die Öffentlichkeit frei von spezifischen kulturellen Ausdrucksformen zugunsten einer der Bevölkerungsgruppen bleibt, weil sie sonst die Freiheiten der anderen Gruppe einschränken würde.

Toleranz kann es in einer Wettbewerbsgesellschaft nur geben, solange die andere Person oder Gruppe keine erfolgreichere Strategie hat. Es ist nicht möglich, gegenüber einer überlegenen Gruppe/einem überlegenen Lebensstil tolerant zu sein, wenn man um die gleichen Existenzmittel kämpft, denn das würde Selbstmord bedeuten. Im Falle des Gruppenwettbewerbs ist es notwendig, die Gruppe zusammenzuhalten und eine zusammenhängende Front gegenüber anderen konkurrierenden Gruppen zu bilden. Wenn dies nicht geschähe, dann würde die Gruppe auseinanderfallen und die einzelnen Mitglieder würden den Kampf um die Macht verlieren. Ein großes Problem dabei ist, dass die Mitglieder bestimmte Kriterien erfüllen müssen, um die Gruppe intakt zu halten. Diese Kriterien bestimmen die Mitgliedschaft in der Gruppe. Das bedeutet, dass diese Kriterien für Mitglieder anderer Gruppen nicht mehr zur Verfügung stehen, weil auch sie einzigartig sein müssen, um ihre Gruppengrenzen zu markieren. Daraus entsteht eine Situation, in der sich ein bestimmter Lebensstil als erfolgreich herausgestellt hat, die Menschen ihn aber nicht übernehmen können, weil das ihre Identität und dadurch auch das Fortbestehen ihrer Gruppe und letztlich ihrer selbst gefährden würde. Das bedeutet, dass es in einer linken, multikulturellen Gesellschaft sehr große Vorbehalte dagegen gibt, von anderen zu lernen. Anstatt Elemente für Fortschritt und Freiheit zu liefern, beschränkt eine multikulturelle Gesellschaft jeden.

Die andere Sichtweise der Toleranz zielt auf Entwicklung und das beste Leben für alle. Toleranz in einer nationalen Gemeinschaft besagt, dass die Menschen frei sind ihren eigenen Lebensweg zu bestimmen um so erfolgreich zu sein, wie es ihnen persönlich möglich ist.

Wenn zum Beispiel jemand einen bestimmten Lebensstil „erfindet“, der es ihm ermöglicht, in der Gesellschaft sehr erfolgreich zu werden, dann würde ihn dies evolutionär betrachtet erfolgreicher als alle anderen machen. Damit die anderen überleben können, müssen sie diesen erfolgreicheren Lebensstil annehmen. Wenn dieser erfolgreichere Lebensstil von allen angenommen wurde, dann löst sich die Gesellschaft auf und die Toleranz verschwindet – zumindest zeitweise.

Toleranz ist allerdings kein Ziel, sondern ein Mittel zum Zweck. Das Ziel besteht darin, dazu in der Lage zu sein, immer weiter nach einem besseren Lebensstil/einer besseren Wahrheit zu suchen. Daher geht es bei der Toleranz um eine Auswahl sozialer Experimente, um den besten Lebensstil zu finden. Das Experiment, welches die besten Resultate erzielt, sollte dann für die gesamte Gesellschaft übernommen werden. Angesichts der Tatsache, dass wir in einer dynamischen Welt leben, ist es notwendig, dass man niemals aufhört zu experimentieren. Das bedeutet, dass es immer ein Bedürfnis nach irgendeiner Form der Toleranz geben wird.

Das Schlüsselmoment liegt darin, dass Toleranz nicht dafür verwendet wird, andere Menschen und Meinungen auszuschließen, so wie es im multikulturellen Umfeld oft getan wird. Stattdessen muss Toleranz zu einem Werkzeug werden, neue Möglichkeiten zu entdecken.

Bedeutet das auch, dass Gleichheit nicht so wichtig ist, wie sie meist aufgefasst wird?

