Yusuf Al-Qaradawi: "In den ersten fünf Jahren sollte es kein Händeabhacken geben" (Bild: Europenews)

In deutschen Medien wird mit Blick auf den „arabischen Frühling“ nach wie vor ein metropolicomiges Bild gemalt. Die Realität sieht jedoch anders aus: bei den ersten freien Wahlen in den betroffenen Ländern Nordafrikas gewannen die Islamisten. In Ägypten beispielseise konnten die fundamental-islamistische Muslimbruderschaft und die noch extremistischeren Salafisten über 70 Prozent der Stimmen auf sich vereinen. Wie Europenews berichtet, hat sich nun ein führendes Mitglied der Muslimbruderschaft, Yusuf Al-Qaradawi, in einem Interview zu den politischen Zielen seiner Organisation geäußert.

Demnach wünscht sich Al-Qaradawi, dass das Islamische Recht graduell in Ägypten eingeführt wird: „Das ist das Gesetz der Scharia und das Gesetz der Natur“. Dazu sei es notwendig, den Menschen die „Wahrheit über den Islam“ zu vermitteln, denn viele Menschen würden die Scharia „nicht richtig verstehen“.

„In den ersten fünf Jahren kein Händeabhacken“

Die anstehende Zeit solle vor allem als Periode genutzt werden, in der den Menschen die Gesetze der Scharia erklärt werden. „In den ersten fünf Jahren sollte es kein Händeabhacken geben“, so Al-Qaradawi weiter.

Das bedeutet freilich im Umkehrschluss, dass es „Händeabhacken“ nach fünf Jahren sehr wohl geben soll. Martialische Strafen wie das Abtrennen von Gliedmaßen, Auspeitschen und die Todesstrafe, selbst für – nach westlichem Empfinden – banale Vergehen wie Ehebruch und „Abfall vom Islam“ sind fester Bestandteil der Scharia. Die Muslimbruderschaft, der Al-Qaradawi angehört, wirbt für ein Verständnis des Islam nach Vorbild des saudi-arabischen Wahhabismus. Dort sind martialische Strafen, Ehrenmorde und Todesurteile für Nichtigkeiten bereits heute an der Tagesordnung. Frauen beispielsweise ist es nicht einmal erlaubt, ohne Begleitung eines männlichen Verwandten das Haus verlassen oder einen Führerchein zu machen und Auto zu fahren.

Al-Qaradawi gilt als einer der ideologischen Köpfe der Muslimbruderschaft. Nach dem Tod des vorherigen Anführers der Organisation, Mamoun al-Hudaibi, im Jahr 2004 soll ihm die Position angeboten worden sein, was Al-Qaradawi seinerzeit ablehnte. Der in Qatar lebende islamische Rechtsgelehrte und Publizist ist regelmäßiger Gast bei Talkshows auf Al-Jazeera, dem größten arabisch-sprachigen Fernsehsender, der sich wiederum im Besitz der Königsfamilie von Qatar befindet. Das kleine, unermesslich reiche Emirat Qatar gilt als Förderer des Wahhabismus in der islamischen Welt und unterstützte zuletzt die Muslimbruderschaft sowie die islamistische Ennahda-Partei in Tunesien bei den jeweiligen Wahlen.

Vom Regen in die Traufe

Ein genauer Blick auf die Geschehnisse in Nordafrika und der arabischen Welt führt die hierzulande flächendeckend betriebene Berichterstattung geradezu ad absurdum. Tatsächlich scheint die Arabellion nicht zu mehr Freiheit in den betroffenen Ländern zu führen, sonder zu mehr Islam. Die freiheitlichen Kräfte in diesen Ländern, die so genannte „Generation Facebook“ scheint derweil deutlich in der Minderheit und könnte nach dem Sturz der alten Regime so schon mittelfristig vom Regen in die Traufe kommen. (MPT)

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