Jeroen Zandberg: Im Gegenteil, Gleichheit ist ein wesentliches Merkmal der westlichen Kultur. Allerdings ist die Gleichheit oft absichtlich verdreht, um die Sonderstellung einer kleinen Elite zu legitimieren und die Gleichheit auf alle anderen anzuwenden. Das entspricht aber dem Satz: „Alle Menschen sind gleich in der Sklaverei.“ Die wichtigste Unterscheidung innerhalb Gleichheit ist die zwischen Chancengleichheit und Ergebnisgleichheit. Ich bin ein großer Befürworter der ersten und natürlich ein Gegner der letzteren.

Gleichheit oder Gleichstellung bedeutet nicht, dass jeder das gleiche genetische Make-up und die gleiche gesellschaftliche Stellung hat oder haben sollte. Gleichheit dreht sich für mich um den gleichen Wert jedes einzelnen, wobei dieser Wert aus der Perspektive des Individuums selbst bestimmt wird. Der Schlüssel zur Gleichstellung ist es daher, gleiche Chancen für jeden einzelnen zu bieten, um nach seinem persönlichen Erfolg zu streben. Wenn jemand die Fähigkeit dazu besitzt, ein professioneller Ringer zu werden, dann wäre es unethisch, wenn man ihn zu Ballettstunden zwingen würde. Seine Chancen auf ein erfolgreiches Leben – seine evolutionäre Fitness – würden für ein Ideal geopfert werden, das von einer Elite formuliert wurde, um sich selbst die Macht zu sichern.

Menschen sind soziale Tiere, ein Individuum kann daher nur es selbst sein, wenn es Teil einer Gruppe ist. Individualismus wird in der westlichen Kultur jedoch als wichtige Errungenschaft betrachtet und die Idee, dass die Gruppe die Freiheiten und Möglichkeiten des Individuums einschränkt, ist weit verbreitet. Um diesen Widerspruch zwischen der individuellen Freiheit und der Notwendigkeit, eine Gemeinschaft zu haben, in der man diese Freiheit auskosten kann, zu lösen, betont die westliche Kultur die Vereinigungsfreiheit sehr stark. Die Menschen sind dadurch in der Lage, selbst zu entscheiden, zu welcher Gruppe sie gehören möchten. Wenn diese Freiheit fehlen würde, dann wäre ein totalitärer Staat die einzige Alternative und die Menschen müssten sich einer aufgezwungenen Kultur unterordnen. Die Menschen sind letzten Endes nicht dazu in der Lage, als atomisiertes Individuum zu überleben.

Erläutern Sie dies bitte…

Jeroen Zandberg: Ist ein Jude ein Rassist, weil er jüdisch ist? Das Judentum ist in erster Linie eine Religion, die auf Volkszugehörigkeit und Abstammung basiert, wobei jeder, der eine andere Abstammung hat, ausgeschlossen wird. Die Ausgrenzung ist im Judentum demnach eine Diskriminierung aus ethnischen Gründen. Trotzdem ist das Judentum nicht illegal. Ist es den Menschen erlaubt, selbst festzulegen, mit welcher Gruppe sie sich identifizieren wollen oder sollte das von der Regierung aufgezwungen werden? Und welche Identität sollten die Menschen haben? Ist es rassistisch, andere auszugrenzen, wenn sie nicht dazu fähig sind, eine eigene Gruppe zu bilden?

Jede Form von Zusammenschluss beinhaltet notwendigerweise auch, dass andere ausgeschlossen werden, die bestimmte Kriterien nicht erfüllen. Wenn eine Gesellschaft die Vereinigungsfreiheit akzeptiert, dann muss sie auch akzeptieren, dass Menschen, die sich miteinander identifizieren, Vereinigungen bilden und jene ausgrenzen, die dies nicht tun.

Vor den großen Einwanderungsströmen nach Europa fiel die Vereinigungsfreiheit für gewöhnlich nicht mit einer spezifischen Identität zusammen. Im 21. Jahrhundert organisieren sich jedoch viele Gruppen auf der Basis ihrer Ethnie selbst. Die multikulturelle Gesellschaft ist zur täglichen Realität geworden. Linke Aktivisten sehen sie als normativ an – die multikulturelle Gesellschaft ist gut. Jeder, der gegen die multikulturelle Gesellschaft ist, wird als böse betrachtet. Des Weiteren wird fälschlicherweise angenommen, dass Diskriminierung die größte Bedrohung der multikulturellen Gesellschaft ist und dass Rassismus strengstens verurteilt und geächtet werden muss. Aber eine multikulturelle Umgebung basiert auf der Existenz von Gruppen, die sich ihrerseits auf der Basis von Abstammung und Zugehörigkeit organisieren. Eine multikulturelle Umgebung kann ohne Diskriminierung auf der Basis ethnischer Kriterien nicht existieren. Das Prinzip der Diskriminierung kann daher in einer multikulturellen Umgebung niemals schlecht sein, denn es ist die Grundlage jenes Systems und wird dadurch zu etwas „Gutem“. Aus der Tatsache, dass der Begriff „Rassismus“ als moralisches Urteil benutzt wird, um festzustellen, dass auf ethnischer Zugehörigkeit basierende Ausgrenzung und ebensolche Vorurteile böse sind, können wir schlussfolgern, dass Diskriminierung in einer multikulturellen Umgebung kein Rassismus ist.

Wir können also festhalten, dass Gleichheit nicht bedeutet, dass jeder identisch sein muss und dass es den Menschen daher verboten sein sollte, Vereinigungen zu bilden. In unserer Gesellschaft sollte Gleichheit gesehen werden als gleichwertige Möglichkeit der Menschen, ihre Ziele zu verfolgen und das Beste aus ihrem Leben zu machen. Teil einer Gemeinschaft der eigenen Wahl zu sein, ist ein wichtiges Element dessen. Solange andere auch in der Lage bleiben, nach ihren Zielen zu streben und dafür Organisationen bzw. Gemeinschaften zu gründen, können Exklusion und Gleichheit Hand in Hand gehen.

Und diese individuelle Selbstbestimmung, wie soll die konkret aussehen?

Jeroen Zandberg: Selbstbestimmung bedeutet, die Kontrolle über das eigene Schicksal zu haben. Sie entscheiden, was das Beste für Sie ist. Und nicht jemand anderes, der vielleicht nicht in ihrem Sinne entscheiden würde. Es ist dann wesentlich, dass alle Mechanismen, die den Grad der Selbstbestimmung beeinflussen, transparent und demokratisch sind. Viel zu oft konterkarieren Wissenschaft und Politik die Selbstbestimmung. Es ist daher unerlässlich, dass entsprechende Verzerrungen identifiziert und mit realen Fakten statt elitären Meinungen widerlegt werden.

Zum Beispiel ist ein grundlegendes Element der linken Weltsicht die Idee, dass eine moralische Wahrheit von jedem rational denkenden Menschen angenommen werden kann. Jeder Mensch werde zu derselben linken Schlussfolgerung kommen. Jeder, der eine andere Meinung hat, ist demzufolge entweder dumm, unverschämt oder ein böser Mensch. Die linke Sicht kennt nur „Fakten“ und sie sprechen für sich selbst.

Diese linke Vernunft kann man in der Realität besser als Rationalisierung beschreiben, denn wenn man sieht, dass die Natur selbst keine Moral kennt, dann kann eine absolute moralische Wahrheit niemals gefunden werden. Jede Form der Ethik basiert letzten Endes auf unbewiesenen Annahmen, die als wahr betrachtet werden, weil sie unseren Interessen am besten dienen. Die linke Weltsicht kann man daher als Religion betrachten. Jeder, der eine andere Weltsicht hat, ist blasphemisch und wird terrorisiert, um die Hegemonie der unterstellten Überlegenheit der linken Elite aufrechtzuerhalten. Die Tatsache, dass die linke Ideologie zwangsläufig richtig sein muss, bedeutet auch, dass andere Meinungen von der Debatte ausgeschlossen werden, denn die Annahmen der linken Ideologie bestimmen die Grenzen der öffentlichen Debatte. Jeder mit einer anderen Sicht wird daher mit der Rechtfertigung ausgeschlossen, dass diese böse oder dumm sei.

Diese falsche Argumentation der linken Elite ist verantwortlich für die Tatsache, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr länger von ihr vertreten fühlt. Jene Menschen werden ausgeschlossen, weil man sie aufgrund der Tatsache, dass sie der linken Logik nicht folgen, als unfähig betrachtet. Um die Selbstbestimmung wieder zurückzuerhalten, ist es wichtig zu erkennen, dass eine moralische Wahrheit niemals absolut sein kann und dass die sogenannten „Fakten“ der linken Elite reine Meinungsäußerungen des Establishments sind, das sich verzweifelt an seine Macht klammert.

Wenn wir über Selbstbestimmung sprechen, können wir die Wissenschaften nicht ignorieren. Nahezu alle wissenschaftlichen Entdeckungen der letzten Jahrhunderte fanden im Westen statt und befähigten uns entscheidend, die Natur und uns selbst zu kontrollieren. Man muss aber auch sagen, dass die Sozialwissenschaften die Dinge nicht einfach nur messen, sie erschaffen gleichzeitig auch eine neue Realität. Indem sie bestimmte Forschungsthemen auswählen, sind sie dazu in der Lage, das Ergebnis derart zu manipulieren, dass es die Meinung der Menschen in jede gewünschte Richtung beeinflussen kann. Sozialwissenschaften können daher leicht zu einem Mittel der Unterdrückung anstatt zu einem Mittel der Steigerung der Selbstbestimmung werden.

Das bedeutet nicht, dass die Sozialwissenschaften nutzlos sind. Im Gegenteil, sie sind eine der wichtigsten westlichen Errungenschaften, mit deren Hilfe wir nicht nur die Natur, sondern auch uns selbst kontrollieren können. Um Selbstbestimmung zu erreichen und dadurch unser Schicksal in die eigene Hand nehmen zu können, müssen wir sicherstellen, dass die Sozialwissenschaften frei von jeglichem Missbrauch sind. Aufgrund der Tatsache, dass Sozialwissenschaften immer relativ sind, ist es bis zum Missbrauch immer nur ein kleiner Schritt. Das wissenschaftliche Klima der letzten Jahrzehnte zeigt klar auf, dass eine ganze Menge der sogenannten Wissenschaft auf linkem Aktivismus beruht.

Ein anderes Beispiel sind Studien, die beweisen sollen, dass die Medien nicht links sind. Diese Studien fußen darauf, die Anzahl der linken und der rechten Reporter und Begriffe zu messen. Auf dieselbe Weise kann man auch leicht nachweisen, dass der Discovery Channel in Wahrheit eine Propagandamaschine der Neonazis ist. Wenn man zählt, wie oft Hitler oder das Dritte Reich erwähnt werden, und das damit vergleicht, wie oft der amerikanische Präsident Roosevelt erwähnt wird, dann ist die Anzahl von Ersterem weitaus höher als die Anzahl von Letzterem – und so wird aus dem Discovery Channel im Stile linker Sozialwissenschaften eine Neonazi-Propagandamaschine.

Nochmals ganz allgemein: Wie muss eine Gesellschaft organisiert sein, damit sie größtmögliche Freiheitsgrade aufweist?

Jeroen Zandberg: Aus meiner Sicht ist die Demokratie der Schlüssel, um zur bestmöglichen Gesellschaft zu kommen, in der Freiheit für so viele Menschen wie möglich gewährleistet werden kann. In der heutigen Demokratie gibt es jedoch viele undemokratische Kräfte, die sich als demokratisch zu verschleiern. Wenn wir die Werte der Aufklärung wieder mehr wertschätzen, haben wir eine gute Chance, diese antidemokratischen Kräfte zu besiegen. Wiedererlangung der Selbstbestimmung, ein richtiges Verständnis von Gleichberechtigung und die Rolle des Nationalismus sind die Schlüsselelemente in diesem Kampf. Ein weiteres Element ist es, wirklich zu verstehen, was Demokratie ist. In meinem Buch habe ich auf vielen Seiten die Prinzipien der Demokratie und die positiven Effekte des Populismus ausgeführt. Oft haben die Menschen nur eine allgemeine Vorstellung von dem, was Demokratie bedeutet. Befragt, würden sie Dinge nennen wie Wahlen, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit der Meinungsäußerung und eine Debattenkultur. Das ist alles richtig, aber es ist nicht die Essenz der Demokratie und unterschätzt die Gefahren für ihre Funktionsfähigkeit.

Das Wesen der Demokratie ist nicht durch bestimmte Inhalte definiert, es ist das Verfahren, um zu einem Ergebnis kommen, einer Wahrheit. Dabei hat die Demokratie keine andere Aufgabe, als den öffentlichen Raum herzustellen, in dem die Suche nach Wahrheit möglich wird. Dieser öffentliche Raum muss ein Umfeld schaffen, in dem alle Personen die Möglichkeit haben, sich an der öffentlichen Debatte als Gleichberechtigte zu beteiligen, um gemeinsam die bestmögliche Wahrheit zu finden. Zu diesem Zweck darf der öffentliche Raum nicht auf einer Moral beruhen und muss frei sein von Macht.

In einer Demokratie besteht „die Wahrheit“ aus den besten Argumenten und Ideen zu einem bestimmten Zeitpunkt für ein gegebenes Problem, die das Wohlbefinden und Überleben der Menschen fördert. Leider sind viele Kräfte am Werk, um diesen Prozess zu manipulieren. Als Ergebnis ist die erlangte Wahrheit oft nicht im Interesse der Menschen, sondern einer Elite.

Zum Beispiel ist der politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozess oft die exklusive Domäne der Politiker, die dann eine Wahrheit bestimmen, ohne die Mehrheit der Bevölkerung zu beachten. Letztere „konsultieren“ sie nur bei Wahlen, anschließend ignorieren sie deren Interessen.

Populistische Politiker sind sich hingegen darüber im Klaren, dass die bestehenden Verfahren, welche die demokratische Debatte und den Transfer der Macht garantieren sollten, durch die Eliten gekapert wurden, was die Demokratie verschwinden lässt. Die Suche nach der besten Wahrheit für die Menschen kann daher nur außerhalb dieser gekaperten Institutionen stattfinden. Beim Populismus geht es darum, die Demokratie zurückzugewinnen, indem man die gekaperten und daher konsequenterweise diktatorischen Einrichtungen umgeht und sie durch eine direkte Verbindung zu den Menschen ersetzt.

Zusammen gefasst: Das Wichtigste ist, dass die Gesellschaft durch Debatten von und für die Menschen und nicht von und für Eliten zu ihren Wahrheiten kommt.

In Ihrem Buch lassen Sie kaum ein gutes Haar an den Liberalen. Aber sind Sie nicht selbst einer?

Jeroen Zandberg: Ja, ich betrachte mich als liberal und sehe die Verdienste von vielen der liberalen und sogar linken Grundsätze. Allerdings können diese Grundsätze auf verschiedene Weise erklärt werden. Mein wichtigster Kritikpunkt ist, dass diese Prinzipien oft ganz bewusst in einer Weise interpretiert werden, in der sie die privilegierten Positionen der Eliten legitimieren und die Potenziale der anderen untergraben. Sie haben die Prinzipien, die den Westen erfolgreich gemacht haben korrumpiert und stellen insofern eine große Bedrohung für den anhaltenden Erfolg unserer Gesellschaften dar. Ich hoffe, dass die in meinem Buch vorgebrachten Argumente beim Angriff auf diese Korruption helfen und Alternativen anbieten.

Jeroen Zandbergs Buch Die Politik der Freiheit wurde gerade ins Deutsche übertragen. Derzeit sucht die Gustav Stresemann Stiftung einen Verlag für das Buch.